China-Boom wieder vertagt
Friday, July 2nd, 2010Die Juli-FIDE-Rating-Liste ist, zum Glück, kein großes Event mehr. Die höhere Frequenz und die Live-Parallelwelten werden hoffentllich bald dazu führen, dass die Updates des systematisch fehlerbehafteten Rankings weiter unter die Wahrnehmungsschwelle sinken - schon jetzt ist sie ja eigentlich nur noch Stichwortgeber für die üblichen drittklassigen Schachjournalisten, die halt ihre pawlowianischen Carlsen-historisch-Reflexe ausleben müssen. Aber gut, so funktioniert eben die Hypemaschine.
Womöglich sind ja die Leser ja doch noch etwas schlauer als gedacht und erinnern sich, dass mal vor gar nicht allzu langer Zeit sogar Morosewitsch eine Runde lang “Live-Nr. 1″ war. Was wurde damals nicht alles um belanglose Pünktchen geschwafelt. Nun ist Moro irgendwo bei Platz 30, wer behaupten würde, dass er irgendwann auch nur ansatzweise der beste Spieler der Welt gewesen sei, würde ausgelacht, und wer einmal etwas länger über den Fakt nachdenkt, kommt vielleicht unabhängig zum Schluss, dass das System wenig taugt. Welchselbe Erkenntnis immerhin ein erster Schritt wäre.
Aber doch, ein mini-”historisches” Ereignis ist tatsächlich in der Liste drin: Nachdem Wang Yue sich zwei Saisons lang durch unverständlich viele Einladungen durchremisiert hat, gingen zuletzt doch ein paar mehr Partien verloren, verbunden mit dem nicht mehr unbekannten Phänomens des Abrutschens vieler Spieler aus der Computergeneration in ihrer schachlichen Midlifecrisis (also Anfang/Mitte 20).
Damit ist das erste Mal seit zwei Jahren kein chinesischer Spieler mehr unter den besten zwanzig. Da tut es gut, noch einmal genüßlich die Hypestories durchzulesen, die 2008 mal wieder über den großen chinesischen Schachboom aufgewärmt wurden (ganz unseriöse trauten der Mannschaft ja sogar den Olympiasieg zu). Natürlich schweigt man jetzt lieber zum gebremsten Aufstieg, nur für den etwas langsameren Jan Gustafsson ist die abgestandene Story noch als Druckmittel in Bettelbriefen gut genug.
Ich kenne das Muster schon seit mindestens zwanzig Jahren, als ein paar gute Frauen aus dem Reich der Mitte (bei entsprechender Kapazität und Konzentration der Mittel) so auf das Niveau eines kleinen kaukasischen Bergvölkchens aufschlossen und auf dem schmalen Randsektor Frauenschach der Randsportart Schach immerhin Platz zwei belegten. Wenn man bedenkt, wie wenig Erfolge für wie viel herausgeworfenes Geld etwa der Deutsche Schachbund hier vorzuweisen hat, ist das gar nicht mal die allerschlechteste Performance (es sei allerdings angemerkt, dass alle diese Anstrengungen immerhin noch hinter dem Ergebnis des kleinen Familienunternehmens Polgar zurückblieben).
In ähnlichen Einzelunternehmungen wurden immer mal wieder Grüppchen chinesischer Großmeister im Männerbereich gesichtet. Auffällig mal vor zehn Jahren, als eine kleine Crew die Top 100 enterte:
Juli 2000: 21. Ye Jiangchuan, 23. Xu Jun, 30. Peng Xiaomin, 48. Zhang Zhong, 89. Wang Zili, 90. Wu Wenjin
Inzwischen ist keiner mehr irgendwo oben zu finden; man kann sich mal den Spaß machen und sehen, wo sie jetzt stehen (in einem Alter, in dem etwa ein Gelfand - damals 16. und aus der gleichen Generation - immer noch oben mitspielt).
Das Spielchen geht seither mit immer neuen Namen so weiter (da gab es auch noch einen Zhang Pengxiang, und Bu Xiangzhi erwarb den zweifelhaften Titel des “zwischenzeitlichen Rekordhalters des Jugendrekordes für GM, der es am wenigsten weit gebracht hat aber dafür zur Verleihung des Titels am ältesten im Vergleich zum Nominalalter aussah”). Die neue Viererbande scheint auch ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben.
Aber wohl am deutlichsten scheint mir die Inkompetenz der chinesischen Schachpolitik da, wo einmal ein echtes Talent auftaucht: Wie Hou Yifan in den letzten Jahren in Damenturnieren verheizt wurde, war schon wirklich nicht mehr feierlich. Als Ergebnis steht eine de-facto-Ratingstagnation seit drei Jahren (die 2523->2577 seit Juli 2007 sind praktisch von der Inflation aufgefressen) - im besten Schachentwicklungsalter von dreizehn bis sechzehn. (Im Moment kämpft sie gerade, einen zwei-Punkte-Rückstand auf die 24-something Nana Dzagnidze (”Nana wer?”) aufzuholen.)
Keine Frage, China ist seit mindestens zehn Jahren ein Land mit großer Schachzukunft. Und das wird auch mindestens zehn Jahre noch so bleiben.

















