Wir haben unsern Spaß mit Till gehabt - was wohl auch umgekehrt der Fall war. Schon deshalb ist es angebracht, seinem Abgang von der Bundesliga-Bühne ein paar Worte nachzusenden, und tatsächlich ist auch einiges Bedauern mit dabei.
Natürlich könnte man sich wünschen, es wäre früher passiert, ehe die halbgare Ausgründung der Schachbundesliga auch durch seinen Aktionismus zum mit heißer Nadel gestrickten faulen Kompromiss geriet. So wirkte es am Ende schon komisch, wenn er Veränderungen einforderte, die man - wenn überhaupt - bei der e.V.-Gründung hätte festschreiben müssen, da sie (Beispiel: Zwangsrelegation sportlich abgestiegener Mannschaften auch bei Rückzug anderer) natürlich nie die Mehrheit der abgeschottenen Oligarchie der Legionärsvereine finden würde, die sich ja gerade im Interesse zusammengefunden haben, sich in der Bundesliga möglichst komplett gegen echte sportliche Konkurrenz abzuschirmen. Was übrigens auch das Bestreben Bremens war, nur eben in einem noch kleineren Kreis (der immer wieder in die Diskussion gebrachten 10-12 Mannschaften, dann praktisch komplett mit eingeflogenen Spielern).
Die Widersprüchlichkeit zwischen dem Bremer Machtanspruch und dem Bestreben, ihm den Mantel der Sinnhaftigkeit (auch im Sinne der Schachvermarktung) umzuhängen, führte immer wieder zu höchst lustigen Verrenkungen. Das Schauspiel eines Möchtegern-Diktators, der trotzdem immer für sich die Opferrolle beansprucht, konnte sich schon fast an historischen Vorbildern messen lassen - mit einem echten Glanzpunkt am Ende, wo das tapfere Bremen im wieder modischen Antikapitalismus gegen die böse Verschwörung der British Airways kämpft. (Der Antikapitalismus unseres Altmaoisten reichte freilich nicht soweit, die dauernde Glorifizierung des Investmentzockers aus den berüchtigten Kreisen der Londonern Finanzspielerszene am 2. Brett etwas abzumildern - was die Gier des Berufsstandes auch angerichtet haben mag, der gehört zur Bremer Familie).
Wohlgemerkt, es war dasselbe Bremen, das im Rahmen der “Professionalisierung der Bundesliga” immer wieder die Vereine festlegen wollte, die Aufstellungen schon vorher verpflichtend bekanntzugeben (und zur aktuellen Runde auch damit protzt - freilich mit dem Hintertürchen, dass die Aufstellungen durch “höhere Gewalt” beinflussbar sind, m.a.W., man kann im Zweifel doch ungestraft machen, was man will). Man stelle sich einmal vor, ein anderer Verein als Bremen würde nach Einrichtung so einer Regel dann im Nachhinein anders aufstellen wollen und dies mit Überbuchungen bei BA begründen. Der hätte sich aber etwas anhören können für seine unprofessionelle Planung!
So gesehen, also ein passender Abschluss. Auch die Bilanz ist trotz eines Meistertitels 2005 höchst durchwachsen - die Substanz des Vereins Werder Bremen ist nämlich sehr geschrumpft, was sich am deutlichsten am Absturz der 2. Mannschaft (dem ewigen Zweitligisten droht momentan der Abstieg aus der Oberliga) zeigt. Dass die Abkopplung einer reinen Legionärstruppe auf Dauer einen Verein kaputt macht, hätte man aus vielen Vorbildern lernen können. Dieses Modell in Verkennung und Überschätzung des Marktpotentials der gesamten Schachbundesliga überstülpen zu wollen, begründet auch ein Stück persönliche Verantwortung nicht nur vor dem eigenen Verein.
Dennoch hat man wohl den Einfluss Schelz-Brandenburgs überschätzt. In der Gründungsphase des Schachbundesliga e.V. hörte man oft “Zickelbein ist ja lieb, aber nur eine Marionette, die auf Bremer Weisung handelt.” Dahinter stand natürlich auch die Furcht vor der berüchtigten Werder-Rechtsabteilung, die ja am liebsten die Bundesliga-Klauseln persönlich maßschneidern wollte. Viele ahnten freilich, dass Till bei größerer Macht weniger öffentliche Ratschläge gegeben hätte. Die Entwicklung nach der e.V.-Gründung glich dann dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Insofern waren manche Ängste wohl unbegründet.
Die größte Ironie des schel(z)ligen Abgangs bekommt man aber wohl mit, wenn man noch einmal sein Nachkarten im Fall Porz vor zwei Jahren liest (dies auch zur Beantwortung der Frage, ob er hier etwas mehr Schonung verdient hätte). Es schließt mit einer Breitseite gegen Schachmäzene:
Als Fazit bleibt: Vereine, deren Bundesliga-Engagement einzig von einem Geldgeber abhängig sind, leben selbst bei größten Erfolgen gefährlich. Und es ist ja gerade das zumindest mittelfristige Ziel der Umstrukturierung der Liga, diese persönlichen Abhängigkeiten mithilfe von Werbeeinnahmen zu mildern, idealiter ganz überflüssig zu machen. Dann ist auch im Bundesliga-Schach für Sonnenkönige kein Platz mehr.
Wir wollen jetzt gar nicht analysieren, wer sich mal wie als Sonnenkönig in der Liga aufgeführt hat, wohl aber, was mutmaßlich letztlich zum Rücktritt führte. Dies waren nach dem, was man liest, vor allem interne Entwicklungen im Gesamtverein Werder. Nun ist die Situation bekannt: Werder (Schach) ist total abhängig von Werder (Fußball), und letzterem geht es nicht gut, selbst wenn man mal ein Unentschieden in Mailand schafft. Finanziell ist das Modell des Vereins faktisch darauf angewiesen, regelmäßig (mindestens alle zwei Jahre) Champions League oder Vergleichbares zu schaffen. Das wird nun auf absehbare Zeit so nicht mehr funktionieren, einfach weil die Leistungsdichte bei Fußball-Bundesligavereinen der Bremer Kragenweite zu groß ist. Ironischerweise war es gerade der Mäzen-Verein Hoffenheim, der hier die Struktur endgültig aufmischte und den Sargnagel in die Bremer Ambitionen schlug.
Als Fazit bleibt: Schachvereine, die von der Gnade von Fußballern abhängen, leben selbst bei größten Erfolgen gefährlich.
Hinzu kamen auch ein paar handwerkliche Fehler wie die sinnlose Verpflichtung von Mamedscharow, die ihm früher nicht passiert wären. Teuer und dabei zu wenig, um Baden zu gefährden - für den Kampf um die Plätze aber nicht effizient genug, zumal man dadurch sehr gut scorende, ligaerprobte hintere Bretter aus der Mannschaft drängte. Zuletzt war da nicht mehr ganz die glückliche Hand, und dem Mannschaftgeist tut allzu blindes Hinterherrennen hinter dem Meistertitel wohl auch nicht gut.
Zum Schluss aber noch eine Kehrtwendung und ein positives Resümee: Wir werden TSB dennoch vermissen. Nicht nur wegen seines Unterhaltungswertes, auch als Gegengewicht. Man hat ihm etwa m.W. nie vorgeworfen, sich am Schach persönlich bereichern zu wollen - angesichts mancher Fälle im Schachbund ist es eine höchst wertvolle Qualität, sich unbestechlich und mit Herz für das Schach einzusetzen. Gegen die Schulz-Cliquen stand er auf der anderen Seite. Und letztlich öffnet er womöglich auch noch mit dem Abgang zum rechten Zeitpunkt den Porzern ein argumentatives Türchen zum Rücktritt vom Rücktritt.