Von der sowjetischen Nachkriegsgeneration hatte Geller wohl das ungünstigste Geburtsdatum - gerade die wichtigsten Entwicklungsjahre fielen in die Kriegszeit. So konnte er nicht im Krieg auf Vergünstigungen zählen wie etwas ältere Meister, und die etwas jüngeren fanden schon besseres Terrain vor. Aber auch ohne Einrechnung dieses Handicaps bleibt seine Lebensleistung unglaublich: In einer Zeit härtester schachlicher Konkurrenz und der vielleicht größten Begabungsduchte aller Zeiten hielt er sich sich zwei Jahrzehnte in der absoluten Weltklasse (dass er es wegen einer leichten Matchschwäche nicht zum Herausforderer brachte, hat in leider in der Erinnerung etwas verblassen lassen: In einem Kandidatenturnier 1965 wäre er einer der Favoriten gewesen).
Heute einer der bekanntesten Siege, sein Dreiundzwanzigzüger mit Schwarz gegen Fischer - der übrigens hier (abzüglich des einen Rechenfehlers, der ihn die Partie kostet) eine seiner kreativsten und besten Leistungen zeigt.
Fischer,R - Geller,E [B89]
Skopje Skopje (2), 1967
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lc4 e6 7.Le3 Le7 8.Lb3 0-0 9.De2 Da5 10.0-0-0 Sxd4 11.Lxd4 Ld7 12.Kb1 Lc6 13.f4 Tad8 14.Thf1 b5
Die Eröffnungsphase kommentieren wir nicht weiter - es wäre eher unsinnig, die ausgefeilten nachfolgenden Entwicklungen hier besserwisserisch vorzuhalten. Daher sei hier einzig vermerkt, dass diese Stellung heute wohl nie auf höherem Niveau vorkommen würde - längst hätten die Computer vorher ihr “Stop!” gesprochen. Allerdings sieht man auch ohne Krücke, dass Weiß deutlich besser steht - und Fischer greift zur aggressivsten und besten Verwertung mittels Figurenopfer. 15.f5!! b4 16.fxe6! bxc3
Es wäre z.B. hervorzuheben, dass im vorigen Zug die Schablone 16. Sd5 weniger wirksam wäre. Jetzt steht Weiß am Scheideweg: Totschlag oder “nur” großer Vorteil? 17.exf7+! Ich setze das ! zum einen aus schachlichen Gründen, aber vor allem, weil Fischer hier einmal nicht wie Fischer spielt. Die meisten Analysen haben es umgekehrt und wollen 17.Txf6 sehen. Natürlich steht Weiß nach 17….Lxf6 18.Lxf6 gxf6 19.e7 cxb2 überlegen (anderes ist eher noch schlechter), und Fischers Technik hätte gute Chancen, den Punkt nach Hause zu fahren. Analysediagramm
Aber einmal entscheidet sich Weiß hier, den schönen & gefährlichen Weg zu gehen. 17…Kh8
Wie weiter? Fischer hat ein tolles Manöver in petto: Tf5, Df1-f4. Kann Schwarz dagegen etwas unternehmen? 18.Tf5! Db4 19.Df1! Sxe4
Die kritische Stellung. Das schwarze Gegenspiel war nach den Eröffnungsfehlern praktisch optimal. 20.a3?? Dreht die Bewertung um fast 180°. Weiß will wohl die Gegenüberstellung der Damen auf der 4. Reihe mit Abzugsideen vermeiden, entwurzelt aber dabei b3, was viel schlimmer ist. Zur Rechtfertigung des 17. Zuges hätte man folgende Idee sehen müssen: 20.Df4!(droht Th5) cxb2! (20…Sd2+ 21.Txd2 cxd2 22.c3!! Dxb3 (22…Dc5 23.Kc2!) 23.Lxg7+! und matt.) 21.Th5! Sf6! (21…Lf6 22.Df5 h6 23.Txh6+! gxh6 24.Dg6!+-) 22.Th6 Txf7! Analysediagramm
Nur mit diesem Turmrückopfer kann man die sofortige Aufgabe vermeiden. Noch etwas verblüffender ist, dass ich gegen b2+ die schwarzen Läufer keinen ganz klaren Gewinn sehe, obwohl er existieren sollte. Man nur z.B. eine Computervariante: 23.Lxf7 Le4 24.Lb3 d5 25.Lxf6 gxf6 26.Txf6 Ld6 27.De3 Lc5 28.De1 Dxe1 29.Txe1 Ld4 30.Tf7 Lxg2 31.Td1 Le5 32.Lc4 Le4 33.Ld3 Lxd3 34.Txd3 Lxh2 35.Th3 Kg8 36.Tfxh7 Le5 37.Txa7 Tf8 38.Th1 Tf5 39.Td7 Lc3 40.Td1 d4 Analysediagramm
Natürlich nicht forciert. Ist diese Stellung gewonnen? Die Überleitung in ein Turmendspiel reicht jedenfalls knapp nicht: 41.T7xd4 Lxd4 42.Txd4 Tb5 Analysediagramm
Und nach 43.a4 Tb8 44.Td3 (Alternativ 44.a5 Kf7 45.Td6 Ke7 46.Tb6 Ta8 47.a6 Kd7 48.Kxb2 Kc7) Analysediagramm
44…Kf7 45.Tb3 Ta8 46.Tb4 Ke6 47.Kxb2 Kd5 Analysediagramm
kommt jeweils der schwarze König nahe genug, um gegen a+c Remis zu halten. Weiter in der Partie: 20…Db7 21.Df4
Fast dasselbe? Nicht ganz! Schwarz holt zu einem phantastischen Konter aus: 21…La4!! Jetzt ist es ein Spiel zweier Verstellungen. Lf6 wird den weißen Blick nach g7 entschärfen, während der Blockstein auf der anderen Seite auf b3 entwurzelt wird. 22.Dg4 22.Dh6 Lf6 23.Txf6 Lxb3-+ ist zu langsam. 22…Lf6! 23.Txf6 Lxb3!
Der Unterschied: Lb3 kann mit Schach abziehen und den Weg freimachen - der Tf6 nicht! 0-1