Archive for the 'North by Northeast' Category

Paul Celan † vermutl. 20. April 1970

Tuesday, April 20th, 2010

Die Sonnen des Halbschlafs sind blau wie dein Haar eine Stunde vor Morgen.

Auch sie wachsen rasch wie das Gras überm Grab eines Vogels.

Auch sie lockt das Spiel, das wir spielten als Traum auf den Schiffen der Lust.

Am Kreidefelsen der Zeit begegnen auch ihnen die Dolche.

Auch ohne Rügenbezug  ist Das ganze Leben wohl mein liebstes Kreidefelsen-Gedicht, trotz der nur losen Erwähnung.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Friday, April 16th, 2010

Toll war ja die Saison bisher nicht für mich gelaufen, allerdings hatte die Greifswalder Hintermannschaft - manchmal mit etwas Glück - die Sachen ausbügeln und rechtzeitig den Klassenerhalt sichern können. In der letzten Oberligarunde gegen Weiße Dame ging es für letztere zumindest noch um einen möglichen Staffelvizeplatz, für uns um die Frage “obere oder untere Hälfte?”. Vor zwei Jahren hatten wir am Ende zwei solche “unwichtigen” Kämpfe chancenlos verloren. Diesmal fehlte noch zusätzlich ein kurzfristig ausgefallenes Brett.

Das Wichtigste ist an dieser Stelle, Übermotivation zu vermeiden (nach dem Motto: Ich kann jetzt alles riskieren und im Erfolgsfall zumindest die persönliche Saison retten, außerdem braucht die Mannschaft schnell einen vollen Punkt). Zum Glück ist man ja doch inzwischen ein älterer Herr und weiß, dass man vor allem gegen die drohende Verkalkung anspielen muss. Daher eher die Wahl eines gemütlichen Abspiels, für das ich mich bestimmt früher geschämt hätte. Wie die Ironie des Spiels so will, stand dann wider Erwarten doch bald ein schnelles 1:1 auf dem Brett. Und nach ein paar weiteren Wundern an den letzten beiden Brettern wurde es am Ende ein Greifswalder 4,5:3,5.

Teschke,O - Waldmann, H.-J.








Unverkennbar aus dem Skandinavier entstanden - überraschend hatte mein Gegner auf die geliebte Aljechin-Verteidigung verzichtet. Evtl. hatte er ja in der Datenbank gesehen, dass ich gegen 1. e4 d5  mit Weiß weniger souverän als normal agiere. Tatsächlich fiel es mir aus ideologischen Gründen eher schwer - aufgrund der schwarzen Tempoverluste fühlte ich mich verpflichtet, großen Vorteil aus der Eröffnung zu holen, und überzog des öfteren.

Daher nun die Wahl der Altherrenvariante. Für die aktuelle weiße Aufstellung hätte ich früher gewiss eher ein Naserümpfen übrig gehabt. Natürlich reduziert das Fehlen des weißfeldrigen Läufers die weißen Angriffschancen erheblich, und die Stellung droht einfach langweilig zu werden. Allerdings kenne ich die Struktur ganz gut als Schwarzer aus dem Ld7-c6-Franzosen - der Trick ist nur, Da5 als Tempoverlust nachzuweisen und gleichzeitig Sc3 einen Sinn zu geben.   8…e6 Natürlich kein echter Fehler, aber hier beginnt schon die Tragödie der schwarzen Partie. Während der nächsten 5 Züge könnte man fast ständig als Standardkommentar “besser Sbd7″ schreiben. Am Ende wird die mangelnde Entwicklung des Damenflügels ein Problem. 9.Se5 Das erste Argument für Sbd7: Dieser Standardzug, der den weißen Aufmarsch deutlich erleichtert, wäre unterbunden. 9….Le7








Standard ist hier 10. Dg3, was wohl auch schon einigen Vorteil sichern sollte. Der nächste Zug ist mit der nachfolgenden Idee angeblich neu, aber man sollte wohl besser sagen, in einigen verbreiteten Datenbanken nicht zu finden. Ich orientierte mich einfach an Ideen aus dem Franzosen.  10.Lg5 0-0








Sieht immer noch stinklangweilig aus, oder? Nach Te1 usw. wäre es das auch. Aber hier nahm ich mir mal gründlich Zeit und rechnete ein paar Varianten durch, zwischendurch auch mal die nette Stellung nach dem 22. Zug vor Augen. (Ein Kibitz lästerte sinngemäß: Ich mache mir Sorgen: Wenn er jetzt in dem Tempo - zumal in dieser einfachen Stellung! - so weiter spielt und mit dem zeitaufwand sowieso nur Züge macht, die ich auch spielen würde, ist die Partie in 4 Zügen vorbei!)  11.f4 Td8 Schwarz wählt die schärfste Variante.  11…Dd8 12.f5 ist mindestens leichter Vorteil. Jetzt droht freilich Txd4. 12.Se4! Auch Weiß spielt kompromisslos (wir erinnern uns: “Einen Sinn für Sc3 finden!”). Alternativ ginge auch 12.Sc4 Dc7 13.f5 mit sehr angenehmer Stellung.  12…Dd5?!








Sieht mit Doppelangriff e4/d4 gut aus. - das ruhige 12…Sbd7 13.c3 stellt Schwarz mindestens vor das Problem, wie er eigentlich weitermachen will. Aber die Zeit für die Taktik ist herangereift.  13.Sxf6+! gxf6? Verliert sofort. 13…Lxf6 14.Lxf6 gxf6 15.Dg3+ (Oder, evtl. noch stärker, einfach 15.Sg4 )15…Kf8 16.Sf3 ist aber auch ein Spiel auf ein Tor. 14.Lh6! En passant dachte mein ML, dass hier schon Matt wäre - dann folgte zu seinem Schreck 15….Dxd4+ mit offenbarem Damentausch. Aber es ist noch nicht vorbei: 15.Dxd4 Txd4








16.Tf3 Die eigentliche Idee von 11. f4. Trotz reduziertem Material ist Schwarz wehrlos. 16….fxe5 17.Tg3+ Kh8 18.Lg7+ Kg8 19.Lh6+ Natürlich muss man bei der Schachbund-Bedenkzeitverknappung hier unbedingt die Züge wiederholen. 19….Kh8 20.Lg7+ Kg8 21.Lxe5+ Kf8 22.Lxd4








Und die Mühle hat sich durchgefressen, nach einigen Endspielübungen dann bald 1-0
Sportlich nicht mehr so wichtig, aber zumindest der erste Punkt gegen die Chalifman-Regel…

Im Zeichen der Mandarinente

Saturday, March 20th, 2010

Wie in die Kolonialwarenhandlung von Eduard Teschke im westpreußischen Sommerau vor etwa hundert Jahren eine ausgestopfte Mandarinente gekommen ist, verliert sich im Dunkel der Kaiserzeit. Geduldig hat sie seinerzeit als exotisches Accessoire im etwas verstaubten Raum chinesischen Tee und Gewürzproben bewacht.

Im Normalfall wäre die Lebensdauer des gefiederten Dekorationsstücks im Januar 1945 beendet gewesen - auf der Flucht konnte selbst das Nötigste kaum mitgenommen werden, und was blieb, verbrannte oder verschwand. Zwanzig Jahre zuvor war mein Großvater diesen Weg auf Wanderschaft im tiefen Frieden gegangen, und hängengeblieben: Mochte es das Bild der Kindheit im väterlichen Laden sein, das er im schon etwas matten Metallglanz der Federn erinnern wollte? Die Ente zog um, und als die flüchtige Familie viele Jahre später im allzu kleinen Haus anklopfte, sahen sie große, längst vergessene Glasaugen an.

Die Reise zum Großvater ist für das Kind auch die Fahrt zu jener kleinen Vitrine gewesen, in der ein fernöstlicher Vogel den Wahnsinn der Welt ausschloss. Der erste Weg nach allen Umarmungen führte zum geduldigen Fremdling neben dem Harmonium, der fremd, scheinbar gegen Staub und Altern gefeit, nicht erwartungsvoll, nicht gelangweilt, ausgeharrt hatte. Stunden habe ich dort verbracht, auf eine Regung wartend, eine Teilnahme erhoffend. Später musste nicht um den Vogel gebeten werden: Als ein neuer Umzug unausweichlich war, war Anderes als ein Rügener Kinderzimmer nicht zu denken.

Mehr tausend Nächte habe ich unter dem stoischen Blick  geschlafen. Die Müdigkeit eines Menschenalters hat sie gut verborgen, und manchmal ein verschmitztes Lächeln übrig gehabt: als Zeichen habe ich es nicht deuten können. Als der nächste Umzug Trennung bedeutete, nahm sie es abermals klaglos hin: Heute noch wacht sie im biologischen Kabinett meiner alten Schule, versagt sich altersmilde selbst angebrachtes Kopfschütteln.

Ihre Schwestern tauchten derweil unverhofft auf, und wurden Vertraute. Ein Paar im Teich des Sassnitzer Tiergartens, eine kleine Gruppe in den Rostocker Wallanlagen. Das Orange und Blau im Tierpark Friedrichsfelde, erinnerbarer als Löwengebrüll oder Elefantentrompeten, auf den Wassern Charlottenburgs und den Teichen Sanssoucis war inzwischen vertrautes Zeichen, warme Punkte in der zugigen Stadt. Auf den Potsdamer Seen war sie heimisch geworden: es ging schon die Rede, es gäbe mehr in der Fremde Brandenburgs als in den vergifteten Wassern ihrer Heimat.

Vermisst habe ich zuweilen dennoch den unbestechlichen Blick über den Schreibtisch, den verschmitzten Schnabelschwung. Seit heute begleitet er mich wieder: bis ans  Ende, hoffe ich.

Boris Pasternak 120

Wednesday, February 10th, 2010

…и слева вдали Эстония, справа изредка - Финляндия, и пока еще видны берега, - сплошное наслажденье - читай, играй в шахматы и карты, бегай по палубе, переходи на нос, где как на гигантских качелях, вверх вниз, грозно газированный гейзер, при таянии замывающий дурную черноту внезапно обнажающей зубы зеленью… А потом - открытое море, уже окончательно приковывающее тебя к бортам или к носу, так неестественны и беспричинно тошнотворны ходящие под тобой ковры, вздыхающие линолеумы и ускользающие из-под рук диваны.

Boris Leonidowitsch fährt hinaus in die Ostsee.

Ernst Moritz Arndt † 29. Januar 1860

Friday, January 29th, 2010

Schipper Gau un sin Puk

Ji hewt woll oftermals hürt, wo veele Hexerei un Töwerei mit Katten, Zegenböcken, Heimken un Schorfpoggen drewen ward un wo de olde Fiend sick darachter steckt un den armen verbiesterden Minschen in de Höll herin spelt.  Äwerst dat gifft so veelerlei Töwerei, datt et nich to denken noch uttospreken is, un wer schullt’t glöwen, datt de Düwel listig nog is, in Müggen un Käwer ja in den allerminsten Worm sick herintomaken, wenn de vörblendte Minsch nah sinen Dingen lüstern is un nah dem Düstern un Vörborgnen snappt?  Denn wer hängen will, seggt dat Sprickwurt, de kan woll dör eenen Spennenfaden to Doode kamen. As ick in miner Jugend in minen Wanderjahren ut minem Vaterlande Holsteen nah Rotterdam up Arbeit kamen was, hew ick mennige snurrige Ding davon sehn un hürt; denn de Schippers hebben veelen sodhanen Awerglowen un mennigerhand heemliche Künste.  Ick mag’t äwerst nich all nahseggen; doch will ick ju eens vörtellen, wat hier bi uns eenem Mann ut Barth edder vam Dars in Prerow begegnet is un wovon alle Lüde to seggen wüßten, as ick noch een junger Gesell was.  In Barth lewde een Schipper Hinrich Gau, dat was de glücklichste un vörwegenste Schipper in der ganzen Ostsee, dem ook alles to Faden leep.  He unnerstund sick, wat keen anner Schipper dörfte, un se seden, he kunn mit allen Winden segeln, un wenn he wull, ook wedder den Strom.  Soveel was eenmal wiß, he wagde sick herut midden im Winter un in dem bösesten Unweder un kam jümmer mit ganzen Masten und heelen Segeln davon, wenn de annern Schipp terreten un terspleten in den Hawen lepen edder gar so deep vör Anker legen, datt keen Minschenoog se wedder to sehn kreeg. Mit dem Gau äwerst ging alles vörwärts, as künn he den Wind ut’m Sack schüdden, grad as he’n brukte. So was he denn jümmer de erste up dem Platz un makte de besten Frachten und ward in wenigen Jahren een riker Mann, datt se en den riken Schipper edder den riken Gau nömden.  Dat Ding hedd äwerst so sinen egnen Haken un um all dat Gausche Glück un Geld mügt ick an dem Haken nich hängen, woran Gau fast was.  Denn de Lüde munkelden so wat van eenem blanken Käwer edder eener grönen Pogg in eenem Glase; un dat was sin Puk, de em den Wind un dat Glück makte, un de Matrosen wullen dat düwelsche Ding unnerwielen sehn hebben, wenn’t stief weihde edder de Nacht gefährlich düster was, wo’t as een lütt winzig Jüngiken in eener swarten Jacke eene rode Mütz up’m Kopp up dem Schipp herümleep un alles nahsach, edder ook as een old gris Männiken mit eener kritwitten Parück up dem Kopp, dat am Stürroder satt un in den Häwen keek un dem Schipp den Weg wisde.  Un se vörtellden ook, datt de Schipper sine blanken und grönen Düwelskamraten sehr prächtig plegde in eenem aparten Schrank in siner Koje, wo keen Minsch hensnuwen dörft, un datt he en da jümmer söten Muschatwin un Rosinen un Figen hendrog.  Denn de in der bittern un suren Hölle wahnen, laten sick am lichtesten mit Zuckerbackels un Nüdlichkeiten locken un festholden, wenn man se to sinem Deenst anbinden will.  Dat Glück was up disse Wis un mennigen schönen Dag mit dem Schipper Gau up der Fahrt west, un he vörstund sine Geisterkens to regieren, un se weren em up’t Komando gehursam un willig.  Äwerst toletzt vörsach he sick eenmal, un de Düwel slippte em los, un drew sin böses Spill so schrecklich, datt jeder sehn kunn, wat et was.  Schipper Gau was mit eener riken Ladung ut England kamen un sin Schipp lag up dem Strom der Sundschen Rhede vör Anker.  He was eenen Dag in de Stadt fahren, un Gott weet, wo’t geschach–denn süs ging he den Dag weinigstens wohl dreimal an Burd–he was in een woist Gelag geraden un se hedden so deep in’t Glas keken, datt Gau Schipp un Puk un de ganze Welt vörgatt.  So hedd unser Schipper twee utgeslagene Dage in Stralsund vördrunken, un sine Dinger, de he hungern let, weren grimmig worden, hedden de Gläser terbraken, worin se seten, un blösen eenen Storm up, datt dat Schipp anfung mit allen Segeln to spelen un sick von allen Ankern losret.  De Lüde, de up der Brügg un Lastadie stunden, vorwunderden sick–denn bi de Stadt weihde kum een Lüftken–wo dat Schipp rundküselde as een Swin, dat to veelen Branwinsbarm sapen hett.  Un et wurd een grot Geschrei, un veele Schippers lepen herbi un ook Schipper Gau.  He kreeg flugs een paar von sinen Matrosen un eenige annere Waghälse tohop, löste sin Boot un leet de Remen knarren un reep: “Frisch Jongs! frisch! wenn ick an Burd kam, schälen mine Kerls voll wedder to Loch, se kennen min Komando woll.”  Un Gau kam richtig an dat Schipp, dat sick jümmer rundüm küselde, as wenn’t in eenem Strudel stack.  Alle annern Schipp rührden sick nich, as wenn för se keene Luft weihde, un was een heel moj Wäder.  Äwerst de kecke Gau hedd sick dittmal to veel vörmeten; sine Bürschchen, de weegn des langen Hungers to grimmig weren, leten sick van em weder locken noch hissen; se makten jümmer gewaltigern Storm un dullere Arbeit un küselden toletzt so arg, datt Schipp mit Mann un Mus to Grund gingen.  To der Tid ging mennig Gerede mank de Schippers hen un her, un veelen is woll bang worden; äwerst ick glöw, et gifft noch van der Art, de ehre lütten Düwelkens in Schachteln un Gläsern mit an Burd nehmen.

Für unsere Leser mit Barthhintergrund endlich wieder einmal eine Heimatgeschichte, die freilich den erwartet schlimmen Verlauf nimmt, der zu langen Stralsundaufenthalten unweigerlich innewohnt. Hoffen wir, dass den drohenden Schiffbrüchen in diesen schneereichen Tagen vorgebaut wird.

Mannschaftpunkt

Saturday, January 16th, 2010

Ein kleines Wunder am Bodden hat bisher unsere Oberligamannschaft geschafft. Nach Papierform zwar im oberen Mittelfeld der Liga, waren wir am Brett durch den Ausfall von bisher je 3-4 Stammspielern wohl in den ersten 4 Runden das nach Präsenz eloschwächste Team. Überwintert wurde trotzdem mit 5:3 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz, da Ausnahme des schwächelnden Verfassers an 1 die Mannschaft über sich hinauswuchs.

Einwenig Glück war natürlich auch dabei. Da stand gegen Tegel II lange eine klare Niederlage auf den Brettern, die in der letzten laufenden Partie an 6 beim Stand von 3:4 kurz vor der Besiegelung war:

Schulz, Stefanie (Tegel) - Stubbe, Wilko (Greifswald)








Hier rechnete ich zum letzten Mal genauer mit. Nach 55.Da2+ Kh7 56.Db3 sah ich nur, dass Schwarz sich auf Da7/Tb8 eingraben muss, was langfristig natürlich aussichtslos ist. Der weiße Textzug ist sogar mindestens so gut, lässt allerdings etwas mehr offen.
55.Kh2(!) h4? Mit einem taktischen Remisgebot. Psychologisch unangenehm (wie auch die Nähe des Bh4 zum wK) - bei Annahme wäre freilich die Sache ebenso vorbeit wie bei halbwegs korrektem weißem Spiel. Etwas zäher wäre 55…Kh7, was den K aus der gefährlichen Diagonalen und der 8. Reihe nimmt.

Als Weiß in längeres Überlegen fiel, entschloss mich zum Gehen. Immerhin weiß man nach langer Mannschaftserfahrung, dass die unwahrscheinlichste Möglichkeit hier darin bestand, dass Weiß korrekt ablehnt und präzise die letzten Hürden zum Gewinn schafft. Blieben noch: Annahme des Gebots wegen knapper werdender Zeit oder Ablehnung nach zu viel Zeitverbrauch und eine Patzerschlacht mit offenem Ausgang. [Das sah schon mal schlechter aus - die Weißspielerin ist zwar taktisch stärker beschlagen, als man das normalerweise von einer Deutschen Meisterin der Schachjugend (2004) erwarten kann, aber da sie (sinnvoller- und lobenswerterweise!) sich nicht vom Tingelbetrieb der berufsjugendlichen Kader und Dauerstudenten im U25-Bereich vereinnahmen lies und sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentriert hat, fehlt es etwas an der Spielpraxis.] Meinen schwachen Nerven wollte ich das Absehbare dennoch nicht live zumuten und setzte mich mit gemischten Ahnungen beiseite.
56.Da2+ Nach der Ablehnung steht Weiß objektiv auf Gewinn, und die realen Chancen sind vermutlich 50:50. Kg7








57.Tb3? Hier vollstreckt schon 57.a7! Dxe3 58.b8D! mit Deckung von g3. Dagegen ist nichts zu sehen, die Erfahrung lehrt aber, dass so etwas im Amateurbereich in knapper Zeit höchst selten vollstreckt wird.  57…Dd6+








58.Kh3?! Hier erfordert ein Gewinnversuch schon beachtliche Kopfstände: 58.g3!, z.B. 58….e3 59.Db2+ Kh6? (59…Kf7 60.Txe3 Txe3 61.b8D hxg3+ 62.Kh3 g2+ 63.Kxg2 Te2+ 64.Dxe2 Dxb8+/=) 60.Txe3!! Txe3 61.Dh8+ Kg5 62.Dxh4# Natürlich nur was für Computer. 58…e3 Hat zumindest schon mal das Remis geschafft.








59.Db2+?? Der kleine Unterschied! Nach 59.Da1+ Kh6 60.b8D Txb8 61.Txe3 hängt keine Dame auf der b-Linie, und schwarz müsste mit 61…Ta8 den Gewinn weiter versuchen (61…g5 62.De5 Dxe5 63.Txe5 Tb3+ 64.Kh2 Ta3 65.Txf5 Txa6 ist ein recht leicht remises Turmendspiel), aber…








59…Kh6 60.b8D Txb8 ist einfach vorbei: 0-1

Am Ende überwog dennoch bei allen Beteiligten das Mitleid für die Weiße die Freude über den doch sehr unverhofften Punktgewinn. Schach bleibt halt ein Glücksspiel.

Sweet Defeat (II) - Die Null an Eins

Saturday, November 21st, 2009

Mit zwei Nullen am ersten Brett ging es für mich in die laufende Saison (kein ganz überraschendes Ergebnis), zum Glück dank einer starken Hintermannschaft weitgehend folgenlos (mit den 3:1 Punkten war gegen die nominell stärkeren  Rüdersdorfer & Tegel vorher kaum zu rechnen). Für einen ausgesprochenen Mannschaftsspieler ist ein solcher Fehlstart (immerhin einmalig in den letzten zehn Jahren) trotzdem analysebedürftig, und neben konkreten Zeitnotfehlern schälen sich recht klar Umstellungsschwierigkeiten auf die verkürzte Bedenkzeit heraus. Insbesondere die zweite Partie mag ein Anhaltspunkt dafür sein, in welche Richtung das Schach durch die Reformen gedrängt wird.

Teschke, O - Breier, A; OLNO 2009/10








Hier war zuletzt auf 10. h3 (eine ziemlich normale Stellung) fast ohne Nachdenken (< 1min)  Sb6? gefolgt - ein ziemlich harter Zug, der letztlich den Sieg in der Partie bedeuten sollte. Rein logisch kann man nachvollziehen, dass man zunächst den Lc4 zu einer Entscheidung zwingen will, bevor man selbst den Lg4 rückt. Dennoch geht man mit dem Zug ein höchst konkretes Verlustrisiko ein, das im Guten nicht in ein paar Sekunden abzuschätzen ist.

Weiß hat hier die Möglichkeit, dem Gegner zu glauben und den Lc4 zurückzuziehen - vielleicht die praktisch sinnvollste Lösung. Dann könnte man (nach meiner sehr privaten Schachauffassung) allerdings auch gleich mit dem Spielen aufhören.

Oder aber man nimmt sich eben die Zeit - von der man zu diesem Zeitpunkt aber nun mal fast eine halbe Stunde weniger hat (da nützt auch das Inkrement nicht). Spätestens mit weniger als 40 min auf der Uhr sah ich mich dann zu einer Entscheidung gezwungen, wenn man den Rest nicht herunterblitzen will - dabei hätte die Stellung wohl auch mehr als eine Stunde Überlegung gut vertragen.

Der gewählte Zug ist subjektiv durch den Wunsch beeinflusst, eine längere forcierte Zugfolge zu wählen (unbewusst tickt das Inkrement mit!), um nicht eine “normale” Stellung mit großer Zeitvorgabe spielen zu müssen. Die entstehende Position sieht gut aus, ist aber nur ausgeglichen. Objektiv ist es die falsche Wahl:

11.hxg4? Sxc4 12.g5 Sxe3 Erzwungen. 13.fxe3 (Tricks wie 13. Db1? müssen berechnet werden, bringen aber nichts) Sd5 (Weniger gut ist 13…Sg4 14.Dd3 g6 15.De4) 14.Dd3 g6 








15.De4?! Zu sehr in Analogie zu der 14….Sg4-Variante gespielt, die einen Gutteil der Vorausberechnung ausmachte. Der Schwenk auf die h-Linie ist optisch verlockend, aber 15.Se4! mit mindestens leichtem Vorteil ist deutlich besser.  15…Sxc3 16.Dh4 h5 17.bxc3 Dd7!








Den letzten Zug hatte ich unterschätzt - Schwarz muss gar nicht weiter auf g5 drücken, Se5 ist nicht tödlich. Der Angriff läuft ins Leere   18.De4?  Danach gerät Weiß schnell in Nachteil und stellt es in Zeitnot ein. Richtig wäre 18.0-0 mit ungefährem Ausgleich.

Was aber wäre richtig gewesen? Besser als der nur optisch aktive h-Linienangriff ist das ebenfalls berechnete
11.Lxf7+! Txf7 12.hxg4 Sxg4








13.Se5! Ebenfalls meine Hauptpräferenz - schließlich ist nach 13….Sxe5 14. dxe5 das mögliche Endspiel klar besser für Weiß. Aber 13….Sxe3 14.fxe3 konnte ich nicht abschließend bewerten,  (natürlich nicht  14.Dh5?). Hauptvariante wohl  14…Lh4+ 15.Kd2 Tf2+ 16.Kd3








Wenn es auf dem Brett steht, sieht man wohl eher, dass hier nur der schwarze König Probleme hat - es droht Db3+. Am besten noch 16…c5 17.Db3+ c4+ 18.Sxc4 Sxc4 19.Dxc4+ Kh8 20.Db5








Ob ich es bei Normalbedenkzeit gesehen hätte? Wohl eher nicht, da bin ich doch zu schwach. Die Minuten für die Entscheidung hätte ich aber doch gerne gehabt. In Zukunft werden wohl jedenfalls häufiger die Partien so entschieden werden.
Bleibt als subjektives Gefühl: Man fährt als Amateur zwar dieselben Entfernungen und opfert den Sonntag, darf aber weniger Schach spielen (von in Zukunft vielleicht mehr kampflosen Partien durch sinnnlose Null-Toleranzregeln ganz abgesehen). Warum sollte man daran interessiert sein?

Caspar David Friedrich 235

Saturday, September 5th, 2009

Heute wieder einmal ein kleines literarisches Rätsel: Wer stufte CDF an Hand dieses Gemäldes (Der Rabenbaum, Quelle: Commons.wikimedia) als üblen Kitscher ein, und wie lautet die ganze Stelle?

JT(4)

Sunday, August 23rd, 2009

Im August 1931 saß Cresspahl in einem schattigen Garten an der Travemündung, mit dem Rücken zur Ostsee, und las in einer englischen Zeitung, die fünf Tage alt war. [..] Er sah an seiner zerknitterten Zeitung vorbei auf einen Tisch in der sonnigen Mitte des Gartens, an dem eine Familie aus Meckenburg saß, jedoch in einer zerstreuten Art, als habe er seine veralteten Nachrichten satt.

Wir kennen das - am Ende des Tages wird Cresspahl mit einem gemieteten Auto dem Lieferwagen Albert Papenbrocks hinterherfahren,

über den Priwall, entlang der Pötenitzer Wiek, entlang der Küste nach Jerichow

- seiner Lisbeth hinterher. Und damit fängt eigentlich die Geschichte an, die natürlich keine glückliche wird, die Zeiten sprechen dagegen, und es gäbe sonst auch weniger zu erzählen.

Deutlich wird jener Augustnachmittag in Travemünde dennoch nicht; wir wissen, es ist zuviel Thomas Mann dabei. Die Forschung wird wohl herausgefunden haben, wo Vater Johnson (in jenen dreißiger Jahren immerhin beschäftigt auf dem landwirtschaftlichen Seminar zu Neukloster, ein sonst wenig namhafter Ort, doch Schachspielern wohlbekannt) die Woliner Bauerntochter traf - vorstellen kann ich sie mir kaum an der fast mondänen Swinemünder Promenade,

eher noch an der seichten Mündung der Dievenow, die dann ja auch der erste Heimatfluss wurde.

Ohnehin mag hier einiges durcheinander gehen -

Meine Mutter war 1931 fünfundzwanzig Jahre alt, die zweitjüngste von den Töchtern Papenbrocks

- denn eigentlich ist sie zwar die zweite, aber eben auch die jüngste. Wenn man es denn am Anfang alles schon genau wüsste (Wiederlesen gehört doch verboten).

Tiefer in Polen ist die Zeit manchmal so stehengeblieben, man findet doch müheloser achtzig Jahre zurück. Wieder in der Gegenwart, ist Gesines Gespräch in New York über die Chinesen, und in Berlin (fast ähnlich) über den stVBSK/VSKDSB:

Was macht der stellvertretende Vorsitzende der Bundesspielkommission und Vorsitzende der Schiedsrichterkommission des Deutschen Schachbundes?  Der stellvertretende Vorsitzende der Bundesspielkommission und Vorsitzende der Schiedsrichterkommission des Deutschen Schachbundes hat kurz vor der Saison noch einmal genau hingeschaut und eine seit langem benutzte Schachuhr zu einer nicht ordnungsgemäßen befördert. Das macht  der stellvertretende Vorsitzende der Bundesspielkommission und Vorsitzende der Schiedsrichterkommission des Deutschen Schachbundes.

Zurück! (VIII)

Thursday, August 20th, 2009

Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwickelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zerdrückt wird, als sei da ein Geheimnis gemacht und zerstört worden. Die zerplatzende Woge stößt Kinder von den Füßen, wirbelt sie rundum, zerrt sie flach über den graupligen Grund. Jenseits der Brandung ziehen die Wellen die Schwimmende an ausgestreckten Händen über ihren Rücken. Der Wind ist flatterig, bei solchem drucklosen Wind ist die Ostsee in ein Plätschern ausgelaufen. Das Wort für die kurzen Wellen der Ostsee ist kabbelig gewesen.

Nicht mehr ganz der 20. August,  mehr das Erinnern daran leitet die Jahrestage ein. Den 75. Geburtstag U.J.s haben wir übergangen wie den 25. Todestag: Nun holt uns unversehends ein, dass vor 42 Jahren G.C. aus dem Urlaub zurückkam. Immerhin, uns ist die Ostsee erlaubt; die heutige, nicht die der Kindheit. Die doch unverhofft gefunden werden kann, versteckt und zurückgezogen.  Tage im August, die manchmal zwanzig Jahre jünger schienen.

…und sie steht schon lange in der Reihe der Wochenendurlauber und Tagesurlauber im Mittelgang, gelegentlich um einen halben Fuß vortretend, angetreten zum Rennen auf die Wagentür, die Rolltreppe, die verwinkelten Bauverschalungen des Pennsylvania Bahnhofs, in die Westseitenlinie der Ubahn, in die Linie nach Flushing, auf die Rolltreppe aus dem blauen Gewölbe auf die Ecke der Zweiundvierzigsten Straße am Bahnhof Grand Central. Später als eine Stunde darf sie nicht an ihren Arbeitstisch kommen, und eine Stunde zu spät nur heute, nach dem Urlaub.

Nein, kein Foto des Arbeitstisches (der nichts Gutes für das Blog verheißt). Wirklich zurück? Es wird sich zeigen.