Archive for the 'S' ist Uwe!' Category

Siegfried Unseld 85

Monday, September 28th, 2009

Und dann schweigt er. Aber wenn Walser schweigt, ist das nie ein sogenanntes betretenes Schweigen. Sondern immer ein produktives. Wenn er schweigt, kann man sicher sein, dass er gleich doch etwas sagt zu dem, was man wissen wollte. Sein Schweigen ist nie ein verschlossenes, sondern eines, welches das Gegenüber ins Auge fasst.

Und dann sagt er: ,,Soll ich mich um eine Antwort bemühen, von der ich weiß, dass sie ungenau, bürgerlich gesprochen unehrlich sein wird, und zwar weil es peinlich ist? Ich möchte mich sogar weigern, diese Freundschaften durch eine alles umfassende Beurteilung zu charakterisieren, das haben weder ich noch diese Freundschaften verdient.‘‘ Und dann wiegt er wieder mit dem Kopf und er kaut mit geschlossenem Mund, als würde er schon einmal die Worte für sich vorschmecken, die er gleich entlässt.

Hauptsächlich gehe es natürlich um Siegfried Unseld und Uwe Johnson. ,,Die Kräche mit Uwe‘‘, sagt er. Trotz seiner heiseren Stimme tönt das warme, rollende R seines allemannischen Zungenschlags breit dahin.  ,,Das muss man so stehen lassen. Es ist, wie viele Liebesgeschichten, eine unglückliche Geschichte geworden. Johnson hat mich am Ende als Testamentsvollstrecker eingesetzt und meiner Frau am Telefon gesagt, ich sei sein einziger Freund. Trotzdem hat er mich mit Siegfried betrogen. Das ist, wie wenn die Frau eines Angestellten mit dem Chef schläft.‘‘

Ihre Freundschaften, fragen wir, kamen immer aus dem Berufsmilieu. Macht es das vielleicht schwieriger? ,,Nein, das macht es doch schöner. Das, was es schwierig macht, kann man gerne in Kauf nehmen durch das, was es schön macht. Meine schönen Zeiten mit Siegfried Unseld, wenn wir Ski gefahren sind oder Schach gespielt haben!‘‘

Die Schwierigkeit mit den Männerfreundschaften läge woanders - ,,aber wir reden jetzt ganz im Allgemeinen ohne Anwendung auf einen konkreten Fall…‘‘ Dass man sich nämlich nur sehr wenig sagen könne. Männerfreundschaften vertrügen keine Wahrheit. Wie viel Wahrheit könnten sich dagegen Eheleute ,,vor dem Bühnenbild der Eheoffenheit‘‘ sagen und trotzdem zusammenbleiben! Männerfreundschaften krankten schon daran, dass beide Beteiligte Männer sind.‘‘

Wenn sich Walser an Unseld & Johnson erinnert, ist man geneigt zu empfehlen, dass Männer prinzipiell nur Schach miteinander spielen sollten.

JT(27) (Nachtrag)

Sunday, September 27th, 2009

Dieser Sommer ist vorüber. In der letzten Woche sind in Viet Nam 2376 Menschen beruflich am Krieg gestorben. Gestern bestritten die Sowjets, dass einen ihrer Schriftsteller im Arbeitslager mißhandeln. Die Lehrer der öffentlichen Schulen streiken weiter. Südkorea will einen Zaun aus Draht und Elektronik an seiner Nordgrenze errichten. Jan Szymczak aus Brooklyn ist die Frau weggelaufen, die erst im Februar aus Polen zu ihm zog; nun wird er auch nicht ihre Schulden bezahlen, und zwar ab heute.

War es Mitte September in New York, so hat es hier und heute bis zum Ende des Monats gedauert, bis die schönen Tage aus sind. Ein Sommer im suptropischen Berlin, mit Monsungewittern bis zum Juli, der erst spät mild auslief. Diesen Sommer haben wir das Schach ruhen lassen. Die Zeit wurde manchmal so eng, dass wir die Minuten teilen mussten, und es reichte nicht. Was wir dennoch daraus gemacht haben, es hätte sonst für manche Jahre gereicht.
Dieser Sommer war kein guter für die Welt. Dass Menschen aus Fehlern lernen, dass wenigstens ein Stück Verantwortung statt hat, das muss wohl begraben werden. Es war ein Sommer der getäuschten Hoffnungen und neuer Täuschungen. Nach Italien und Frankreich wurde in den Staaten sichtbar, wie siegreicher Populismus regiert: natürlich, die Leute lernen nichts. Die Welle hat Deutschland erreicht. Die Nachfolger der DDR-Blockparteien kommen über 60%, und das alte Personal gewendet im Kanzleramt (demnächst können die Partien der Nationalen Front wieder die 90 anpeilen). Es war ein Sommer wie im Traum, unvergeßlich schwebend, lange nachklingend, als ob er nie enden wollte. Nun ist er vorbei.

JT(26) (Nachtrag)

Tuesday, September 15th, 2009

Die kommt nicht wieder. Die geht mit ihm wohin er sagt. Sie hat ihn schon an der Hand gefaßt, wenn sie eben vom Markt in die Feldstraße kamen. Die lagen im Wald. Er hat mich auf dem Rad nich vorbeifahren hören, und sie hatte die Augen offen.

Auf den Rehbergen. Wo du einen Streifen See siehst, zum Steilufer hin.

Eine hat ihn gewarnt. Meta Wulff setzte sich nach der Polizeistunde zu Peter und Cresspahl und fing an zu reden von Pastor Methling und von Lisbeth, die an jedem Kirchtag in der zweiten Reihe unter der Kanzel saß. Wulff versuchte sie mit Knurren aufzuhalten, aber Meta, Fischerstochter von der Dievenow, gab ihm einen Schlag unter die Schulterblätter und rieb ihm den Rücken und sprach weiter von den Bibelstunden für Kinder, die Papenbrocks Tochter über die Christenpflicht hinaus im Gemeindehaus abhielt. Cresspahl hat nicht mehr verstanden als: Sie kann auch noch gut mit Kindern.

Natürlich ist es die Fischerstochter von der Dievenow der Johnsonschen Kindheit, die das Elend der Religion kommen sieht - und das Mitgefühl zu Warnung hat. In jener armen Gegend, man wäre ohne solch praktisches Empfinden schier verhungert; auch mochte der Blick über den Fluß den Verstand schärfen, vom Fischerkaten zum riesigen, reichen Dom der winzigen Stadt. Aber wer mag Cresspahl seine Blindheit verübeln?

JT(25)

Sunday, September 13th, 2009

Und vertrauliche Überstunden in den Waldorf Astoria Towers . . . dreißig Meter hoch über der abendlichen, verlassenen Lexington Avenue, dreißig Meter im Freien über den angetrunkenen Herren, verirrten Touristen, königlich patroullierenden Taxis im stinkenden Kanal der Strasse…in der stockigen Luft der Klimamaschinen, Luft aus Großmutterschubladen, Schubladen voll Kuriosa und Preziosen…Überstunden für den Vizepräsidenten de Rosny,der in seine Suite geleitet wird als ein geliebter Fürst auf Durchreise, dem das Hotel eine Bar mit frischem Eis auffährt, einen zweiten Fernsehapparat, eine elektrische Schreibmaschine in einer Art fahrbaren Wiege…Überstunden für die Übersetzung eines Briefes aus Prag, in polnischem Französisch, über Nachtlokale, Schmalfilm, ein Mädchen namens Maria-Sofia, über Staatskredite auf Dollarbasis…Überstunden mit Cocktails…Überstunden mit Heimreise in einer schwarzen Kutsche, durch das rötliche Gegenlicht der westlichen vierziger Straßen, unter den Bogengüssen offener Hydranten, über die Schnellstraße der Westseite, hoch neben dem grauen dampfenden Hudson, dem in Dunst gewickelten Gegenufer,voran am gefegten geharkten Riverside Park, über der Erde…Stunden über die Arbeitszeit, über den Bedingungen gewöhnlicher Arbeit?

Es war ein Ausflug. Es war lustig. Es waren Überstunden, ohne Bezahlung.

Nur ein verstohlener Hinweis auf Prag, samt einer falschen Fährte: Noch blüht de Rosnys sozialistischer Weizen sehr versteckt.   Die Überstunden, nicht messbar in barem Wert, sie bieten doch die Lockung durch Hoffnung. Kein Guthaben auf der Stechuhr (keine Stechuhr in der Bank, haben wir gerade erfahren - die Angestellte C. ist dennoch, oder gerade deshalb, zwanghaft pünktlich, lesen wir), aber vielleicht ein Stück Zukunft.

In nüchternen Zeiten heute hat die Stechuhr (Symbol des Zwanges) sich gewandelt in ein Gerät, das schützt eher die Angestellten (weil nämlich nicht mehr so einfach Überstunden anzuordnen sind). Gilt aber nur bis zur Obergrenze von zehn Stunden, und wieder nicht für Arbeit, hinter der leidenschaft steht.

JT(24)

Saturday, September 12th, 2009

Die Angestellte Cresspahl wird gebeten, sich nachmittags für eine Fahrt zum Flughafen Kennedy verfügbar zu halten; es wird dort ein Brief zu übersetzen sein. Eine Stunde vor Dienstschluß wird die Angestellte Cresspahl abgeholt von einem Mann in Livree, einem schweren alten Menschen von dunkler Haut,  der ernst wie ein Börsendiener sich vorstellt als der Fahrer des Vizedirektors de Rosny, sie zu dessen Dolmetscherin ernennt und hinzufügt: Ich bin Arthur.[..]

Es ist eine der  bevorzugten Strecken von Mrs. Cresspahl, seit  sie an das bleiche Licht und die Enge der Gewölbe unter dem East River sich gewöhnt hat, es ist der Weg zum Verreisen. Es ist ein Weg aus der Stadt, denn die Straße weitet sich zunehmend aus zwischen den Industriebauten Brooklyns, weiträumig abgesetzten Wohnhäusern und endlich den Schnellstraßen Long Islands, bis in der Gegend der Friedhöfe der Himmel fast unverstellt den Horizont verhängt. Die Steine der Begräbniskolonien bilden in Feldern gruppiert die Schwünge und Täler der ursprünglichen Landschaft nach, flackern niedrig unter verstaubten Nadelbäumen.  [..]

Aber Mrs. Cresspahl war die Reise verdorben. Sie hätte gewünscht, der Mann am Steuer würde seinen fleischigen Nacken nicht so unbewegt halten, die Trennscheibe versenken, einmal sich umwenden, einen Familiennamen zugeben. Aber vor der Halle der internationalen Ankunft ist Arthur schneller als sie vor der Tür, verabschiedet sie mit seiner Verbeugung, deutlich der Fahrer reicher Leute, der noch einmal die Mütze abnimmt, den Blick nur für einen Moment auf ihrem Gesicht hält, ohne Miene, und wiederholt in seinem ergebenem, kehlig holpernden Ton: Jawohl, madam. Sicherlich, madam.

Gefällt dir das Land nicht? Such dir ein anderes.

Das Unbehagen der Angestellten Cresspahl am Kutschiertwerden ist allzu deutlich; und macht sie kenntlich. Sie mag sich vor fünfzehn Jahren ein anderes Land als das des sowjetischen Sozialismus mit deutschem Antlitz gesucht haben: kenntlich bleibt sie am Widerwillen. Als den Angestellten T. erstmals ein Fahrer am  Hauptbahnhof in K. erwartete, war er entschuldigt, weil in Begleitung - es wurde bei künftigen Besuchen die Benutzung auch alleine erwartet. Da mochte seine gesparte Zeit seiner Firma wertvoll genug erscheinen, er nahm oft dennoch Straßenbahn und Bus, wenn kein Termin drückte. Zwei Jahrzehnte nach der Wende, man wird den Ostdeutschen zuverlässig am Widerwillen dagegen erkennen: Nicht einmal wegen haftengebliebener Reste, alte Erinnerungen an Träume von Gleichstellung (auch wenn da etwas sein mag). Denn  es gab auch im Paradies der Werktätigen breite schwarze Limousinen,  teils Tschaika, teils schwedischen Typs, mit zugehörigem Fahrer: Nur musste, wer im Fond saß, sich als Verbrecher sichtbar machen. Wer in der Kaderliste weit genug oben war für Fahrpersonals des zuständigen Ministeriums, dem glaubte man keine Ausrede mehr, der hatte zuverlässig genug Leichen angesammelt. Man hielt sich fern, und auch die andere Seite war zufrieden, untereinander zu bleiben - die Verachtung derer, die wussten solch Karriere gründete nicht auf Talent oder Fleiß sondern einen Verrat von Anbeginn, sie fiel doch beschwerlich.

JT(23)

Friday, September 11th, 2009

Unser Respekt gilt heute Mr. William S. Greenawalt aus Brooklyn. Er hat der New York Times vor gut zwei Wochen einen Leserbrief geschrieben, in dem er fragt: Wenn die Müllabfuhr es schafft, ihre weißen Wagen weiß zu halten, warum bringt die Verkehrsbehörde das nicht mit ihren roten Ubahnwagen fertig?

Und die New York Times hat auch das für eine von den Sachen gehalten, die wert und/oder geeignet sind, gedruckt zu werden: fit to print.

Wir wären dieser Tage ja schon froh, wenn die Berliner S-Bahnen auch nur halbwegs sicher fahren würden, und würden über jede Verfärbung gnädig hinwegsehen. Vielleicht könnte man ja mit dem nächsten Börsengang doch ein Jahrhundert warten, bis wieder etwas Substanz aufgebaut ist; es mag zwar Spaß machen, wenn sich ein paar Leute durch Kaputtsparen elementarer  Strukturen dumm und dämlich verdienen; aber man sollte den Leuten, die die Grundlagen aufbauen, auch etwas Zeit zur Erholung gönnen. Die entwickelteren Parasiten  bringen ihre Wirte ja auch nicht um.

JT(21)(22)

Thursday, September 10th, 2009

Die Landwirtschaft braucht Steuererleichterungen! Überhaupt muß der Fiskus die Abgaben in Naturalien annehmen!  Das Tarifrecht muß geändert werden! Der Staat soll lieber was gegen die  Zwischenhandelsspannen tun! Wenn Berlin wenigstens die Einfuhren drosseln würde!

So: klagte Papenbrock senior: könne der Mecklenburgischen Ritterschaft vielleicht noch einmal über das Jahr 1931 geholfen werden![..]

Die Steuerschulden der Herrschaften, die sind wohl zum Tapezieren: sagte Cresspahl ernst, im selben förmlichen Platt, gehörig steif auf dem Besuchssofa, den Blick auf Papenbrocks abendlich spiegelnder Glatze haltend. Der Vater der Braut erkannte beim besten Zwinkern nichts Unehrerbietiges.

Papenbrock wußte gegen den Mann nichts zu tun. Der Mann war kräftig, nicht verspeckt, nicht kleinzureden. Der Mann konnte sich das Zimmer im Lübecker Hof schon acht Tage leisten. In dem Telegramm, das er aus England bekommen hatte, war von Aufträgen die Rede, wenngleich Frieda Klütz, Telegrafistin von Jerichow, nicht imstande gewesen war, für Papenbrock eine genaue Übersetzung dieser Geschäfte anzufertigen. Die Tochter erzählte von dreitausend Pfund auf einem Konto bei der Sussex Bank of Richmond, und Papenbrock hatte sein verächtliches Pusten versteckt, denn er hielt was vom Baren. Der Mann hatte darauf verzichtet, dem künftigen Schwiegervater  mit einem Konto in Jerichow zu imponieren, der hatte aus dem deutschen Bankenkrach vom Juli gelernt.

Dennoch mag sich der alte Papenbrock nicht recht zum neuen Schwiegersohn entschließen,  auch wenn es letztlich gut, oder auch nicht so gut, ausgeht. Davon unabhängig mögen die historischen Parallelen schmunzeln hervorrufen - die kriminelle Energie und betrügerische Verschleierungstaktik der deutschen Banken von 1931 ist ja in letzter Zeit des öfteren im Vergleich genannt worden, und das gekonnte Betteln superreicher Agrarmillionäre um öffentliche Gelder ist offenbar eine historische Konstante.

JT (21)

Wednesday, September 9th, 2009

Fast herrscht Gerechtigkeit in New York an diesem Morgen. Die Luft steht still. Die Luft kann sich nicht rühren unter unbeweglichen Wärmemassen in der oberen Atmosphäre, sie kann seit gestern nicht mehr in die Kälte steigen und den Schmutz loswerden, den die Stadt in sie pumpt aus Kraftwerken, Gasanstalten, Heizschornsteinen, Automotoren, Düsenaggregaten und Dampfern; die Inversion hat eine undurchlässige Kuppel über die Stadt gestülpt. Der versammelte Dreck aus Ruß, Flugasche,  Kohlenwasserstoff, Kohlenmonoxyd, Schwefeldioxyd dringt ohne Ansehen der Einwohner durch Fensterritzen, in die Augen, in Hautfalten, legt Kehlen trocken, macht die Schleimhäute verdorren, drückt aufs Herz, schwärzt den Tee und würzt das Essen, schafft zusätzlich Arbeit für Lungenheilpraktiker, Schuhputzer, Wagenwäscher, Fensterreiniger und für Mr. Fang Liu in seinem Kellerladen nahe des Broadway, der jetzt mit kurzen begeisterten Gesten die Cresspahlsche Wäsche von Marie entgegennimmt. Wenige können sich hier verstecken hinter versiegeltem Doppelglas und hochtourigen Klimamaschinen; eingesperrt in ihre kahlen, verspakten Türme auf der Ostseite versäumen sie die buntbrandigen Wolken, die die Luftfeuchtigkeit hinter den Riverside Park malt, verpassen sie die dumpfgetönten Lumpen aus Dunst, mit denen der Hudson verhängt ist. In all den Läden am Broadway, in denen jetzt Marie mit der Einkaufskarre umherzieht, kann sie Gespräche ernten mit dem bloßen Wort pollution, auch den Stolz der New Yorker auf das unvergleichbar schwierige Leben der New Yorker, das gegenseitige Mitleid, kann sie Seufzer tauschen und Lächeln einhandeln, wenn sie das Haar mit dem Unterarm von der verschwitzten Stirn zurückschiebt. Draußen, auf dem heißen, verdüsterten Damm, wird ihr sein als stieße sie mit dem Gesicht gegen stehendes hitziges Wasser.

Denn Marie geht einkaufen auf dem Broadway an manchen Sonnabenden.

Noch kein Tag der South Ferry in New York 1967, dafür der Tag der Verschmutzung. Der Berliner Mittwochmorgen strahlt in einem Herbst, der dieser Stadt vor zwanzig Jahren kaum zutraubar war. Zwar nicht vergleichbar mit dem Dunst im Raum Halle Merseburg Wolfen Bitterfeld, der durchreisende Küstenbewohner reflexhaft die Dichtigkeit der Bahnfenster prüfen ließ ob der giftgelben Brühe draußen, war doch auch die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik dem Gemisch aus Industrierauch und Autoabgasen aus dem Westen und Braunkohlenruß aus dem Osten (der Zweitaktgestank biss zwar auch scharf, war aber unvergleichlich seltener)  ausgesetzt.  Offiziell waren die Umweltprobleme solche des Westens, die Dünste Auswuchs kapitalistischer Misswirtschaft: Es fehlte nicht viel, dass der antifaschistische Schutzwall auch noch die Weihe als Umweltschutzgürtel  erhalten hätte. (Das Vertrauen, er möge selbst Luft abhalten, war dennoch wenig ausgeprägt: Manchmal hörte man den Westsender schon des Smogalarms aus Westberlin wegen, und gab den Kindern heimliche Vorsichtsregeln auf den Weg.)

JT (20)

Tuesday, September 8th, 2009

Das Stück Vergangenheit, Eigentum durch Anwesenheit, bleibt versteckt in einem Geheimnis, verschlossen gegen Ali Babas Parole, abweisend, unnahbar, stumm und verlockend wie eine mächtige graue Katze hinter Fensterscheiben, sehr tief von unten gesehen wie mit Kinderaugen.

Dor kan se ruich sittn gån.

Mr. Shuldiner hat sich unterbrochen in seiner Darlegung der neuesten Verstöße gegen das Völkerrecht, als Mrs. Cresspahl ihre Handtasche aufnahm,  die Hand im Rücken des fetten schwarzen Beutels wie im Nacken einer Katze, sich die Tasche über die Hand setzte und dazu etwas aussprach in einem deutschen Dialekt. Er läßt es sich erklären, unbeleidigt, vorgebeugt wie ein aufmerksamer Zuhörer:

Das sagte mein Vater, als ich Angst hatte vor einer Katze unter dem Tisch. Sie legte sich über das Leder seiner Holzpantoffeln zum Schlafen. Das muß auch 1937 gewesen sein. An dem Tag war ich in die Regentonne gefallen.

Und Ihre Mutter, Ihre Mutter stand dabei? sagt Mr. Shuldiner eifrig.

Lisbeth ick schlå di dot.

Meine Mutter stand nicht dabei. Entschuldigen Sie. Es war ein Tagtraum, Mr. Shuldiner. [..]

Wenn da eine Katze innen am Küchenfenster lag, bin ich auf einen umgestülpten Eimer gestiegen und von da auf die Regentonne. Wenn auf der Tonne der Deckel fehlte, war meine Mutter in der Nahe. Wenn Cresspahl mich herauszog, hat sie zugesehen. Was soll ich dagegen tun!

Die Katze Erinnerung hat ihren ersten Auftritt, und wieder verbietet sich eine Parallele.  Ohnehin würde sie erzwungen nur sehr verkrümmt zum Vorschein kommen, und von selbst dort, wo man sie nicht haben will.

JT (19)

Monday, September 7th, 2009

Neben ihrer Zelle ist ein Schild aus braunem Kunststoff angebracht, auswechselbar in einer Schiene, mit dem Namen Miss Cresspahl in weißer Einprägung. Die Zelle mißt dreieinhalb mal drei Meter, ist mit Teppichboden ausgelegt, versehen mit einem Stahlschrank, Schreibtisch, dem Maschinenbock, Tonbandgerät, Telefon, fahrbarem Sessel,  Ablagedecks, Besucherstuhl. Um elf kommt der Kaffeewagen, um zwölf ist Tischzeit, um fünf dürfen die Schreibkräfte gehen, um sechs schaltet die Telefonzentrale ab, um acht werden die Fahrstühle angehalten. Während die Angestellte Cresspahl die Post aus der Eingangsschale auf dem Schreibtisch von Mrs. Williams nimmt, sieht sie durch ihre offene Tür auf die von blauem Mattglas eingefaßten eingefassten Jalousiestreifen des Gebäudes gegenüber, auf den Spiegel, in dem dieser Tag bis zum Dunkelwerden einstürzen wird ohne eine Spur.

Die Abwesenheit in Arbeit, wie Johnson es genannt hat, wird schwerlich das Jahr füllen: Demnächst wird Gesine eine Aufgabe angetragen werden, die etwas mehr zu schildern gibt. Wir sparen uns wieder die Parallele, und können uns gut hinter Zahlen verbergen: Ein paar Beispiele von Plagiaten etc. mögen als Spitze allenfalls hervorschauen. Ansonsten eignen sich lange Reihen von Bänden - kondensierte Mathematik von 140 Jahren - ausreichend als Versteck.