Archive for the 'Funktionäre, Funktionäre...' Category

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (VII) - Sponsoren und Mäzene (II)

Monday, September 6th, 2010

Dass die Absenkung der Gelder aus dem Sponsorenbereich vor allem dem Marktumfeld geschuldet ist, wird aus meiner Sicht auch durch die Situation an der Baustelle Schachbundesliga bestätigt. Wir erinnern uns: Vor gar nicht allzu langer Zeit war man dort angetreten, die Liga “von selbstherrlichen Mäzenen unabhängig zu machen und durch gezielte Vermarktung der stärksten Liga der Welt ein nachhaltiges Sponsoring zu generieren.”

(Ich zitiere sinngemäß und aus dem Gedächtnis, weil inzwischen die klassischen Schelz-Brandenburg-Beiträge im Zuge einer Neuorganisation klammheimlich von der Werder-Bremen-Seite verschwunden sind. Große Bitte: Hat die jemand gespeichert?  Sie wären zumindest von historischem Interesse, vom Spaßfaktor ganz zu schweigen. Lieber Till, am besten mir schicken, ich leg die dann hier neu auf).

Nun hat sich die Schachbundesliga, bei aller Kritik im Detail, ja an vielen Stellen in den letzten Jahren ehrlich bemüht.  Man hat einiges in den Webauftritt gesteckt und mit beachtlichem Zusatzaufwand eine Menge Liveübertragungen realisiert. Für die Interessenten ist dies zweifellos ein Gewinn, für die monetäre Bilanz nicht.  Die Liga ist m.W. weit davon entfernt, auch nur die Zusatzkosten für das Marketing wieder einzuspielen, obwohl viele Leute einiges Herzblut und unentgeltliche Arbeit hineinstecken.

Auch hier: Sponsoren sind dünn gesät, weil sie eben keinen Mehrwert sehen.  Schach ist, das wird von Optimisten wie Pessimisten gleichermaßen betont, ein Internetbusiness, wenn man denn überhaupt ein Business draus machen kann. Im Internet ist es aber zunehmend hart, Geld zu verdienen. Selbst ganz andere Mitspieler können das nur durch riesige Skaleneffekte erreichen. Wer heute etwa die Schachbundesliga im Netz vermarkten will, müsste in eines der wenigen Portale hineinkommen und entsprechende Zahlen vorweisen. Diese sind aber einfach zu niedrig (dass alexa hier angeblich sogar derzeit eine geringere Nutzung von schachbundesliga.de als von rankzero  behauptet, zeigt zwar wieder einmal, welchen Schrott alexa misst, aber nach solchen Schrottstatistiken wird ja oft genug entschieden).
Diese Entwicklung könnte sich natürlich etwas umkehren, wenn etwa Carlsen ansatzweise Fischer-Effekte generieren könnte. Momentan scheint eher die (auch in anderen Bereichen zu beobachtende) Entwicklung typisch zu sein, dass es Sponsoren (wie bei Carlsen Jeans-Modeling) nur für die dünne Spitze gibt und im Zweifel eher in der Breite gekürzt wird. Der deutschen Nationalmannschaft gebe ich wie der deutschen Bundesliga wenig Chancen. Ein Glück für das Schach, dass es noch Mäzene gibt, die sich trotz der harschen Abschiedskundgebungen weiter engagieren.

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (VI) - Sponsoren und Mäzene (I)

Monday, September 6th, 2010

Wir waren vor einiger Zeit bei der Betrachtung der Ressourcen stehengeblieben. Abgesehen von den im wesentlichen beitragsfinanzierten Finanzen des Schachbunds lohnt sich m.E. der Einschub eines Unterkapitels über Sponsoren und Mäzene, weil zum einen die Finanzierungskrise hier ihren Ausgang nahm, zum anderen die Diskussion hier immer wieder blindläuft. (Beispiel: “Ich bin Schachspieler, kein Fundraising-Experte. Ich finde, der Verband müsste sich darum kümmern, Sponsoren zu finden. Ein Verband, der nicht explizit erklärt, dass er nur für Amateure da ist, sollte einen professionellen Fundraiser haben, der Sponsoren sucht. Im DSB gibt es den entweder nicht oder er arbeitet schlecht, denn Ergebnisse sieht man nicht.” - im detaillierten Friedman-Interview).

Warum Ausgangspunkt? Nun, seit mehr als zwanzig Jahren werden meines Wissens die Nationalmannschaftsgehälter aus den Einkünften der Deutschen Schachbund Wirtschaftsdienst GmbH gezahlt. Über diese Zweckkonstruktion zur Umgehung der Satzungsbeschränkung haben wir hier oft genug geschrieben, so dass wir die Kenntnis voraussetzen können. Über dieses Modell hat sich meines Wissens auch kein Profi beklagt, als der vorhandene Pool in der Vergangenheit ziemlich fett war.

Ein zentraler Kritikpunkt ist ja, dass die Zahlungen seit zwanzig Jahren stagniert sind. Nun sind die Antrittsgelder heute, wie sich aus der Diskussion ergeben hat, nicht üppig, aber ungefähr im Marktdurchschnitt. Im Umkehrschluss würde vermutlich eine Rückwärtsanalyse ergeben, dass deutsche Nationalmannschaftsspieler in diesem Punkt bis 1990 gegenüber ihren Kollegen privilegiert waren. Der Stagnation bzw. leichter Rückgang der Zahlungen wären hier also nur eine Marktanpassung an die Realität.

Dennoch kann man zu Recht die Frage stellen, warum die deutsche Sonderposition in den Profigehältern nicht verteidigt werden konnte. Leistungsmäßig (nach Weltranglistenposition) ist kein signifikanter Unterschied der Gruppe Naiditsch, Friedman, Maier, Gustafsson gegenüber z.B. Lobron, Wahls, Hertneck, Hickl (deren Erfolge in punkto nachhaltiger Profikarriere trotz besserer Zeiten allerdings wenig ermutigend sind) zu sehen. Die Sonderstellung resultierte aus den signifikant höheren Sponsoreneinnahmen der Wirtschaftsdienst GmbH in jemer Zeit im Vergleich zu anderen Ländern. Den Löwenanteil trug angeblich über einen großen Zeitraum hinweg chessbase bei (dies würde auch zur deutschen Sonderstellung passen). Wie ebenfalls der aktuellen Diskussion zu entnehmen ist, haben sich die Hamburger hier zunehmend zurückgezogen. Lassen wir einmal die offiziellen Begründungen beiseite und erinnern uns an die Definition des Sponsors - der nun einmal im Gegensatz zum Mäzen nicht aus Liebe die Sache unterstützt, sondern weil er sich durch Werbung etc. geschäftlichen Gegenwert erhofft. Diesen Gegenwert bietet offenbar die Nationalmannschaft bzw. allgemeiner das Sonsoring des Schachbunds nicht mehr (wir können hier Vermutungen anstellen, würden dies aber gern in einen späteren Artikel verlagern). Auch der Vorwurf des mangelnden “professionellen Fundraisings” oder “Marketings” trifft nicht, da man bei chessbase davon ausgehen kann, dass sie ihr Geschäftsfeld sehr genau kennen und nicht erst auf die Nationalmannschaft als Werbeträger hingewiesen werden müssen.

Europa und die Welt

Sunday, September 5th, 2010

Mr. von Weizsäcker, your way to ECU Presidency in Khanty-Mansyisk will surely not be easy especially when you think about the habits of past voting procedures. Aren´t you afraid a little bit?

The mentalities within Europe are very different not to speak about mentalities worldwide. What we might consider as morally questionable is regarded as normal in many Eastern and Southern European countries, in Latin and South America as well as in other parts of the world. Therefore, it is difficult for me to predict the behavior of the delegates in Khanty-Mansiysk. I am afraid that corruption and money will have a substantial influence.

Das Interview (oder Selbstgespräch?  - der Fragesteller ist nicht klar) auf Prof. Robert K. von Weizsäckers Kampagnenseite mochte, soweit ich das sehe, überhaupt niemand mehr nachdrucken, auch der Schachbund und chessbase nicht. Es scheint bei ihm noch einiges durcheinanderzugehen, was die FIDE und ECU anbetrifft. Oder warum sorgt er sich, nach seinen Wahlchancen gefragt, um amerikanische Mentalitäten? (Die feinsinnige Aufzählung Latein- UND Südamerika kann man wohl auch nur als neoliberaler Ökonomieprofessor einer deutschen Eliteuniversität verstehen). Lustig auch, dass ja die Karpow-Kampagne gerade dort und in der Ukraine tourte und Erfolge vermeldete. Vielleichte sollte Garik seinen Robi noch einmal anrufen.

Protokoll (III)

Thursday, September 2nd, 2010

4. Turnierordnung

–   die vorgelegten Änderungen der TO durch den Landesspielleiters wurde kontrovers diskutiert (§ 13.6, § 16.2, § 3.2)

–  die Turnierordnung wurde mit Änderungen angenommen, die Veröffentlichung und Information der Vereine erfolgt in geeigneter Form verantw.: Landesspielleiter Termin: sofort

5. Anträge/Beschlüsse

–   keine weitere

6. Verschiedenes

–   der Verband kauft 50 Schachuhren vom Typ „Silver“. Die Vereine können sich an den Verband zwecks Erwerb wenden. Ansprechpartner: M. Sebastian

So macht man das also jetzt in Berlin, wenn mal eben kurz vor der Saison 30 Minuten Karenzzeit und Inkrement-Bedenkzeit beschlossen werden sollen. Nicht, dass die Vereine noch Zeit haben, etwa auf einer Mitgliederversammlung dagegenzustimmen oder sich für den Kauf der falschen Schachuhren zu entscheiden. Zum Glück hat der Verband ja schon Fakten geschaffen.

Sollte man nicht ohnehin auf der nächsten Sitzung einmal die Umbenennung in Dirk-Jordan-Bund erwägen? Dass Entscheidungsträger hier mit dem Silver-Vertreiber auch über das Geschäftsfeld der Ramada-Turniere verquickt sind, wird bei  einigen dogmatischen Anti-Korruptionsaktivisten vielleicht ungerechtfertigtes Stirnrunzeln auslösen. Aber wir  haben ja einen Schachbund-Präsidenten, der sich die Transparenz als höchstes Ziel auf die Fahnen geschrieben hat und international durchsetzen will.

Vom eigenen Verband hat er meines Wissens nicht gesprochen.

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (V)

Friday, August 13th, 2010

Welche Rolle soll also der Schachbund dabei spielen?

Es gibt eine Reihe von Wünschen, wenn man etwa die Interviews liest. Nun gut, die Nationalmannschaftsspieler dürfen sich ja gerne erst einmal viel wünschen, besonders wenn man sich die Situation in anderen Ländern anschaut. Man kann sich armenische Staatsstipendien, isländische Ratingbelohnung, niederländisches Trainingssystem wünschen und bei der Frage, was man denn so als Ranglisten-hunderter als Gegenleistung bringen kann (oder willens  zu bringen ist), angenehm vage bleiben. Das ist erst einmal wohlverstandenes Eigeninteresse und gutes Recht (wer will, kann ja auch mal kräftig drüber lachen).
Aber auch abseits rein persönlicher Motive kann man natürlich ein Interesse der deutscher Schachorganisation am Spitzenschach erwarten. Wir sammeln einmal Argumente und Behauptungen: Ein “deutscher Magnus Carlsen” (früher hieß das mal “Boris Becker des Schachs”) würde in die Breite ausstrahlen und neue Mitglieder bringen, deutsche Schachfans würden von der Nationalmannschaft einstellige Plätze erwarten,  man könnte Sponsoren mobilisieren und vor allem eine der Breite des deutschen Schachs entsprechende Präsenz in der Weltspitze etablieren, die die Abwärtsdynamik des Verbands umkehrt.

Das mag sich etwas blauäugig lesen (wir werden in der Tat später noch einmal detailliert draufschauen), aber erst einmal im Vergleich zur derzeitigen Situation nicht das Schlechteste, eine (vielleicht romantische) Strategie zu sondieren und dann zu sehen, mit welchen Ressourcen was umsetzbar ist.

Was der Deutsche Schachbund kann, ist relativ klar: Er verfügt über ein relativ großes Budget, das sich vor allem aus den Beiträgen speist; die können u.a. direkt ins Training investiert oder zur Gewinnung von Sportmitteln des Bundes ausgegeben werden. Spielergehälter sind davon bekanntlich nicht begleichbar, das müssten die Sponsoreinnahmen der Wirtschaftsdienst GmbH leisten.

Wir werden uns im folgenden zum einen die Ressourcen, zum anderen die derzeitige Verteilung und Wirkung ansehen.

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (IV)

Monday, August 9th, 2010

Dass wir in Teil (II) und (III) auf einen sehr kleinen Personenkreis im Hochleistungs- und Profischach gekommen sind, mag ein wenig gewaltsam erscheinen - mindestens wäre noch das Verhältnis zu klären, also ob wirklich beide als gleichbedeutend behandelt werden können.

Die Antwort lautet natürlich nein. Das Argument des Gustafssonschen Zeitverbrauchs in (II) ist für eine Verallgemeinerung zu schwach und taugt eher für die Bewertung seiner Glaubwürdigkeit, meinethalben auch der mangelnden Professionalität (wenn nicht seiner Arbeit, dann doch seiner PR). Es gibt ohne Zweifel eine Menge Spieler außerhalb der Top 20, die Schach im Leistungssinne umfänglich betreiben - wir kennen die finanziell unabhängigen Erben oder Rentner mit ausgedehnten Turnierkalendern ebenso wie die schon erwähnten Hartz IV-unterstützten Schachversessenen. Gemeinsam ist ihnen, dass Schach weit davon entfernt ist, ihre Haupteinkommensquelle zu sein. Auch der Spitzenbereich kommt das durchaus als Regelfall vor: Man denke nur an die Schachkomponisten, von denen wohl nicht wenige mehr Kreativität in ihre Arbeit stecken als eine Reihe Spitzengroßmeister (nur eine Nische? - nun, in ihrer Breitenwirkung und den ästhetischen Momenten, die sie den Zuschauern bescheren, reichen sie teilweise in die Größenordnung der Spitzenspieler, nur sind wir hier noch weniger gewohnt, etwas für ihre Leistung zu bezahlen - schade eigentlich). Selbst manche Fernschachspieler sollen ja noch wesentlich über ihre Computer hinaus arbeiten. Behindertenschach ist ein eigenes Gebiet.

Die Sonderstellung des klassischen Turnierschachs ergibt sich einfach aus seiner Breite. Nur in diesem Bereich haben es einige Spieler es zu einer Profilaufbahn gebracht, und er stößt auf ein abnehmendes, aber innerhalb des Spiels relativ größtes Interesse. Über längere Perioden standen hier auch externe Gelder zur Verfügung, etwa im kalten Krieg oder durch Vermarktung der Mensch-Maschine-Matches. Es ist legitim, die Ressourcen des Verbandes hier zu konzentrieren (umgekehrt gibt es immer plausible Argumente und Tendenzen, Nischen zu besetzen und nicht dort zu fördern, wo der Markt groß und die Erfolgsaussichten vage sind) - aber hier müssen wir uns letztlich über den schwierigsten Punkt klar werden, nämlich “was wollen wir?”.  Es wird jedenfalls immer Schachformen geben, die enthusiastisch und intensiv, aber ökonomisch defizitär bis Liebhaberei sind.

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (III)

Wednesday, August 4th, 2010

Als zweite Frage steht in unserer kleinen Reihe die Klärung des Profistatus’ an. Das werden wir nicht hinkriegen, weil gerade im Schach die (überall verbreitete) Grauzone des Halbprofitums besonders groß ist. Gemäß Definition sollten Berufsspieler in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt zu decken - ich füge hier noch zur Klärung das wichtige Wort nachhaltig hinzu, weil im Zuge der typischen Spitzenschachkarriere gerade entscheidende Jahre der beruflichen Ausbildung und Etablierung dem Schach gewidmet sind und man nicht ohne weiteres erwarten kann, nach Karriereende außerhalb der Welt des Schachs nennenswerte Einkünfte zu generieren.

Ein durchschnittlicher Großmeister wird statistisch etwas unter 15 Jahre lang in Turnieren der Kategorie seines Peaks spielen können (trotz vieler einzelner Ausreißer in beiden Richtungen ist dieser Langzeitwert ein sinnvoller Ansatz). Früher waren es vielleicht eher die Jahre 25-40, hat sich zwischendurch mal etwas Richtung Jugend verschoben, manchmal kann man auch über Wunderkinderbonus früher entsprechende Einnahmen generieren, die fehlen dann aber wieder den Alten. Danach (und davor) sind sicher auch gewisse Einnahmen möglich, die aber besonders im Alter durch zunehmende Kosten für Reisen (medizinische Versorgung im Ausland etc.) aufgefressen werden, so dass sie statistisch wenig relevant sind.

Setzt man die Werte deutscher Durchschnittseinkommen und -beschäftigungsdauer dazu in Beziehung sowie geht von deutlich höheren  Spesen aus, errechnet man leicht, dass westeuropäische Berufsspieler während der 15-Jahre-Leistungsphase deutlich mehr als € 100.000 jährlich einnehmen müssen, um ihren Lebensunterhalt nachhaltig zu erwirtschaften.

Alles andere sind Mischformen (etwa mit möglichen nachgelagerten Traineraktivitäten etc., wobei sich langfristig herumsprechen könnte, dass gealterte Spitzenspieler nur selten gute Trainer sind) , wobei  realistisch die Hartz-IV-Variante deutlich überwiegt - die große Mehrzahl der deutschen Schachspieler, die vorgeben, von ihrem Hobby leben zu können,  kann dies nur aufgrund der sozialen Minimalabsicherung, die dafür sorgt, dass sie im Alter nach derzeitiger Gesetzeslage nicht verhungern müssen. Größter Schachsponsor ist das Sozialministerium.

Die vier früheren Mitglieder des deutschen A-Kaders sind alle im kritischen Altersbereich, in dem eine Kapitalakkumulation in der genannten Höhe in der Erwerbsbiographie gefordert wäre. Auch wenn die Daten nicht komplett vorliegen, darf man doch aus den vorhandenen Informationen über Preisgelder schließen, dass wohl derzeit kein deutscher Spieler dauerhaft über der genannten Grenze bleibt, das heißt, es gibt realistisch gesehen niemanden, der professionell in Deutschland Schach spielt, sondern nur Hartz-IV-Aufstocker.

Es ist keine ganz einfache Frage, auf welchem Niveau man spielen muss, um obige Kriterien zu erreichen - das ist regional und zeitlich sehr unterschiedlich (es gab etwa starke Verzerrungen zu Zeiten des kalten Krieges). Interessanterweise dürfte aber bei den derzeitigen Schemata der Preisverteilung in Turnieren auch dies mit dem genannten Niveau der Spitzenspieler Top 20 zusammenfallen -  wenn man also rein bedarfsseitig an die Fragestellung herangeht, kommt man (schon im Interesse der Spieler) auf vergleichbare Anforderungen wie unter Voraussetzung der Spitzenschachdefinition.

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (II)

Monday, August 2nd, 2010

Klare Sache: Die in (I) avisierte Herangehensweise ist donquichottesk, weil sehr grundsätzlich. Unvermeidlich werden wir uralte Diskussionen unnötig aufwärmen und wiederkäuen, ohne die divergenten Sichtweisen sinnvoll zu klären.Ein sinnloses Unterfangen.

Fangen wir also an.

Frage 1. betrifft den Leistungssport.

Zum “Leistungssport” im Schach gäbe es zunächst eine dogmatische, einfache und plausible Antwort: Den gibt es gar nicht. Schach ist ja mindestens im deutschen Recht kein Sport, sondern nur (etwa steuerlich) aus historischen Gründen diesem gleichgestellt. Leider wird dies oft vergessen, und bei dem Versuch der Förderungsmitnahme oft sogar bewusst deformiert dargestellt. Ein Großteil unsäglicher Verrenkungen (etwas auch der Versuchen, künstlich den Dopingbegriff im Schach zu implantieren) resultiert daraus. Dabei hat natürlich auch der Deutsche Sportbund mit seinen generalisierenden Struktur eine unrühmliche Rolle gespielt - insbesondere nach Zusammenlegung zum DOSB wirkt sich die Olympiafixierung schädlich aus.

Natürlich kann man ein paar Gemeinsamkeiten erkennen. Zumindest ein Teil der Leistungssportsdefinition wäre auf Schach anwendbar: Wenn man mehrere Stunden täglich mit expliziter Konzentration auf Erfolgsaspekte Schach trainiert und spielt, steht die Leistung im Vordergrund.

Dass die Abgrenzung schwierig ist, zeigt das Beispiel von Schachserversüchtigen, die aufgrund ihrer Abhängigkeit täglich stundenlang Partien im Netz herunterblitzen: Sie erfüllen den zeitlichen Teil der Definition,  auch eine gewisse Ergebnisorientierung ist sicher da, es stellen sich vermutlich sogar gewisse Trainingseffekte ein. Man kann das über Zieldefinition ausschließen: Wenn Leistungssport im Verband gefördert werden soll, dann mit mit dem Ziel der Etablierung in der Weltspitze im Normalschach, nicht auf Serverranglisten oder anderen Nischen.

(Ich füge das nur an, weil es ja auch für die Frage 0 (”Was wollen wir?”) relevant ist. Insbesondere sollten wir uns bewusst sein, dass eine unzureichende Abgrenzung die Gefahr birgt, dass bewusst Nischen geschaffen werden, in denen man sich als “Spitze” fühlen kann und gefördert werden möchte. Künstlich können beliebig viele Biotope abgespalten und definiert werden - sei es beispielsweise  Natomeisterschaft, Einbeinigenschach oder Frauenbereich - in denen man dann trotz geringer objektiver Leistung zur Spitze gehört und versucht sein könnte, Förderungsansprüche zu erheben. Man kann das sicher im Einzelfall diskutieren, wir nehmen hier den begründbaren Standpunkt ein, dass eine Gruppe ohne ersichtliche Benachteiligung in ihrer Wettbewerbsvoraussetzung keinen Abspaltungsgrund hat  - wenn sie dies in ihren Wettbewerben trotzdem tut (man ist da ja völlig frei), entfällt die Förderungsfrage.)

Weiterhin klammern wir hier die Frage der Nachwuchsentwicklung und -förderung aus, da hier der DSB ja hier eigens die Zuständigkeit an die DSJ übertragen hat. Das passt gut, weil es ja um die Frage des Umgangs mit schachlich im wesentlichen ausgereiften Spielern geht, die die Phase rapider Fortschritte verlassen haben und in ihrer Entwicklungsbiographie im Erwerbsalter stehen.

Bleibt die Frage, wo die Abgrenzung der Weltspitze zu ziehen ist. Früher war das einfacher - da konnte man sich einigermaßen plausibel auf den Kreis der WM-Kandidaten begrenzen. Zwischendurch könnte man nach der Rating-Liste gehen, die aber beträchtliche Verzerrungen aufweist. Mindestens formal haben wir ja auch wieder WM-Kandidaten (auch wenn die Matche vielleicht nicht stattfinden), mit gewiser Erweiterung um Nachrücker kann man sicher die Weltspitze sinnvoll als die Menge der Leute definieren, die sich über einen längeren Zeitraum in den Elo-Top 20 halten oder einen der großen Wettbewerbe (WM, Weltcup, Grand Prix) gewinnen.

Die Grenze des Spitzenschachs weit über die Top 20 hinaus zu ziehen, ist offenbar unsinnig. Ein schönes Beispiel liefert gerade die deutsche Spitze in Gestalt von Jan Gustafsson (der den berühmten offenen Brief initiierte):

Meine Faulheit bezieht sich eher auf die Zeit, in der ich zuhause bin. Wenn ich keinen unmittelbaren Druck habe, dann kann ich mich einfach nicht überwinden, mich hinzusetzen und selbständig zu trainieren. Die Weltklasseleute trainieren zehn Stunden am Tag, ich bringe es nicht mal auf eine Stunde.

Dies zu einem Zeitpunkt, als er immerhin im Einzugsbereich der Top 100 war, aber selbst das elementare zeitliche Äquivalent der Leistungssportdefinition nicht erfüllte (vom “Hochleistungs-” oder Spitzensport ganz zu schweigen).

Uns genügt hier festzuhalten, dass mindestens in diesem Fall ein Teil der deutschen Spitze Schach während vieler Jahre nicht unter dem Leistungsgedanken betrieben hat, und dass wir den Hochleistungs- oder Spitzenbereich einigermaßen plausibel auf etwa die Top 20 (nachhaltige, nicht sporadische Platzierung) eingrenzen.

Fake Federation

Sunday, August 1st, 2010

In my opinion, a proper chess federation should have:

  • a clear and relevant constitution
  • updated list of members and clubs
  • annual AGM with presentation of written annual report and financial report
  • audited finances if required by the constitution
  • annually updated list of assets, chess equipment and books as part of the annual financial reporting
  • rating or ranking list of competitive players
  • at least one FIDE rated tournament a year
  • A physical place for office, preferably including library and store

In addition, the chess federation should operate a website, which displays

  1. current executive board positions
  2. contact addresses and location of office and clubs
  3. minutes and documents from the latest AGM

Niels Lauritsen macht einen Vorschlag, wie man in der FIDE

well-functioning from weak members, bona fide from fake

unterscheiden kann. Nicht sehr überraschend reißt der Deutsche Schachbund die Latte und würde bei Durchführung sein Stimmrecht verlieren. Nicht ausdrücklich erwähnt, aber konsequent wäre wohl auch das Erlöschen des passiven Wahlrechts seiner Repräsentanten - wie sinnvoll wäre es wohl, Vertreter einer Bananenföderation mit verantwortlichen Ämtern zu betrauen?

Schachprofis, Funktionäre, Leistungssport, Nationalmannschaft (I)

Friday, July 30th, 2010

Der gerade eskalierende Streit zwischen ehemaligen Nationalkadern und dem Deutschen Schachbund Schachbund driftet so schnell durch das Themenspektrum, das man kaum noch hinterherkommt. Was als Diskussion um Antrittsgelder begann und mit einem fehlgeschlagenen Spendenaufruf die breitere (Schach-)Öffentlichkeit erreichte, mündet nun wahlweise in grundsätzlichere Fragen nach Kaderkriterien, Förderbedingungen, Rolle des Leistungssports oder eine Generalabrechnung wie von Naiditsch auf chessvibes (die wurde bisher übrigens dann schon nicht mehr von den Hamburgern verlinkt, die ansonsten die Sachen fleißig gestreut haben).
Ich gehe davon aus, dass die entsprechenden offenen Briefe und Kommentare im kleinen Kreis der Blogleser allseits bekannt sind. Als Problemfelder können wir vielleicht einmal grob Stellenwert und Förderung des Leistungssport im Schachbund, die Rolle des Nationalkaders, die entsprechene Organisationsstruktur auf Funktionärsseite sowie allgemein die Ressourcen und ziele abgrenzen.

Parteien gibt es mindestens drei - die professionellen Spieler, die Funktionsträger im DSB und die beitragszahlenden Mitglieder (wobei schon die Abgrenzung der Profis nicht so einfach sein dürfte). Weiter könnten wir noch potentielle Sponsoren oder Mäzene zum erweiterten Spannungsfeld zählen.

Um sicherzustellen, dass wir in diesem Jahr nicht mehr ans Ende kommen und uns in der Diskussion wohltuend frei von der Tagespolitik bewegen können, lassen wir es wieder einmal ganz gemächlich angehen und versuchen ein paar Fragen abzuleiten, etwa:

0. Wohin wollen wir im Schachleistungssport? (Womit in dieser Allgemeinheit schon mal die Endlosigkeit der Debatte programmiert ist).
1. Was wollen wir unter Leistungssport verstehen?

2. Wie groß ist die Schnittmenge mit dem professionellen Schach?
3. Welche Rolle kann der Schachbund spielen?

4. Wie sieht die gegenwärtige Situation aus (Ressourcen, Potential)?

5. Welche künftigen Modelle sind denkbar?

6. Wie groß ist der Anteil von Kadern und Nationalmannschaft?

7. Welche Organisationsstrukturen sind geeignet?

8. Wie weit können Erfahrungen anderer Länder übertragen und nutzbar gemacht werden?

Bestimmt habe ich hier noch Wesentliches vergessen, bitte als Kommentar nachtragen. Ich mache erst einmal Pause.