Archive for the 'Auskunft' Category

China-Boom wieder vertagt

Friday, July 2nd, 2010

Die Juli-FIDE-Rating-Liste ist, zum Glück, kein großes Event mehr. Die höhere Frequenz und die Live-Parallelwelten werden hoffentllich bald dazu führen, dass die Updates des systematisch fehlerbehafteten Rankings weiter unter die Wahrnehmungsschwelle sinken - schon jetzt ist sie ja eigentlich nur noch Stichwortgeber für die üblichen drittklassigen Schachjournalisten, die halt ihre pawlowianischen Carlsen-historisch-Reflexe ausleben müssen. Aber gut, so funktioniert eben die Hypemaschine.

Womöglich sind ja die Leser ja doch noch etwas schlauer als gedacht und erinnern sich, dass mal vor gar nicht allzu langer Zeit sogar Morosewitsch eine Runde lang “Live-Nr. 1″ war. Was wurde damals nicht alles um belanglose Pünktchen geschwafelt. Nun ist Moro irgendwo bei Platz 30, wer behaupten würde, dass er irgendwann auch nur ansatzweise der beste Spieler der Welt gewesen sei, würde ausgelacht, und wer einmal etwas länger über den Fakt nachdenkt, kommt vielleicht unabhängig zum Schluss, dass das System wenig taugt. Welchselbe Erkenntnis immerhin ein erster Schritt wäre.

Aber doch,  ein mini-”historisches” Ereignis ist tatsächlich in der Liste drin: Nachdem Wang Yue sich zwei Saisons lang durch unverständlich viele Einladungen durchremisiert hat, gingen zuletzt doch ein paar mehr Partien verloren, verbunden mit dem nicht mehr unbekannten Phänomens des Abrutschens vieler Spieler aus der Computergeneration in ihrer schachlichen Midlifecrisis (also Anfang/Mitte 20).

Damit ist das erste Mal seit zwei Jahren kein chinesischer Spieler mehr unter den besten zwanzig. Da tut es gut, noch einmal genüßlich die Hypestories durchzulesen, die 2008 mal wieder über den großen chinesischen Schachboom aufgewärmt wurden (ganz unseriöse trauten der Mannschaft ja sogar den Olympiasieg zu). Natürlich schweigt man jetzt lieber zum gebremsten Aufstieg, nur für den etwas langsameren Jan Gustafsson ist die abgestandene Story noch als Druckmittel in Bettelbriefen gut genug.

Ich kenne das Muster schon seit mindestens zwanzig Jahren, als ein paar gute Frauen aus dem Reich der Mitte (bei entsprechender Kapazität und Konzentration der Mittel) so auf das Niveau eines kleinen kaukasischen Bergvölkchens   aufschlossen und auf dem schmalen Randsektor Frauenschach der Randsportart Schach immerhin Platz zwei belegten. Wenn man bedenkt, wie wenig Erfolge für wie viel herausgeworfenes Geld etwa der Deutsche Schachbund hier vorzuweisen hat, ist das gar nicht mal die allerschlechteste Performance (es sei allerdings angemerkt, dass alle diese Anstrengungen immerhin noch hinter dem Ergebnis des kleinen Familienunternehmens Polgar zurückblieben).

In ähnlichen Einzelunternehmungen wurden immer mal wieder Grüppchen chinesischer Großmeister im Männerbereich gesichtet. Auffällig mal vor zehn Jahren, als eine kleine Crew die Top 100 enterte:

Juli 2000: 21. Ye Jiangchuan, 23. Xu Jun, 30. Peng Xiaomin,  48. Zhang Zhong, 89. Wang Zili, 90. Wu Wenjin

Inzwischen ist keiner mehr irgendwo oben zu finden; man kann sich mal den Spaß machen und sehen, wo sie jetzt stehen (in einem Alter, in dem etwa ein Gelfand - damals 16. und aus der gleichen Generation - immer noch oben mitspielt).

Das Spielchen geht seither mit immer neuen Namen so weiter (da gab es auch noch einen Zhang Pengxiang, und  Bu Xiangzhi erwarb den zweifelhaften Titel des “zwischenzeitlichen Rekordhalters des Jugendrekordes für GM, der es am wenigsten weit gebracht hat aber dafür zur Verleihung des Titels am ältesten im Vergleich zum Nominalalter aussah”). Die neue Viererbande scheint auch ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.

Aber wohl am deutlichsten scheint mir die Inkompetenz der chinesischen Schachpolitik da, wo einmal ein echtes Talent auftaucht: Wie Hou Yifan in den letzten Jahren in Damenturnieren verheizt wurde, war schon wirklich nicht mehr feierlich. Als Ergebnis steht eine de-facto-Ratingstagnation seit drei Jahren (die 2523->2577 seit Juli 2007 sind praktisch von der Inflation aufgefressen) - im besten Schachentwicklungsalter von dreizehn bis sechzehn. (Im Moment kämpft sie gerade, einen zwei-Punkte-Rückstand auf die 24-something Nana Dzagnidze (”Nana wer?”) aufzuholen.)

Keine Frage, China ist seit mindestens zehn Jahren ein Land mit großer Schachzukunft. Und das wird auch mindestens zehn Jahre noch so bleiben.

Die Altersfrage

Wednesday, June 16th, 2010

Ich bin ja gerade zu Recht für einen 1-Minuten-Kommentar kritisiert worden, bei dem ich das ungefähre Alter der Spieler zwar im Kopf, aber doch einiges übersehen hatte. Nun bin ich zwar kein Freund übertriebener Statistiken (extensive Tabellenkalkulationsorgien haben auch wenig mit Mathematik zu tun), aber man kann ja mal kurz schauen, ob der subjektive Eindruck, dass der Kiddiewahn im Schach  eher so’n Mediending ist und sich der Trend evtl. in die Richtung umkehrt, dass die ältere Generation (die noch die Höhen ohne Computerfixierung erklommen hat) länger am Ruder bleibt, als ihr biologisch zukommt.

Dazu habe ich mal kurz die Schnitte über das Top 20-Alter Januarliste in Fünfjahresabständen gebildet (NICHT tagesgenau, also leicchte Rundungen…):

1975: 37.8

1980  35.4

1985  36.7

1990  34.8

1995  28.5

2000  31.6

2005  30.3

2010  30.0
(und in der Mai-Liste wieder 30.7, daher vielleicht auch der subjektive Eindruck, dass es wieder nach oben geht…).

Nicht sehr aussagekräftig, aber es fällt immerhin auf, dass von  1975 bis 1995 der Altersschnitt sehr stetig sank, während die Entwicklung dann stagnierte und gegenwärtig der Schnitt wieder höher liegt. Auch wenn eine Auswertung der Kinderplazierungen tatsächlich ergäben könnte, dass diese inzwischen anfangs schneller (gehobenes) GM-Niveau erreichen, so scheint doch, dass sie etwas weniger schnell in die echte Spitze vordringen - und das betrifft gerade die Computergeneration, die schon mit der Überlegenheit der Büchse und dem Schach vor allem am Bildschirm aufgewachsen ist.

Einen dominierenden Einfluss hat allerdings ohnehin scheinbar die Tatsache, dass die Generation um 1970 einfach sehr stark ist.

Prusikins Block

Monday, February 15th, 2010

Was ein “Block” in einer Schachkomposition ist, werden die Spezialisten unter den Lesern vermutlich genauer als ich definieren können - ich kenne den Begriff jedenfalls als Bestandteil eines Mechanismus’ in Mattkompositionen, bei denen das Fluchtfeld des Königs nach verschiedenen Mustern (meist mit einer Reihe berühmter Namen verbunden) verstellt wird. Dieser Gebrauch scheint jedenfalls so allgemein üblich zu sein, dass ich ihn außerhalb einer Mattaufgabe noch nie verwendet gesehen habe.
Außer, seit fast vier Jahren, bei wikipedia.

Als mir die etwas merkwürdige und allgemein gehaltene Passage

Ein Stein (meist der schwarze König) kann ein Feld nicht betreten, weil dieses durch einen weiteren Stein gleicher Farbe besetzt („geblockt“) ist.

im Artikel Schachkomposition das erste Mal auffiel, dachte ich - “Prima, mal ein gutes Beispiel, die These von der Verbesserungs- und Korrekturfähigkeit der wikipedia zu testen”. Inzwischen bin ich es müde. Die Schwarmintelligenz mag ja bei Artikeln über Fußballergebnisse etc. gut funktionieren, wo ein breites Publikum ohne besondere Kenntnisvoraussetzung per Abstimmung sich in die richtige Richtung mittelt. Aber schon bei einigermaßen speziellen Themen reicht die Masse offenbar nicht aus - dabei gibt es im Problemschach wenigstens noch eine ganz aktive wiki-Gemeinschaft (bei speziellen wissenschaftlichen Themen sieht es oft noch weit finsterer aus, da behält gnadenlos engagiertes Halbwissen, wenn nicht gar bornierte Ideologie, im Zweifel die Oberhand).
Warum die Betonung einer winzigen Nuance eines Randbegriffs? Nun, in der wikipedia taucht er in bemerkenswerter Kombination auf. Zuerst gibt es die unorthodoxe Verwendung  des Block-Begriffes nämlich im wiki-Artikel zu Michael Prusikin. Jemandem hat offenbar eine Prusikin-Studie (2. Lob Schach 2005) so gut gefallen, dass er(sie?) sie kommentierend beifügte und den harmlos klingenden Zusatz

Nach dem Textzug wird der schwarze Turm als Block genutzt.

einfügte.

Selbige(r) Wikipedianer(in)  (in der Geschichte leider nur als IP 88.72.38.204 kenntlich und scheinbar so fanatischer Prusikin-Kompositionsfan, dass außerhalb der zwei Artikel keine weiteren Beiträge erkennbar sind) fügte dann in den Artikel zur Schachkomposition neben obiger Definition noch eine wunderbar exemplarische Erklärung

Beispiele: bei Michael Prusikin und Antonin Nowotny.

ein. (Immerhin können wir damit wohl ausschließen, dass der Autor sich hier selbst hineinschrieb, denn das alte deutsche Sprichwort, wen der Esel zuerst nennt, würde ihm sicher geläufig sein.)

Tja, und so haben die Schachkomponisten dann neben (Entschuldigung, vor) ihrem Nowotny auch noch einen echten Prusikin - und einen “Block”, mit dem sie im Zweifel wohl wenig anfangen können. Zum Glück werden dem Vernehmen nach die meisten Kompositionen noch nicht auf wikipedia-Grundlage erstellt.

Erkältungsmittel seit heute genehmigungspflichtig

Friday, January 1st, 2010

Die Doping-Seiten des deutschen Schachbundes sind bekanntlich sehr aufschlussreich (wir gehen mal davon aus, dass jeder Betroffene die entsprechende Ordnung sorgfältig gelesen hat und weiß, worauf er sich bei einer Teilnahme an DSB-Turnieren oder der Mitgliedschaft in einem Landesverband, der die DSB-Regeln übernimmt, einlässt). Darauf steht auch der schöne Satz

Es ist die Pflicht eines jeden Sportlers, sich zu erkundigen ob es eine neue Version der Verbotsliste gibt.

Wohl nur Juristen (von denen es freilich an den Schaltstellen des Verbandes nicht zu wenige gibt, eher umgekehrt) können wohl die Eleganz dieser Verantwortungsdelegation voll würdigen.

Wir gehen mal davon aus, dass die große Mehrheit der Mitglieder (deren Repräsentanten   schließlich die Ordnung beschlossen haben) bereits ihrer Informationspflicht nachgekommen sind. Für den kleinen Rest der ewigen Ignoranten sei darauf hingewiesen, dass zum 01.01.2010 die Liste aktualisiert wurde und z.B. Pseudoephedrine, die in Erkältungsmitteln vorkommen, jetzt wieder darauf zu finden sind.

Für diejenigen, die trotz des heroischen Anti-Doping-Kampfes unserer Funktionäre nicht auf die Einnahme verzichten wollen, sei hier noch einmal auf das einfache Verfahren hingewiesen:

1. Lt. 4.4  gilt: Das Verfahren zum Antrag und zur Ausstellung von Medizinischen Ausnahmegenehmigungen richtet sich nach dem Standard für Medizinische Ausnahmegenehmigungen.

2. Für die Erteilung der Medizinische Ausnahmegenehmigung hilft die DSB-Ordnung nicht weiter, aber wer sie gelesen hat, weiß ohnehin, dass er auch die ständigen Aktualisierungen der NADA-Ordnungen parat haben muss.  Daher:

Standardformular zusammen mit dem behandelnden Facharzt ausfüllen - findet sich bei der NADA.

3. Das weitere Verfahren richtet sich nach dem jeweils gültigen Internationalen Standard. Wir gehen davon aus, dass die WADA-Regelungen jedem bekannt sind.

Die meisten Betroffenen im DSB fallen nur unter die “nationale” Regelung, d.h. sie müssen das Formular nur bei der NADA einreichen. Die medizinische Kommission entscheidet dann über den Ausnahmeantrag.

Nach einer angemessenen Bearbeitungszeit gibt es dann eine schriftliche Ablehnung oder eine Bewilligung.

Und schon darf sich der Schachspieler sein Aspirin complex besorgen und einnehmen.

Wichtiger Hinweis: Nach der vom DSB beschlossenen Ordnung ist ebenso der Besitz solcher Mittel ohne Medizinische Ausnahegenehmigung verboten. Wir gehen aber davon aus, dass alle verantwortlichen Schachspieler ihre Erkältungsmittel spätestens in der Silvesternacht weggeworfen haben. Die Kriminellen, die dies in offenbar heimtückischer Absicht unterließen, werden leider unnachsichtig verfolgt und bestraft werden müssen. Entsprechende Weisungen an die Schiedsrichter sind bestimmt schon in Vorbereitung.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die Vertreter ihrer Vereine auf den Verbandstagen Ihres Landesverbandes sowie an die Vertreter Ihres Landesverbandes auf dem Kongress des Deutschen Schachbundes.

Silbernes Zeitalter

Wednesday, December 2nd, 2009

Bei einem Kampf der 1. Runde in der NRW-Klasse gab es Schwierigkeiten beim Einstellen der vom Gastgeber benutzten Uhren vom Typ SchachTimer „Silver“. Die verwendeten Uhren stammen aus der Zeit vor der FIDE-Zertifizierung des SchachTimers und lassen im Modus 10 keine Programmierung einer dritten Spielphase zu. Der Kampf wurde für die Gastgeber mit 0:8 gewertet.

So berichtet vom Schachschiedsrichter NRW, wo auch vorbildlich die Information vorliegt, dass Modelle des Silberzeiters vor 2007 ungeeignet sind (unklar, ob dies durch Versionsnummer für einen arglosen Käufer erkennbar ist). Wäre mal lustig - wenn auch schwierig im Nachhinein - zu überprüfen, wie lange dies Zeug trotzdem noch vom Schachbund vertrieben und empfohlen wurde.

Auch die meisten derzeitigen Modelle auf dem Markt lassen noch genügend Raum für Neubeschaffungsoptionen - so etwa die Möglichkeit, den Zugbonus in Abhängigkeit von der Spielphase frei zu programmieren. (Mal davon abgesehen, dass ja vielleicht die Organisationen in Absprache mit den Herstellern auch auf die Idee kommen könnten, nun in jedem geraden und Primzahlzug, oder nach einem Zufallsgenerator den Bonus zu vergeben).

Naja, wir wissen ja, dass das Goldene Zeitalter des Schachs vorbei ist - aber wir können uns trösten, wenigstens im Silbernen zu leben, genauer, im Goldenen der Uhrenhersteller.

Yet Another Oscar List

Friday, January 2nd, 2009

Die dritte Liste für dieses Blog gerät schon etwas zur Pflichtübung, aber einmal ziehen wir sie zumindest noch durch und überlegen uns im nächsten Jahr, ob wir sie mal aussetzen:

1. Kramnik

Sportlich nicht so erfolgreich, aber gerade dadurch hat er sich bleibende Verdienste erworben - die deutliche Niederlage nützt dem Schach viel mehr als Siege in Matchen, für die er sich nie qualifiziert hatte. Zeigt in Bonn im Rahmen seiner Möglichkeiten hochklassiges Schach und trägt zum sehr beachtlichen Niveau der WM bei. Der Mehltau der Intrigen um die WM hat nun eine wesentlich dünnere Basis, auch wenn es weitergeht. Ihm ist zugute zu halten, dass er in Bonn angetreten ist und sein Störfeuer sich auf läppische Witze wie “künstlerisches Schach gegen reines Erfolgsspielertum” beschränkte: Das reichte nicht. Am Ende wechselte er dann noch den Wirt und flüchtete von Hensel zurück an die Brust von Mütterchen Russland. Dass er dort immer noch die Nr. 1 ist, muss er aber auch erst beweisen. Die vergeigte Olympiade wird ihm der Kreml nicht positiv anrechnen.

2. Anand

Der Weltmeister. Zum dritten Mal seit 2000 mit einer ungeheuer überzeugenden Matchleistung.

3. Das Rybka-Team

Die Alternative ist nun nicht mehr ganz eine, da auch unter dem Dach des Monopolisten. Dennoch gelingen von einem schon hohen Niveau aus weitere beachtliche Steigerungen und beeindruckende Erfolge in Vorgabematchen.

4. Carlsen

Nicht nur mit einem weiteren Leistungssprung, sondern auch mit deutlicher Charakterstärke im Rückzug aus dem Grand Prix im Protest gegen die willkürlichen FIDE-Änderungen. Bravo!

5. Topalow

Nutzt die vorbereitungsbedingte Schwäche der Bonner Matchgegner und zieht im Jahresendspurt nach vorn. Eine Reihe durchaus gewichtiger Turniersiege, wenngleich die Bilbao-Show ein wenig medial aufgeblasen sein dürfte.

6. Iwantschuk

Wie immer wechselhaft - aber allein der Triumph in Sofia! Hinzu kommen weitere glänzende Turniere. Opfert sich (unwissentlich) durch seine Pinkelverweigerung und beschenkt die Schachwelt mit einer überfälligen Debatte, die viel zu lange hinter verschlossenen Türen ausgekungelt wurde.

7. Sargissjan

Das Gesicht des erneuten armenischen Olympiaerfolges. Ein Hoch auf die Mannschaftsspieler!

8. Jakowenko

Nach einigen Tiefen seit Mitte 2007 hat er sich durch Niederlagen durchgebissen und kann erneut zu einem Angriff auf die Weltspitze Anlauf nehmen. Dass er vor Kramnik in der Eloliste steht, hat bei diesem ziemlich kaputten System nicht so viel zu sagen - es ist psychologisch dennoch wichtig. Der mächtige russische Schachverband muss nun nicht allen Intrigen der Diva folgen - es gibt Alternativen für die Zukunft, wie auch

9. Morosewitsch,

der wieder mit starkem, unterhaltsamem Angriffsschach erfreute.

10. Wang und Gashimow

stehen sowohl stellvertretend für die beachtlichen Newcomer, die sich im neuen Grand Prix-Format beweisen konnten, und für die starken nationalen Trainingsgruppen des großen China und des kleinen Aserbaidschan - auch wenn die Olympiade hier noch Grenzen aufgezeigt hat.

Wie man den Olympia-Spam umgeht

Monday, July 28th, 2008

Dank des Hinweises eines aufmerksamen Lesers können wir dem Schachbund einen kleinen Dienst erweisen und die Seite wieder für die Leser nutzbar machen, die bislang wegen der Zwangsumleitung auf die Olympia-Seite vor der Nutzung zurückgeschreckt sind:

Unsere Schachbündler drücken dem Nutzer bei Erstansurfung einen Cookie mit Datum rein, der für 24 Stunden vermerkt, dass dieser seine Olympia-Proskynesis verrichtet hat und sich nunmehr für 24 Stunden wieder frei beim Schachbund bewegen darf. Ändert man das Datum nun weit in die Zukunft hinein (etwa ein Jahr - dann ist der Spuk hoffentlich vorbei), bleibt man dauerhaft verschont, zumindest solange sich unsere 0190er vom DSB keine weiteren Tricks einfallen lassen.

Der Inhalt der News wird dadurch freilich nicht besser, aber zumindest kann man wieder unbehelligt Ergebnisseiten, DWZ usw. aufsuchen.

Fragen Sie einfach jemanden, der sich auskennt (IV)

Friday, January 4th, 2008

- das hätte ich nämlich tun sollen, oder zumindest einmal sauber in der Datenbank nachschauen. So glaubte ich unbesehen der mündlichen Kolportage, dass R*s Weißverlust in zehn Zügen in der letzten Bundesligarunde der Saison 06/07 einen Rekord darstellte.

Damit lag ich natürlich falsch - danke für den Korrekturhinweis. (Das Jahr fängt ganz schön verfehlt an….) Die Partie Ellinger-Lentrodt war nicht nur ganze zwei Züge kürzer, sondern endete auch mit Matt statt mit einer verfrühten Aufgabe:

Ellinger,H (2300) - Lentrodt,T (2265) [D03]
Bundesliga 9596

1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.Lg5 Se4 4.Lh4 c5 5.c3 Db6 6.Db3 Dh6








7.Dxd5?? 7.e3; 7.Sa3 7…Dc1# 0-1

Meine ganz subjektive Oscar-Liste für 2007

Thursday, January 3rd, 2008

Es wäre langweilig, wieder eine gewichtete Kalkulation laufenzulassen - daher lieber eine persönliche Einschätzung zur Frage, wer das Schach 2007 am meisten geprägt hat:

1. Rajlich (stellvertretend für das Rybka-Team)

Warum erst jetzt? könnte man fragen. Immerhin mischt sein Progamm schon seit geraumer Zeit die Szene auf und ist unangefochten an Nr. 1 der Computer-Rangliste. Das interessiert hier jedoch weniger - 2007 war ganz einfach das Jahr, in dem sich das Fischlein ganz deutlich auch als Analyseprogramm der Topspieler Akzente setzte.

Mehr noch: Ungeheuer viele Eröffnungsneuerungen gehen offenbar auf sein Konto - vielleicht wird man hier rückblickend 2007 als das Jahr bezeichnen, in die Programme (zumindest eines) erstmals als auch im kreativen und stilbildenden Bereich Hauptimpulsgeber waren. Ja, auch stilbildend - was haben wir nicht plötzlich für eine Flut von positionellen Bauernopfern gesehen? (Wie tödlich das Ganze sein kann, illustrierte etwa passend am 1. April der schnellste Bundesligaverlust der Geschichte Saison).

Also: Eine überfällige Ehrung für das Rybka-Team, das für mich zweifellos 2007 das Schach weltweit am stärksten geprägt hat.

2. Anand

Der Weltmeister.

3 Kramnik

Nicht nur Stammplatz-Siege in Moskau und Dortmund oder der geteilte 1. in der neuen Liste: Kramnik spielt ein unglaublich souveränes Schach, wenn sich die Gegner auf seine “Heimatstrukturen” einengen lassen. Wir kennen seine Schwächen - der geteilte Zweite in Mexiko war leistungsgerecht - aber als Jüngster der nicht-Computergeneration wird er das Schach der nächsten 10 Jahre wohl noch entscheidend mitprägen. Durch die gewisse Schwäche des Nachwuchses ist der Exweltmeister paradoxerweise der Mann der “näheren Zukunft”.

4 Iwantschuk

“Summer of Chucky!”: Was für eine Bilanz von Turniersiegen! Der Vorrat an Kreativität! Und welche Leistungen trotz (wegen?) Nichtbeachtung elementarer pragmatischer Regeln!

5 Gelfand

Nicht nur der geteilte zweite Platz bei der WM, dem (bisherigen) Turnier seines Lebens - auch sein souveräner Matchsieg in Elista gegen Kamsky bewegt uns, ihn knapp vor diesem zu platzieren (ohnehin muss man im Jahresrückblick ja immer aufpassen, die letzten Events nicht zu hoch zu bewerten). Und gewissermaßen bekommt er die Ehrung hier auch dafür, dass er in den letzten zehn Jahren “dank” Kasparow, FIDE etc. nie die Matche hatte, in denen er zweifellos nur sehr schwer zu schlagen gewesen wäre.

6 Kamsky

Das Comeback.

7 Topalow

Vielleicht etwas zu tief angesetzt, aber wir waren eben verwöhnt. Der Vergleich zu den letzten Jahren ist augenfällig, trotz Co-Siegs bei Corus und den Siegen in Sofia und Vitoria (auch knappe Siege sind Siege, und es in der Schlussrunde zu drehen, ist der wahre Kampfgeist!).

8 Morosewitsch

Ganz stark zuletzt bei der russischen Meisterschaft - aber noch wichtiger der kompromisslose Stil! Entscheidet die WM mit, und holt den EM-Titel für die russische Mannschaft.

9. Schirow

Der Teamspieler: Bundesliga! Europacup! (Auch die russische Mannschaftsmeisterschaft war gut, allerdings nicht die EM für Spanien). Dazu im Weltcup-Finale und mit viel Kampfgeist und attraktivem Schach wieder zurück auf Platz 7 in der Rating-Liste.

10. Carlsen

Etabliert sich 2007 in der Weltspitze. Zweiter hinter Anand in Morelia/Linares, viele gute Turniere - der Übergang ist ohne großen Bruch, und besonders stark, wie er Corus weggesteckt hat.

Ganz knapp nicht dabei:

Swidler: Beendet das Jahr als Rating-Nr. 5 und ist der Schlüssel zum russischen EM-Sieg. Er wird dennoch enttäuscht sein: WM! Russische Meisterschaft! Sehr gutes Schach, aber oft ohne Fortune und Agressivität.

Die Aseris: Mamedscharow mit hoher Zahl, aber nicht auf Augenhöhe bei direkten Begegnungen mit Topspielern. Nach Radschabows Co-Sieg in Wijk sahen manche einen neuen Garik (wer wollte nicht alles wieder Königsindisch spielen!) - nach dem Laptop-Diebstahl vor Morelia fällt Teimour ins Loch.

Aronjan: Co-Sieger in Wijk, schwächer in Morelia/Linares, aber stark in den Kandidatenmatchen. Fährt als Geheimfavorit zur WM und stürzt dort ab - enttäuschend nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Qualität. Muss sich seither gegen das Scheinriesen-Image wehren - auch beim Weltcup überzeugt er nicht. War 2006 sein Top-Jahr?

Jakowenko (oder die anderen jungen Russen):

dem, wenn er morgen auch noch den EM-Titel einheimst, der Schachoskar 2007 kaum noch zu nehmen wäre

schrieb entwicklungsvorsprung im April. Tja, so schnellebig ist das Geschäft - im Stechen unterlag er bekanntlich, und jetzt reicht es nicht einmal mehr für die Top Ten, trotz eines großen Sprungs zu Anfang des Jahres. Mit ihm wird dennoch zu rechnen sein, denn seine Defizite liegen eher auf Gebieten, die noch gut bearbeitbar sind - und er hat die Stärken der russischen Schachschule. Ebenso Alexejew, Inarkiew, Tomaschewsky usw.

Karjakin: Wieder mit Fortschritten, und man vergisst leicht, dass er ja auch noch sehr jung ist. Die nächsten Jahre der Scheideweg: Richtung Ponomariow oder doch der Höhenflug nach ganz oben?

Tscheparinow: Vielleicht wird es ja was mit “Toppy II”. Dieses Jahr jedenfalls mit beeindruckenden Fortschritten und tollem Schach.

Navara: Ohne die -43 Punkte der Bundesliga würde man ihn sicher anders wahrnehmen. Aber es gehört dazu: Er wird sicher nie ein total stabiler Spieler werden - dafür erfreute er auch 2007 mit attraktivem Schach und ist weiter auf dem Weg, ein zweiter Iwantschuk zu werden. Die Schachszene könnte viel mehr davon gebrauchen.

Angewandte Mathematik (XV) - Patriotisches Rechnen? und “Who the fuck is Eduard D.?”

Friday, November 23rd, 2007

Irgendein Russe, dessen Namen ich nie zuvor gehört hatte, habe es errechnet.

nämlich dass Kramnik nach dem Moskauer Turnier wieder Nr. 1 ist, ironisiert das Schachblog die in der Tat gewohnt nationaleuphorische Berichterstattung. Und es fällt ja wirklich schwer, ernst zu bleiben, wenn man Sätze liest wie

One of the biggest statistical specialists in the chess world, Edward Dubov, who calculates the current ratings of all the top players, told me that after your success in Mexico, you will go top of the January rating list.

im Wassiljew-Interview. Ein Gutteil des Gelächters geht natürlich auf Kosten des Analphabeten, die man bestimmt ähnlich als “einen der größten Russisch-Spezialisten bei der vielleicht größten kommerziellen Schachseite” beschreiben kann - im Original steht natürlich richtig

Один из ведущих в мире специалистов по статистике - международный арбитр Эдуард Дубов, оперативно подсчитывающий текущие рейтинги всех ведущих шахматистов, сказал мне, что после успеха в Москве вы будете возглавлять январский мировой рейтинг.

also nach Auswertung von Moskau, nicht von Mexiko. Wäre auch sonst etwas merkwürdig, mit einem geteilten zweiten Platz am Sieger vorbeizuziehen (das überfordert wohl nur ChessBase-Mitarbeiter).

Sachlich dürfte dies aber durchaus stimmen - das einfache Einsetzen in die Formeln liefert nach Auswertung von Europacup und Moskau einen Gleichstand von Kramnik und Anand bei 2799, und gemäß FIDE-Regel wird Kramnik dann normalerweise wegen der mehr gespielten Partien auf 1 geführt. So weit, so belanglos - ich hatte dies übrigens schon am Dienstag Mittag in einem Nebensatz angedeutet, wobei ich den Turnierkalender der beiden nicht auswendig kenne; wie häufig waren wir auf rank zero auch in diesen unwichtigen Details allen voraus.

Was freilich den Euphemismus anbetrifft, so lässt es einen doch in tiefer Sorge erstarren: Wenn wirklich Herr Dubow “einer der größten Statistikspezialisten in der Schachwelt” ist, wie traurig muss es um uns bestellt sein? Immerhin, er hat sogar mal vor zwanzig Jahren einen nicht weiter zitierten, besprochenen oder sonstwie relevanten Artikel über Design von nichtlinearer Regression verfasst ;-) , und das wird sicher auch dafür ausreichen, Zahlen in eine Eloformel einzusetzen - aber muss diese Lobhudelei sein?

Das hätte schließlich auch jeder Schüler machen können (zumindest wohl jeder russische, bei deutschen bin ich mir nicht so sicher) - um E. D. höchstselbst zu zitieren:

Many Russian young people are very skilled in basic mathematics, but very weak in solving problems requiring logic and interpretation of text.

Logik braucht man für die Weltrangliste zum Glück ja nicht…
Immerhin ist der Name nicht völlig unbekannt. Er war wohl früher mal Vorsitzender des Moskauer Schachverbandes und tritt immer noch als Schiedsrichter in Erscheinung (hier ein Foto, der nette ältere Herr) - er ist FIDE-IA. Dass sein Name immer wieder im Zusammenhang mit FIDE-Schiri-Seminaren fällt, er also wohl bei dem üblichen System der Titelmühlen im Schach mitverdient, spricht vielleicht gegen ihn, aber da gibt es ja noch ganz andere.

Seit zehn Jahren ist übrigens ein Paarungssystem im FIDE-Handbuch fürs Schweizer System nach ihm benannt, und ich muss zugeben, ich hab’s auch noch nicht gemerkt gehabt. Das sagt natürlich einiges :-D .

Aber zumindest vor einem Jahr ist er recht prominent durch die Schachspalten gegangen - er war nämlich Stellvertreter von Geurt Gijssen in Moskau und als solcher der erste, der die Reklamation von Magnus Carlsen wegen angeblicher dreimaliger Stellungswiederholung entgegennahm. Die weitere Geschichte ist bekannt, bemerkenswert ist nur, dass einer größten Statistiker[..], ein International Arbiter der FIDE, bedeutender Schachfunktionär, Autor eines nach ihm benannten Schweizer Paarungssystems usw. sich offenbar sofort außerstande sah, die Frage einer dreimaligen Stellungswiederholung zu entscheiden, und umgehend nach dem armen und wohl ungefähr ebenso alten Geurt rief, der dann die ganze Blamage einsteckte.

Eigentlich, wie wir jetzt mal betonen müssen, zu Unrecht. Geurt hat es wenigstens versucht, richtig bis drei zu zählen.