Archive for the 'Medien, Journalisten und sonstiges von ganz unten' Category

China-Boom wieder vertagt

Friday, July 2nd, 2010

Die Juli-FIDE-Rating-Liste ist, zum Glück, kein großes Event mehr. Die höhere Frequenz und die Live-Parallelwelten werden hoffentllich bald dazu führen, dass die Updates des systematisch fehlerbehafteten Rankings weiter unter die Wahrnehmungsschwelle sinken - schon jetzt ist sie ja eigentlich nur noch Stichwortgeber für die üblichen drittklassigen Schachjournalisten, die halt ihre pawlowianischen Carlsen-historisch-Reflexe ausleben müssen. Aber gut, so funktioniert eben die Hypemaschine.

Womöglich sind ja die Leser ja doch noch etwas schlauer als gedacht und erinnern sich, dass mal vor gar nicht allzu langer Zeit sogar Morosewitsch eine Runde lang “Live-Nr. 1″ war. Was wurde damals nicht alles um belanglose Pünktchen geschwafelt. Nun ist Moro irgendwo bei Platz 30, wer behaupten würde, dass er irgendwann auch nur ansatzweise der beste Spieler der Welt gewesen sei, würde ausgelacht, und wer einmal etwas länger über den Fakt nachdenkt, kommt vielleicht unabhängig zum Schluss, dass das System wenig taugt. Welchselbe Erkenntnis immerhin ein erster Schritt wäre.

Aber doch,  ein mini-”historisches” Ereignis ist tatsächlich in der Liste drin: Nachdem Wang Yue sich zwei Saisons lang durch unverständlich viele Einladungen durchremisiert hat, gingen zuletzt doch ein paar mehr Partien verloren, verbunden mit dem nicht mehr unbekannten Phänomens des Abrutschens vieler Spieler aus der Computergeneration in ihrer schachlichen Midlifecrisis (also Anfang/Mitte 20).

Damit ist das erste Mal seit zwei Jahren kein chinesischer Spieler mehr unter den besten zwanzig. Da tut es gut, noch einmal genüßlich die Hypestories durchzulesen, die 2008 mal wieder über den großen chinesischen Schachboom aufgewärmt wurden (ganz unseriöse trauten der Mannschaft ja sogar den Olympiasieg zu). Natürlich schweigt man jetzt lieber zum gebremsten Aufstieg, nur für den etwas langsameren Jan Gustafsson ist die abgestandene Story noch als Druckmittel in Bettelbriefen gut genug.

Ich kenne das Muster schon seit mindestens zwanzig Jahren, als ein paar gute Frauen aus dem Reich der Mitte (bei entsprechender Kapazität und Konzentration der Mittel) so auf das Niveau eines kleinen kaukasischen Bergvölkchens   aufschlossen und auf dem schmalen Randsektor Frauenschach der Randsportart Schach immerhin Platz zwei belegten. Wenn man bedenkt, wie wenig Erfolge für wie viel herausgeworfenes Geld etwa der Deutsche Schachbund hier vorzuweisen hat, ist das gar nicht mal die allerschlechteste Performance (es sei allerdings angemerkt, dass alle diese Anstrengungen immerhin noch hinter dem Ergebnis des kleinen Familienunternehmens Polgar zurückblieben).

In ähnlichen Einzelunternehmungen wurden immer mal wieder Grüppchen chinesischer Großmeister im Männerbereich gesichtet. Auffällig mal vor zehn Jahren, als eine kleine Crew die Top 100 enterte:

Juli 2000: 21. Ye Jiangchuan, 23. Xu Jun, 30. Peng Xiaomin,  48. Zhang Zhong, 89. Wang Zili, 90. Wu Wenjin

Inzwischen ist keiner mehr irgendwo oben zu finden; man kann sich mal den Spaß machen und sehen, wo sie jetzt stehen (in einem Alter, in dem etwa ein Gelfand - damals 16. und aus der gleichen Generation - immer noch oben mitspielt).

Das Spielchen geht seither mit immer neuen Namen so weiter (da gab es auch noch einen Zhang Pengxiang, und  Bu Xiangzhi erwarb den zweifelhaften Titel des “zwischenzeitlichen Rekordhalters des Jugendrekordes für GM, der es am wenigsten weit gebracht hat aber dafür zur Verleihung des Titels am ältesten im Vergleich zum Nominalalter aussah”). Die neue Viererbande scheint auch ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.

Aber wohl am deutlichsten scheint mir die Inkompetenz der chinesischen Schachpolitik da, wo einmal ein echtes Talent auftaucht: Wie Hou Yifan in den letzten Jahren in Damenturnieren verheizt wurde, war schon wirklich nicht mehr feierlich. Als Ergebnis steht eine de-facto-Ratingstagnation seit drei Jahren (die 2523->2577 seit Juli 2007 sind praktisch von der Inflation aufgefressen) - im besten Schachentwicklungsalter von dreizehn bis sechzehn. (Im Moment kämpft sie gerade, einen zwei-Punkte-Rückstand auf die 24-something Nana Dzagnidze (”Nana wer?”) aufzuholen.)

Keine Frage, China ist seit mindestens zehn Jahren ein Land mit großer Schachzukunft. Und das wird auch mindestens zehn Jahre noch so bleiben.

Enthüllt

Wednesday, June 23rd, 2010

Vor nunmehr auch schon 15 Jahren (ja, wir sind inzwischen ganz schön alt geworden) hieß Lady Gaga noch Jeanne-Claude, und der Kunstersatz für die Massen war eine Menge Polypropylen umden Berliner Reichstag. Aber sonst war eigentlich alles gleich, auch das

Ausziehn, ausziehn . . .!

des “hochverehrten Publikums vor dem Reichstag.” Gut, letzteres nur in einer begleitenden Karikaturendarstellung  (weiteres dazu in damaligen Zeitzeugenbericht).  Nach angemessener Verjährungsfrist mag nun (schon zumal die Beteiligten auch langsam alt werden und womöglich verkalken) nun noch eine weitere (letzte?) Hülle jener sinnfreien Tage fallen: Passend und angemessen zur allseitigen Ausweitung des Kunstverständnisses, haben wir damals in jene Karikaturenausstellung auch eine Zeichnung meines (zu jener Zeit noch recht kindlichen) Neffen eingeschleust. Dass im Begleitdonner gleich die Rede war von

Mit von der Partie sind so prominente Zeichner wie Gerhard Haderer und Erich Rauschenbach, Till Teschke und Britta Dünnes

versteht sich in der Erfahrung des deutschen Qualitätsajournalismus von selbst.  Hieße man Papa Hegemann, hätte man ihn vermutlich gleich noch ein paar Bilder abmalen lassen und eine Karriere darauf aufgebaut. So blieb es aber bei der einmaligen “prominenten Zeichnung”, einem kleinen Spaß - und einer baldigen Hinwendung zu ernster Betätigung mit Naturwissenschaft, womit er heute immer noch ganz glücklich ist. (Es ist ja immer ganz schön, spaßeshalber mal hinuntersteigen zu können - der Horror von etwa  moderner Kunst, Geisteswissenschaft oder Profischach kommt ja nur zum Tragen, wenn man das Zeug dauernd einkünftehalber betreiben und zwanghaft Bedeutung der hohlen Blasen simulieren muss).

Schach endlich im Mainstream-TV!

Thursday, April 1st, 2010

Nachdem zuletzt aufgrund geringer Werbebuchungen die diesjährige Staffel von “Ich bin ein Star - holt mich hier raus” abgesetzt wurde und eine Fortsetzung des Dschungelcamp-Formats mehr als fraglich gemacht hatten, gab es heute überraschend grünes Licht für eine Fortsetzung  in völlig neuem Gewand.

Nach langer Suche haben wir einen idealen Partner für das neue Format gefunden. Bei der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft passte einfach alles: der Kandidatenpool, die Zielgruppe und der Support der Partner,

so die Verantwortlichen von Granada Produktion.

Klar war, dass das bisherige Setup im australischen Dschungel an die Grenzen gestoßen war und keinen Spielraum für innovative Programmgestaltung mehr ließ. Eine härtere Umgebung, ekelhaftere Aufgaben und peinlichere Kandidaten mussten gefunden werden. Der Umzug in die Brache der Gewerbegebiete der ostdeutschen Bundesländer lag da auf der Hand, zumal in der Wirtschaftskrise auch auf die Kosten geachtet werden musste.

Das Format beruht wesentlich darauf, dass Leute bereit sind, alles dafür zu tun, um ins Fernsehen zu kommen

so RTL-Sprecherin Enkemeyer. Heutzutage sei das gar nicht mehr so einfach, weil ja die meisten Leute das System hinter den Billigproduktionen erkennen würden.  Wir haben uns unter diesem Aspekt umgesehen und zu unserer eigenen Überraschung festgestellt, dass niemand geiler auf die TV-Publicity war als die Leute im Deutschen Schachbund.

Wir konnten unser Glück kaum fassen - hier liefen wir offene Türen ein, weil wohl bei Schachspielern ein lange unerfüllter Traum besteht, mit mehr TV-Präsenz Anerkennung und Breitenwirkung zu erzielen. Schon bei den Bestrebungen, Schach olympisch zu machen, sind diese Leute bereit, alle möglichen Kröten zu schlucken. Bei der Aussicht auf die Präsenz von Schach in einem Mainstream-Format sind dann alle Hemmungen gefallen.

Tatsächlich waren schon zaghafte Versuche unternommen worden, den sogenannten “Ramada-Cup” ins Fernsehen zu bringen. Dadurch war man bei RTL auf Klaus-Jürgen Lais, den Öffentlichkeitsreferenten des DSB, aufmerksam geworden, der sich tatsächlich als der ideale Handlanger entpuppte. Das privat-gemeinnützige  Zwitterformat des Cups erwies sich als ideale Plattform, um die Wünsche des Senders durchzusetzen.

Allein von der finanziellen Seite her ist die Sache für RTL ein Hauptgewinn: Der Deutsche Schachbund  erklärte sich bereit, alle Produktionskosten zu übernehmen. Die Schachspieler zahlen dafür einen sogenannten “Dschungelzuschlag” auf ihre Beiträge.

Mittelfristig werden wir durch die enorme Öffentlichkeitswirkung einen Mitgliederzuwachs erzielen, so dass unter dem Strich sogar ein Plus übrigbleibt,

so DSB-Schatzmeister Langer. Andererseits sei aber durch die Konstruktion der Amateurmeisterschaft gesichert, dass die Gewinne im wesentlichen privatisiert würden. Man habe zudem inzwischen umfangreiche Erfahrungen in kreativer Buchführung; bei finanziellen Engpässen würde einfach der Landesverband NRW die Beiträge der nächsten hundert Jahre versehentlich zu früh überweisen.

Natürlich bestanden Bedenken, ob das neue Format tatsächlich ausreichend Quote generieren könne. Bei den Test während der laufenden Meisterschaft verstummten aber schnell alle Zweifel. Das Konzept der mehrstufigen Qualifikation mit abschließenden Finale erwies sich als stark kompatibel zu dem klassischen Dschungelcamp-Szenario. Schon traditionell würde bei der deutschen Amateurmeisterschaft ein besonders abstoßender Ort zum Endausscheid ausgewählt. 2008 in Magdeburg war die Hitze im Hotel teilweise größer als im australischen Dschungel, zumal es in vielen Räumen keine Klimatisierung gab und sich die Fenster nicht öffnen ließen. Besonders überzeugte aber RTL die Auswahl von Halle als Finalort 2010, nachdem das dortige Ramada-Hotel im Vorjahr durch besonders kreative Preisgestaltung  aufgefallen war:

Hier wird das Bemühen der Veranstalter deutlich, den jeweils ekligsten Ort für das große Finale zu bestimmen - unser Konzept war praktisch schon fertig umgesetzt,

so die Produzenten. Auch bei den Ramada-Hotels freute man sich naturgemäß: Wir hatten schon Angst, dass wir Umsatzeinbußen erleiden müssten, nachdem böse Kräfte im Schachbund unter dem Deckmantel der “Transparenz” das uns zuvor erfolgreich zugeschanzte Pokalfinale wieder abgetrennt hatten, aber das wird nun mehr als kompensiert.

Ramada stellt die perfekte Infrastruktur für das Ereignis. Schon seit Jahren ist für den Cup ein sogenannter Verzehrgutschein eingeführt, mit dem das System der Essensrationen im Camp ideal durchgesetzt werden kann. Die Erfahrungen der Schach-EM in Dresden zeigen, dass die knapp bemessenen Mahlzeiten den Vergleich mit der Wildnis nicht zu scheuen brauchen.  Auch die Angestellten von Ramada haben sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, die Schachspieler als lästige Herde zu betrachten, die zwar pflichtschuldig ihre Gelder abliefern sollten, aber keinen Service erwarten können. Für den Job als Campwächter mussten sie gar nicht erst umgeschult werden, schon weil sie seit langem darauf achten, dass kein Essen in die Spielsäle mitgenommen werden darf.

Besonders überrascht war  RTL aber über den Kandidatenpool.

Wir hätten nicht gedacht, dass Leute freiwillig so etwas mitmachen, geschweige denn bezahlen.

Nachdem man sich aber vor Ort überzeugt hatte, fiel die Entscheidung leicht. Vorher hatte man eher mühsam nach Opfern suchen und auf Verlegenheitskandidaten zurückgreifen müssen. Hier hatte man hunderte Leute, die einfach alles mit sich machen ließen. Auch bei der Suche nach den nötigen B-Promis wurde man schnell fündig, vor allem mit Hilfe der chessbase GmbH.

Dort treiben sich seit Jahren Leute herum, die ihre abgeflauten Karrieren mit dem Markenzeichen Schach wieder flottmachen wollen - der Idealtyp des Dschungelkandidaten. Vaile, Artur Brauner, Smudo und Prof. Dr. Christian Hesse waren nach kurzem Casting sofort gesetzt. Allein bei den Schachgroßmeistern herrschte großes Gedränge - zu viele Profis wollten ins Camp, nachdem ihnen ein Antrittsgeld zugesichert worden war. Nach mehreren Ausscheidungsrunden hat sich das Feld nunmehr auf Epischin (von RTL favorisiert) und Nationalspieler Chenkin (mit starker Protektion des Schachbunds, insbesondere des Bundestrainers) reduziert. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Der Präsident des Schachbundes, Professor Dr. Robert Freiherr von Weizsäcker, sagte dagegen ab - trotz des ausdrücklichen Wunsches von RTL, in dessen Promi-Schema er ideal gepasst hätte:

Ich habe mich schließlich erfolgreich als Kind gegen die Odenwaldschule gewehrt (wobei ich noch einmal ausdrücklich betonen möchte, dass natürlich niemand aus unserer Familie, besonders nicht mein Vater und Bruder, gewusst oder gemerkt hat, was in dessen Wohngemeinschaft mit Gerold B. übliches Verhalten des Lehrers war), da werde ich auch nicht ins Ramada-Camp  gehen.

Befürchtungen einer falschen Zielgruppe hatten die RTL-Marktforscher schon zuvor zerstreut.

Wir machen Unterschichtfernsehen, und Schach ist Unterschichtsport, nicht zuletzt durch die vielen Immigranten und die Erfolge der Schulschachbewegung, durch Projekte wie Schach statt Mathe das Spiel an den Hauptschulen als Unterrichtssubstitution einzusetzen.

Gleichzeitig hätten Erhebungen gezeigt, dass eine einkommensstarke, extrem werberelevante Zielgruppe aus dem Intellektuellenmilieu in der Vergangenheit stark unter den Camp-Viewern vertreten war, vermutlich um sich postmodern über Dummheit und Zerfall von Gesellschaft und Medien zu amüsieren. Der gewisse intellektuelle Touch, der dem Schach traditionell immer noch anhängt, spricht diese Leute besonders gut an. Ein Beispiel: Sie können sich über einen Slogan wie “Wir machen Meister”, den wir bei der Produktion der Siegertypen im Ramada-Camp vom Schachbund übernommen haben, totlachen: Allen denkenden Zuschauern ist klar, dass hier die Gewinner eben “gemacht” werden und die Erfolge kaum eigenen Verdiensten verdanken - nur die Kandidaten glauben, den Sieg durch eigene Leistung zu erringen. So funktioniert das Prinzip des Reality-Fernsehens auf einem neuen Level.

Über die Prüfungen hat der Sender bisher wenig verlauten lassen. Klar ist aber, dass es diesmal mit dem gewöhnlichen Ekel-Fernsehen vorbei ist - jetzt sind härtere Prüfungen angesagt. Natürlich könne es gelegentlich zu spontanem Kakerlaken-Essen kommen, das sei aber schon durch die Verpflegungssituation gegeben, stelle keine besondere Prüfung dar und sei außerdem nicht themenbezogen. Dagegen wolle man auf bewährte Foltermethoden zurückgreifen: Dirk Jordan hat bereits die Ausarbeitung einer zehnstündigen  Präsentation angekündigt, die die Kandidaten über sich ergehen lassen müssen. Ebenso werden sie wohl ein komplettes Exemplar aus  Michael Schönherrs Schach-Zeitung laut vorlesen müssen. Besonders Hartgesottene dürfen sich einer neurolinguistischen Programmierung durch Stefan Kindermann unterwerfen. Die Veranstalter verbinden damit die Hoffnung, darüber Kindermanns Geschäftspartner Weizsäcker doch noch ins Camp zu bekommen - kostenloser Publicity für sein Königsplan-Buch konnte dieser bisher fast nie widerstehen. Die normale Chessbase-Gehirnwäsche im Seminar mit Michael Richter wird natürlich nicht fehlen, und gegen Ende muss wie üblich eine von Klaus-Jürgen Lais ausgearbeitete Dankesrede auswendig und ohne Grinsen vorgetragen werden. Eines der Highlights wird die öffentliche Umsetzung der neue Dopingordnung des Schachbunds bei allen Teilnehmern sein. Als besonderes Schmankerl ist eine Splitscreen-Ausgabe für die Zuschauer vorgesehen: Auf der einen Seite pinkeln die Amateure und laufen die offiziellen Statements der Verantwortlichen über ihren Anti-Doping-Kampf, auf der anderen Seite wird gezeigt, was sich hinter den wissenschaftlichen Studien, angeblichen Zwängen und Beschlusslagen oder der Berufungsprozedur in den Nationalkader wirklich verbirgt.

Nachdem ich das gesehen habe, muss ich sagen: normales Ekelfernsehen ist nichts dagegen, ich war nur noch am Kotzen,

so Dirk Bach, der über seine Teilnahme als Moderator noch nicht endgültig entschieden hat. Möglicherweise wird der bewährte Helmut Pfleger an seiner Stelle das Format übernehmen, das passenderweise heißen wird:

Ich bin im Ramada - holt mich hier raus!

Baduk TV

Thursday, March 25th, 2010

Hierzulande werden ja in Diskussionen über mediale Präsenz des Schachs oft halb neidisch, halb respektvoll die Go-Übertragungen in Fernost als Vorbild gepriesen. Nach dem ersten Eindruck des Baduk Channels würde ich das etwas relativieren wollen: Ja, man kann natürlich unter mehr als 1000 Kabelsendern einen Go-Kanal auswählen (wie auch -zigmal TV-Verwertungen von World-of-Warcraft oder anderer populäre Computerspiele). Das Niveau scheint aber nicht wesentlich über Idiotenberieselung nach dem Pfleger-Prinzip hinauszugehen - das Geschäftsmodell beruht wohl wesentlich darauf, dass es billig produzierbar ist und mit viel spezifischer Werbung vollgeknallt werden kann, damit kommt man dann vielleicht knapp ins Plus. Fürs Internetzeitalter eher kein Zukunftsmodell.

Schach statt Pferde

Wednesday, January 27th, 2010

Negativdenken, die eigenen Selbstzweifel oder knappe Finanzen sind immer wieder Stolpersteine, denen man im beruflichen Alltag begegnet. [..] Mit Hilfe von so genannten Fahrleinen wird das Pferd geführt. Durch einen Engpass oder über Latten hinweg bis hin zum Ziel, das durch eine Plane symbolisiert ist. Der Co-Trainer reagiert sehr sensibel auf die Anweisungen, die durch die Haltung der Zügel bestimmt werden, und somit die Richtung weisen.  Als Steigerung geht es anschließend auf dem Rücken des Pferdes weiter. Vor zwölf Jahren saß Heike Käferle das letzte Mal im Sattel. Bereits nach wenigen Stunden im Umgang mit den Pferden bekommt sie jetzt die Aufgabe, gleichzeitig ein zweites Pferd zu lenken. Nur mit viel Mut, Konzentration und Selbstvertrauen ist diese Übung zu meistern. Da vergisst man sicherlich recht schnell, welches Hindernis symbolisch für welches Problem steht.  Doch das Gefühl, alle Schwierigkeiten überwinden zu können, ist eine wichtige Erfahrung, die man auch für das Berufsleben mitnehmen kann.

Was im schönsten Motivationstrainer-Jargon  (”das Gefühl, alle Schwierigkeiten zu überwinden”) im Bericht über “Pferdetrainings für Manager” daherkommt, ist beilebe keine Satire auf das Tschakka!-Business - auch wenn die Schlagworte so daherkommen:

Horsedream - Horse Assisted Education: Führung erleben, Veränderungsprozesse meistern, authentisch sein und bleiben, Charisma entwickeln: es ist experimentelles, selbst bestimmtes Lernen. Es bringt Ergebnisse in ganz kurzer Zeit, und es wirkt nachhaltig.

Nein, die euphorischen Berichte liefen vor einigen Jahren im öffentlich-rechtlichen BR alpha, und müssen ja demzufolge stimmen - schließlich sind im gebührenbezahlten Fernsehen bekanntlich Schleichwerbung oder merkwürdige Nebeneinkünfte praktisch ausgeschlossen. Der Autorin des streng objektiven Jubelbeitrags High Potentials ist schon deshalb nichts vorzuwerfen, weil sie sich in guter Gesellschaft befindet - die Pferde-Manager-Trainer danken etwa explizit

Bärbel Schwertfeger (wirtschaft + weiterbildung, 1999), Harald Hamm (ZDF Hallo Deutschland, 1999), Dagmar Deckstein (Süddeutsche Zeitung, 2000), Madeleine Schulte Langforth (ZDF Mona Lisa, 2001), Peter Theisen (ZDF Drehscheibe, 2001), Katharina Rieger (VOGUE BUSINESS, 2001), Riccardo Mastrocola (Deutschlandfunk, 2001), Elke Hardegger (BR alpha, 2002), Elisabeth Hussendörfer (management & training, 2002),  Gudrun Bergdolt (handwerk magazin, 2003), Christian Sauer (chrismon, 2004), Andrea Bittelmeyer (managerSeminare, 2006), Silke Gronwald (stern, 2009), Martin Pichler (wirtschaft + weiterbildung, 2009) und Bärbel Vollberg (EQUUS 2010).

für ihre ganz vom positiven Pferdedenken inspirierten Berichte. (Dass sich unter den derart Berittenen erstaunlich viel öffentlich-rechtliche Journaille mitgaloppiert, sei ebenso nur am Rande notiert wie die Tatsache, dass praktischerweise Frau Hardegger auch Mitglied der Accrediting Alliance for Training and Development ist - wo sie sogar mit ihrer BR-Adresse auftaucht, was bestimmt schon deshalb nicht zu Interessenskonflikten führt, weil Prof. Peter Hardegger als Regionaldirektor Europa über die Integrität des Vereins wacht; wer sich für dergleichen Netzwerke interessiert, mag die amici-Forschung selbst weitertreiben).

Aktuell gibt es aber ganz schlechte Nachrichten für die Anbieter des Horse Assisted Professional Development: Frau Hardegger hat ein ganz neues großes Ding entdeckt. Natürlich wieder für BR alpha, der damit weiterhin seiner offentlich-rechtlichen Bildungsfunktion gerecht wird.

Wer weiß, wie sein Gehirn funktioniert, kann es auch optimal nutzen. Egal ob Schachgroßmeister, Manager, Schüler oder Rentner: Jeder Mensch kann seine ca. 100 Milliarden Nervenzellen so in Bewegung und in Beziehung setzen, dass sie effizient arbeiten - bewusst und unbewusst. Wie aber bewältigt das Gehirn seine komplexen Aufgaben und wie trainierbar ist es? Diesen Fragen nähert sich der Film “Das Gehirn optimal nutzen - Mit Gedächtnisstrategien zum Erfolg” zum Beispiel anhand des Schachspiels.

So die vollkommen neutrale Presseerklärung des Dokumentar(?)films “Das Gehirn optimal nutzen - Mit Gedächtnisstrategien zum Erfolg” - natürlich eilfertig von den zuständigen Stellen im Schachbund überallhin verbreitet. Kein Wunder, schließlich möchte ja auch der Präsident seinen Namen jetzt anständig versilbern - der, Originalton,

Wirtschaftswissenschaftler und Fernschachgroßmeister Robert K. Frhr. von Weizsäcker

taucht prominent als Mitverdiener (in Tateinheit mit Stefan Kindermann) an den “optimalen Problemlösungsmethoden, nicht nur für Manager” mittels des “Königsplans” auf.

Kleingeister könnten jetzt natürlich wieder kritteln. Etwa bedauern, dass jemand, der u.a. auch gewählt wurde, weil er wenigstens vom Status und gesicherten Einkommen her über den üblichen Schiebereien im Deutschen Schachbund zur Nebenverdienstsicherung zu stehen schien, das Spielchen ungeniert mitmacht. Oder dass der öffentlich-rechtliche BR in Gestalt von Frau Hardegger offenbar seit fast einem Jahrzehnt nicht besseres zu tun hat, als unter dem Label des Bildungsfernsehns in immer gleichen Vokabeln vollmundige Erfolgsversprechen gewisser  Seminaranbieter anzupreisen. Oder sich an nebulösen Schlagwörtern wie “Gedächtnisstrategie” stoßen, die weitgehend frei von jedem Gehalt verwendet werden, wobei auch über den simplen Bereich des Gedächtnisses hinaus beliebig unbewiesene Behauptungen über “Förderung positiver  zwischenmenschlicher Fähigkeiten, Unterstützung der Lesefähigkeit” und “Verbesserung der Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern” gestreut werden. Oder sich über die Verquickung der “100 Milliardenzellen des Menschen” mit Gehirnleistungen zu ärgern (wo sich weniger als 20% davon befinden). Oder sich einfach über

Die Schachspieler müssen vorwärts und rückwärts denken, ohne den Überblick auf die Gesamtlage zu verlieren

totlachen.

Dabei gibt es doch Anlass genug zur Freude.  Etwa, dass dank des von Weizsäcker-Kindermannschen Königsplans nicht nur das Gehirn, sondern die letzte Nervenzelle unter der linken Arschbacke “”bewusst und unbewusst effizient arbeitet”. Man kann sich angesichts der Statements

Man braucht dazu visuelles Vorstellungsvermögen, man braucht abstrakte Logik und ganz viel Gefühl und Intuition, das muss alles zusammenspielen, um ein guter Schachspieler zu sein, und vor allem lernen die Kinder ganz allgemein Denkstrukturen: Wie gehe ich an ein Problem ran, also wir versuchen den Kindern Denken beizubringen.

wenigstens darüber freuen, dass  Kindermann nur Neuronenschach und nicht Deutsch lehrt (auch wenn leise Zweifel an der “Unterstützung der Lesefähigkeit auftreten). Man kann erfreut konstatieren, dass dank seiner fleißigen Assistenten der Wirtschaftprofessor trotz Bachelor/Master-Chaos Zeit genug hat, um nebenher erfüllenden Tätigkeiten nachzugehen - wenn schon nicht der Allgemeinheit, dann doch persönlich förderlich. Man darf befriedigt feststellen, dass Name und  Beziehungen des Präsidenten zumindest beim BR und den Kollegen vom Istitut für Medizinische Psychologie funktionieren, wenigstens wenn es um eigene Geschäfte geht.

Vor muss man natürlich die Pferde bedauern, die jetzt im knallharten Trainingsbusiness hoffnungslos zurückfallen. Kein Wunder, da doch die rational-logisch-intuitiven Strategiemethodiker total ganzheitlich nicht nur Pferde, sondern auch Bauern, Läufer, Türme und Hochadel zur Stimulation der letzten Nervenzelle zum Einsatz bringen. Wenn auch der Ischiasnerv, mit neurolinguistischer Programmierung durch Kindermann nach von Weizsäckerschen Königsplan fit gemacht, sich  mit höchster Effizienz “in Bewegung und in Beziehung setzt”, schreien 100 Milliarden Zellen im Chor: Schakka!

Verzählt

Tuesday, January 26th, 2010

Perhaps a real version of HAL 9000 would simply announce move 1.e4, with checkmate in, say, 38,484 moves.

Auch wenn es nur als Unterstellung formuliert ist - Garik scheint im Ruhestand die 50-Züge-Regel vergessen zu haben. Irgendwie ja schon auch ein beneidenswerter Zustand, wenn man vom journalistischen Wiederkäuen bequem leben und sich der Ahnungslosigkeit der Leser sicher sein kann.

Angewandte Wissenschaftspublicity - Medienkraken und andere

Tuesday, December 15th, 2009

Nun müssen also auch wirbellose Tiere in den Club der schlauen Werkzeugnutzer aufgenommen werden: Tintenfische im Meer vor Indonesien sammeln weggeworfene Kokosnussschalen, um sich daraus eine Schutzhütte zu bauen. Die Weichtiere stapeln dazu Kokosnussschalenhälften wie Müslischalen auf dem Meeresboden und tragen sie weg, berichten australische Biologen im Fachjournal “Current Biology” (Bd. 19, R1069). Damit zeigt der Oktopus eine Leistung, die lange als Privileg von Menschen und Affen galt: Das Sammeln eines Werkzeugs, das nicht direkt, sondern erst in der Zukunft einmal von Nutzen sein könnte.

Auf dem Spieglein gelesen - wie aber ein kurzes Nachschauen zeigt, eine jener Meldungen, die sich krakenartig via die Agenturen durchs Netz verbreiten. Offensichtlich hat hier eine “wissenschaftliche Pressemitteilung” wieder ihr Publikum in den Redaktionen gefunden (inzwischen steht das Ding auf hunderten Newsseiten).

Dass die Autoren des Artikels daran nicht ganz unschuldig sind, zeigt das timing der News unmittelbar nach Erscheinen der Notiz in der Zeitschrift (es ist, wenn man nachschaut, nur unbegutachtete “correspondence”) -  Julian Finn (Museum Victoria, Melbourne) hält auch Journalisten gegenüber verblüffende Statements wie

This octopus behaviour was totally unexpected

bereit.

Warum verblüffend? Nun, ich mag ja vom Stralsunder Meeresmuseum her einseitig sozialisiert sein, aber zu unseren Zeiten wusste schon jedes Kind um die beachtlichen Fähigkeiten dieser Wirbellosen, und Museumsführer erzählten nach meiner Erinnerung gerne von den vielfachen Versuchen ihres Hausoktopus’, unter Einsatz verschiedenster  Materialien aus seinem gläsernen Käfig zu entkommen. Natürlich gibt es auch längst umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu den großen kognitiven Fähigkeiten der Achtfüßer. Spaßenshalber habe ich einmal rückwärtig nachgeschaut - eine 1-Minuten-Recherche liefert in J. A. Bierens de Haans 1927 Arbeit Werkzeuge und Werkzeuggebrauch bei den Tieren [Naturwissenschaften 15, 23, Juni 1927 (doi:10.1007/BF01506569)] die Stelle

1857 hat MAD. POWER einen Octopus beschrieben, welcher in einem Aquarium, mit einem Stein bewaffnet, eine Pinna nobilis überwachte, welche im Begriffe war, ihre Schalen zu öffnen. Sobald die Muschel ihre Schalen genügend geöffnet hatte, steckte der Octopus nach POWERS [J. POWER, Observations on the habits of various marine animals. Ann. Mag. nat. hist. 20. (1857)] lebhafter Beschreibung den Stein zwischen die Schalen der Pinna und verhinderte so das Schließen derselben, wodurch er die Muschel verzehren konnte. Da auch die Fischer in Neapel ähnliche Geschichten erzählen, scheint wohl ein gewisser Grund von Wahrheit darin zu stecken.

(Mal davon abgesehen, dass man auch schon früher aus Darwins Reisebericht aus Galapagos den Werkzeuggebrauch von Spechtfinken kannte, oder, oder…).

Natürlich insistieren die Forschungstaucher auf dem kleinen Unterschied, dass hier noch das Sammeln vorgeschaltet ist. Dummerweise überwiegt aber der Nachteil, dass eine Behausung nun einmal kein Werkzeug ist - die revolutionäre Entdeckung (immerhin gelingt den Forschern die kreative Interpretation einer Wohnnuss als “defensive tool”) liegt wohl eher im Auge des Betrachters. Und fähiger Redakteure, die schreiben:

Nun müssen also auch wirbellose Tiere in den Club der schlauen Werkzeugnutzer aufgenommen werden.

Immerhin, nach 150 Jahren ist das auch bei Wissenschaftsjournalisten angekommen. Natürlich nur bis zum nächsten total überraschenden Durchbruch, mit dem man ein paar Jahre Tauchurlaub in Indonesien rechtfertigen kann.

Angewandte Mathematik (L) - Neutral ist positiv

Monday, June 29th, 2009

Mehr als die Hälfte aller Schüler in Brandenburg und Ost-Berlin haben ein überwiegend positives Bild der DDR.

Man kann über die DDR-Darstellung an einigen Brandenburger Schulen sicher geteilter Meinung sein. Man kann sicher auch diverse divergente Umfrageergebnisse verschieden interpretieren.

Dass man aber freilich Zahlenverhältnisse von positiv : neutral : negativ von 4,5:55,3:40,2 als “überwiegend positiv” wertet, bleibt dann doch dem Spieglein in Kooperation mit dem Forschungsverbund SED-Staat vorbehalten.

Freilich - “95,5% aller Brandenburger haben kein positives Bild von der DDR” ist keine solche Schlagzeile, und auch mehr “Gelder für nötige Aufklärung” ließen sie so schwerer rechtfertigen.

300 (II)

Sunday, April 19th, 2009

Das schöne an alten, vergessenen Debatten ist, dass man sie jederzeit wieder zum Zeilenfüllen aufwärmen kann. So auch das Thema “IQ Fischer”. Zwar weiß man inzwischen, dass der IQ herzlich wenig aussagt - was aber niemanden daran hindert, derlei Messungen für absurde Argumentationen heranzuziehen (z.B. wenn man mit diversen Tricks Schach in den Lehrplan einschmuggeln will). Bei Fischer war es freilich besonders deutlich, wie gut sich Abwesenheit jeglicher Bildung und Fähigkeiten abseits des Brettes, ein primitives Dasein zwischen Figuren, Comicheften und diversen religiösen “Erleuchtungen” mit schachlichen Höchstleistungen vereinbaren lassen - daher machte es schon in den 60ern und 70ern einen Gutteil des Reizes der Figur Fischer aus, über Status und Funktion seines Hirns zu spekulieren.
Anders Ericsson von der Florida State University ahnte wohl nicht das Wespennest, als er jüngst im Focus die Zahl 90 für den FIQ fallenließ. Schon weil sein (Fischers) Tod noch nicht lange zurückliegt und in den Anzeigen diverse Zahlen wiedergekäut wurden, blieben die Proteststimmen nicht aus und machten einen dürftigen zweiten Nachrichtenaufguss.

Ehe jetzt munter weiterspekuliert wird - die diversen 180-190er Zahlen gehen wohl alle auf genau eine Quelle zurück, nämlich Frank Brady, der manches über Fischer veröffentlicht hat (z.B. das Buch Profile of a Prodigy). In folgender Stelle führt er das Malen nach IQ-Zahlen ausführlich aus und behauptet, er hätte die 180 mal von einem Lehrer an Fischers Schule gehört, dessen Namen er natürlich nicht sagen darf, was aber definitiv glaubwürdiger sei als andere Quellen, die andere Lehrer der Schule zitieren, die sich an niedrigere Zahlen, aber weniger präzise erinnern, und die infamerweise auch nicht namentlich genannt werden:

In previous writings I have cited Fischer’s I.Q. as in the range of 180, a very high genius. My source of information is impeccable: a highly regarded political scientist who coincidentally happened to be working in the grade adviser’s office at Erasmus Hall - Bobby Fischer’s high school in Brooklyn - at the time Fischer was a student there. He had the opportunity to study Fischer’s personal records and there is no reason to believe his figure is inaccurate. Some critics have claimed that other teachers at Erasmus Hall at that time remember the figure to be much lower; but who the teachers are and what figures they remember have never been made clear.

(Aus: The Chess of Bobby Fischer, 1975).

Da es es ja in ein paar Jahren vermutlich ohnehin nur noch wichtig ist, eine mutmaßliche Information ausreichend oft im Netz weitererzählt zu bekommen, mache ich hier mal einen Test:

Bekanntlich gab es es ja in der DDR normalerweise keine IQ-Tests, aber durch die merkwürdigen Aktovotäten mancher regimenaher Psychologen und Psychologinnen (die unter anderen, mal wieder, die Aufnahme von Schach in den Schulstoff betrieben) ließen hier Ausnahmen zu. So wurde 1983 einmal das gesamte Pionierlager Wilhelmsthal bei Eisenach, in dem traditionell die Endrunde des Pionierpokals im Schach stattfand, einem extensiven Test unterzogen - natürlich ohne Ergebnisse bekanntzugeben. Immerhin sickerte aus natürlich absolut glaubwürdiger Quelle durch, dass ich die höchste Punktzahl erreicht hätte - da freilich nur im Vergleich mit Schachspielern, war es kein Grund, mir viel darauf einzubilden.

Weil aber in der DDR selten etwas nicht registriert wurde, kam die Geschichte interessanterweise viele Jahre später wieder hoch, als plötzlich in einem Stasi-Verhör ein Offizier fallenließ “Wie ich sehe, sind Sie als Kind einmal mit einem IQ von 300 getestet worden. Sie wissen doch sehr gut, dass gerade daraus eine besondere Verantwortung für eine sozialistische Lebensweise erwachsen sollte, zumal Sie einen solchen Wert niemals ohne die hervorragende Fürsorge unseres Staates …”; i tak dalje.

Natürlich hat er mir seinen Namen nicht mitgeteilt, aber auch diesen Beleg dürften wir ja wohl als gesichert ansehen (zumindest auf Fischer-Level, oder etwa so sicher wie die 300 des Schachbunds :D ). Meine betreffenden Akten jener Jahre sind leider größtenteils vernichtet, sonst hätte ich es auch schriftlich. Aber ich merke ich ja dauernd, dass sie deshalb immer noch hinter mir her sind, und wahrscheinlich habe sie es auch schon Illus Aliens verraten - also bitte niemandem weitererzählen, dass mein IQ 300 ist!

Angewandte Mathematik Journalistik - Die Kunst des Weglassens

Tuesday, April 14th, 2009

Wer als Prinzip nur noch Grundlagenforschung oder nur noch angewandte Forschung betreiben will, macht keine Wissenschaft, sondern Religion.

beantwortet Peter Chen von der ETH Zürich im SPON-Interview die Frage “Das heißt, an der ETH wird am Anfang gar nicht bedacht, ob etwas wirtschaftlich nutzbar ist?” - nachdem er zuvor deutlich gemacht hatte, das er die Tendenz der Forschungspolitik für unklug hält, nur noch Forschung zu fördern, die vermeintlich zeitnah Arbeitsplätze verspricht.

Das war als Kritik wohl dem Spieglein zu deutlich (ohnehin zeichnen sich ja gerade Wissenschaftsjournalisten im politisch-medialen Komplex heutzutage durch eine erschreckende Hörigkeit gegenüber der Politik aus - man siehe nur das Fehlen einer fundierten Generalabrechnung mit der Bachelor-Master-Katastrophe).  Jedenfalls wurde in der dicken Teilüberschrift die Kritik am fundamentalistischen Anwendungsbezug gekonnt entschärft, um nicht zu sagen, erfolgreich durch Weglassen ins Gegenteil verfälscht:

Wer als Prinzip nur noch Grundlagenforschung betreiben will, macht keine Wissenschaft, sondern Religion.