Nachdem zuletzt aufgrund geringer Werbebuchungen die diesjährige Staffel von “Ich bin ein Star - holt mich hier raus” abgesetzt wurde und eine Fortsetzung des Dschungelcamp-Formats mehr als fraglich gemacht hatten, gab es heute überraschend grünes Licht für eine Fortsetzung in völlig neuem Gewand.
Nach langer Suche haben wir einen idealen Partner für das neue Format gefunden. Bei der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft passte einfach alles: der Kandidatenpool, die Zielgruppe und der Support der Partner,
so die Verantwortlichen von Granada Produktion.
Klar war, dass das bisherige Setup im australischen Dschungel an die Grenzen gestoßen war und keinen Spielraum für innovative Programmgestaltung mehr ließ. Eine härtere Umgebung, ekelhaftere Aufgaben und peinlichere Kandidaten mussten gefunden werden. Der Umzug in die Brache der Gewerbegebiete der ostdeutschen Bundesländer lag da auf der Hand, zumal in der Wirtschaftskrise auch auf die Kosten geachtet werden musste.
Das Format beruht wesentlich darauf, dass Leute bereit sind, alles dafür zu tun, um ins Fernsehen zu kommen
so RTL-Sprecherin Enkemeyer. Heutzutage sei das gar nicht mehr so einfach, weil ja die meisten Leute das System hinter den Billigproduktionen erkennen würden. Wir haben uns unter diesem Aspekt umgesehen und zu unserer eigenen Überraschung festgestellt, dass niemand geiler auf die TV-Publicity war als die Leute im Deutschen Schachbund.
Wir konnten unser Glück kaum fassen - hier liefen wir offene Türen ein, weil wohl bei Schachspielern ein lange unerfüllter Traum besteht, mit mehr TV-Präsenz Anerkennung und Breitenwirkung zu erzielen. Schon bei den Bestrebungen, Schach olympisch zu machen, sind diese Leute bereit, alle möglichen Kröten zu schlucken. Bei der Aussicht auf die Präsenz von Schach in einem Mainstream-Format sind dann alle Hemmungen gefallen.
Tatsächlich waren schon zaghafte Versuche unternommen worden, den sogenannten “Ramada-Cup” ins Fernsehen zu bringen. Dadurch war man bei RTL auf Klaus-Jürgen Lais, den Öffentlichkeitsreferenten des DSB, aufmerksam geworden, der sich tatsächlich als der ideale Handlanger entpuppte. Das privat-gemeinnützige Zwitterformat des Cups erwies sich als ideale Plattform, um die Wünsche des Senders durchzusetzen.
Allein von der finanziellen Seite her ist die Sache für RTL ein Hauptgewinn: Der Deutsche Schachbund erklärte sich bereit, alle Produktionskosten zu übernehmen. Die Schachspieler zahlen dafür einen sogenannten “Dschungelzuschlag” auf ihre Beiträge.
Mittelfristig werden wir durch die enorme Öffentlichkeitswirkung einen Mitgliederzuwachs erzielen, so dass unter dem Strich sogar ein Plus übrigbleibt,
so DSB-Schatzmeister Langer. Andererseits sei aber durch die Konstruktion der Amateurmeisterschaft gesichert, dass die Gewinne im wesentlichen privatisiert würden. Man habe zudem inzwischen umfangreiche Erfahrungen in kreativer Buchführung; bei finanziellen Engpässen würde einfach der Landesverband NRW die Beiträge der nächsten hundert Jahre versehentlich zu früh überweisen.
Natürlich bestanden Bedenken, ob das neue Format tatsächlich ausreichend Quote generieren könne. Bei den Test während der laufenden Meisterschaft verstummten aber schnell alle Zweifel. Das Konzept der mehrstufigen Qualifikation mit abschließenden Finale erwies sich als stark kompatibel zu dem klassischen Dschungelcamp-Szenario. Schon traditionell würde bei der deutschen Amateurmeisterschaft ein besonders abstoßender Ort zum Endausscheid ausgewählt. 2008 in Magdeburg war die Hitze im Hotel teilweise größer als im australischen Dschungel, zumal es in vielen Räumen keine Klimatisierung gab und sich die Fenster nicht öffnen ließen. Besonders überzeugte aber RTL die Auswahl von Halle als Finalort 2010, nachdem das dortige Ramada-Hotel im Vorjahr durch besonders kreative Preisgestaltung aufgefallen war:
Hier wird das Bemühen der Veranstalter deutlich, den jeweils ekligsten Ort für das große Finale zu bestimmen - unser Konzept war praktisch schon fertig umgesetzt,
so die Produzenten. Auch bei den Ramada-Hotels freute man sich naturgemäß: Wir hatten schon Angst, dass wir Umsatzeinbußen erleiden müssten, nachdem böse Kräfte im Schachbund unter dem Deckmantel der “Transparenz” das uns zuvor erfolgreich zugeschanzte Pokalfinale wieder abgetrennt hatten, aber das wird nun mehr als kompensiert.
Ramada stellt die perfekte Infrastruktur für das Ereignis. Schon seit Jahren ist für den Cup ein sogenannter Verzehrgutschein eingeführt, mit dem das System der Essensrationen im Camp ideal durchgesetzt werden kann. Die Erfahrungen der Schach-EM in Dresden zeigen, dass die knapp bemessenen Mahlzeiten den Vergleich mit der Wildnis nicht zu scheuen brauchen. Auch die Angestellten von Ramada haben sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, die Schachspieler als lästige Herde zu betrachten, die zwar pflichtschuldig ihre Gelder abliefern sollten, aber keinen Service erwarten können. Für den Job als Campwächter mussten sie gar nicht erst umgeschult werden, schon weil sie seit langem darauf achten, dass kein Essen in die Spielsäle mitgenommen werden darf.
Besonders überrascht war RTL aber über den Kandidatenpool.
Wir hätten nicht gedacht, dass Leute freiwillig so etwas mitmachen, geschweige denn bezahlen.
Nachdem man sich aber vor Ort überzeugt hatte, fiel die Entscheidung leicht. Vorher hatte man eher mühsam nach Opfern suchen und auf Verlegenheitskandidaten zurückgreifen müssen. Hier hatte man hunderte Leute, die einfach alles mit sich machen ließen. Auch bei der Suche nach den nötigen B-Promis wurde man schnell fündig, vor allem mit Hilfe der chessbase GmbH.
Dort treiben sich seit Jahren Leute herum, die ihre abgeflauten Karrieren mit dem Markenzeichen Schach wieder flottmachen wollen - der Idealtyp des Dschungelkandidaten. Vaile, Artur Brauner, Smudo und Prof. Dr. Christian Hesse waren nach kurzem Casting sofort gesetzt. Allein bei den Schachgroßmeistern herrschte großes Gedränge - zu viele Profis wollten ins Camp, nachdem ihnen ein Antrittsgeld zugesichert worden war. Nach mehreren Ausscheidungsrunden hat sich das Feld nunmehr auf Epischin (von RTL favorisiert) und Nationalspieler Chenkin (mit starker Protektion des Schachbunds, insbesondere des Bundestrainers) reduziert. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Der Präsident des Schachbundes, Professor Dr. Robert Freiherr von Weizsäcker, sagte dagegen ab - trotz des ausdrücklichen Wunsches von RTL, in dessen Promi-Schema er ideal gepasst hätte:
Ich habe mich schließlich erfolgreich als Kind gegen die Odenwaldschule gewehrt (wobei ich noch einmal ausdrücklich betonen möchte, dass natürlich niemand aus unserer Familie, besonders nicht mein Vater und Bruder, gewusst oder gemerkt hat, was in dessen Wohngemeinschaft mit Gerold B. übliches Verhalten des Lehrers war), da werde ich auch nicht ins Ramada-Camp gehen.
Befürchtungen einer falschen Zielgruppe hatten die RTL-Marktforscher schon zuvor zerstreut.
Wir machen Unterschichtfernsehen, und Schach ist Unterschichtsport, nicht zuletzt durch die vielen Immigranten und die Erfolge der Schulschachbewegung, durch Projekte wie Schach statt Mathe das Spiel an den Hauptschulen als Unterrichtssubstitution einzusetzen.
Gleichzeitig hätten Erhebungen gezeigt, dass eine einkommensstarke, extrem werberelevante Zielgruppe aus dem Intellektuellenmilieu in der Vergangenheit stark unter den Camp-Viewern vertreten war, vermutlich um sich postmodern über Dummheit und Zerfall von Gesellschaft und Medien zu amüsieren. Der gewisse intellektuelle Touch, der dem Schach traditionell immer noch anhängt, spricht diese Leute besonders gut an. Ein Beispiel: Sie können sich über einen Slogan wie “Wir machen Meister”, den wir bei der Produktion der Siegertypen im Ramada-Camp vom Schachbund übernommen haben, totlachen: Allen denkenden Zuschauern ist klar, dass hier die Gewinner eben “gemacht” werden und die Erfolge kaum eigenen Verdiensten verdanken - nur die Kandidaten glauben, den Sieg durch eigene Leistung zu erringen. So funktioniert das Prinzip des Reality-Fernsehens auf einem neuen Level.
Über die Prüfungen hat der Sender bisher wenig verlauten lassen. Klar ist aber, dass es diesmal mit dem gewöhnlichen Ekel-Fernsehen vorbei ist - jetzt sind härtere Prüfungen angesagt. Natürlich könne es gelegentlich zu spontanem Kakerlaken-Essen kommen, das sei aber schon durch die Verpflegungssituation gegeben, stelle keine besondere Prüfung dar und sei außerdem nicht themenbezogen. Dagegen wolle man auf bewährte Foltermethoden zurückgreifen: Dirk Jordan hat bereits die Ausarbeitung einer zehnstündigen Präsentation angekündigt, die die Kandidaten über sich ergehen lassen müssen. Ebenso werden sie wohl ein komplettes Exemplar aus Michael Schönherrs Schach-Zeitung laut vorlesen müssen. Besonders Hartgesottene dürfen sich einer neurolinguistischen Programmierung durch Stefan Kindermann unterwerfen. Die Veranstalter verbinden damit die Hoffnung, darüber Kindermanns Geschäftspartner Weizsäcker doch noch ins Camp zu bekommen - kostenloser Publicity für sein Königsplan-Buch konnte dieser bisher fast nie widerstehen. Die normale Chessbase-Gehirnwäsche im Seminar mit Michael Richter wird natürlich nicht fehlen, und gegen Ende muss wie üblich eine von Klaus-Jürgen Lais ausgearbeitete Dankesrede auswendig und ohne Grinsen vorgetragen werden. Eines der Highlights wird die öffentliche Umsetzung der neue Dopingordnung des Schachbunds bei allen Teilnehmern sein. Als besonderes Schmankerl ist eine Splitscreen-Ausgabe für die Zuschauer vorgesehen: Auf der einen Seite pinkeln die Amateure und laufen die offiziellen Statements der Verantwortlichen über ihren Anti-Doping-Kampf, auf der anderen Seite wird gezeigt, was sich hinter den wissenschaftlichen Studien, angeblichen Zwängen und Beschlusslagen oder der Berufungsprozedur in den Nationalkader wirklich verbirgt.
Nachdem ich das gesehen habe, muss ich sagen: normales Ekelfernsehen ist nichts dagegen, ich war nur noch am Kotzen,
so Dirk Bach, der über seine Teilnahme als Moderator noch nicht endgültig entschieden hat. Möglicherweise wird der bewährte Helmut Pfleger an seiner Stelle das Format übernehmen, das passenderweise heißen wird:
Ich bin im Ramada - holt mich hier raus!