Grand Prix Summary (II): Jakowenkos Verzagen, Gaschimows Versagen, Grischtschuks Chance, Aronjans Handicap
Tuesday, May 25th, 2010Astrachan wurde noch einmal richtig spannend: Das Pack hinter Aronjan war einfach zu dicht beieinander. Radschabow nutzte eine gute Ausgangsposition und machte die Sache gegen Wangs Russisch mit einem Remis sicher, wobei er mit Weiß schon f5! finden musste, um ein schlechteres Endspiel zu halten (bei einem Verlust hätte er - wenn ich richtig gerechnet habe - zwar immer noch die bessere Viertwertung vor Grischtschuk gehabt, aber Wang wäre vorbeigezogen).
Aber wer würde Dritter werden? Nicht ganz der Kampf um die goldene Ananas, denn Aronjan will bekanttlich nicht in Aserbaidschan spielen. Wenn die schmutzige Schachpolitik es als opportun betrachtet, kann dies ausreichender Anlass sein, um ihn herauszudrängen - das hängt natürlich auch vom potentiellen Nachrücker ab. Insofern kam dem Kampf um Platz 3 besondere Bedeutung zu.
Wer vor Astrachan darauf gewettet hätte, dass der nicht teilnehmende Grischtschuk seinen dritten Platz in der Gesamtwertung behaupten kann, hätte vermutlich hohe Quoten bekommen - und eine Menge Geld gewonnen. Ziemlich dicht waren ihm sechs Spieler auf den Fersen, teilweise mit guten Ausgangspositionen (=kleinen Streichwerten). Iwantschuk fiel allerdings früh aus, aber selbst vor der letzten Runde hatten es noch Jakowenko, Wang und Gaschimow in der Hand.
Wangs Schwarzremis gegen Radschabow voaussetzend (nicht so überraschend), hätte ich eigentlich auf Jakowenko getippt, der Weiß gegen den Letzten hatte. Anfangs des Mittelspiels war die Überschrift “Jakowenko, wie gesagt (II)” schon im Kopf formuliert, aber es kam anders:
Jakowenko - Akopian (Astrachan 2010) (13)
1.Sf3 d5 2.d4 Sf6 3.c4 c6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.Se5 Sbd7 7.Sxc4 Dc7 8.g3 e5 9.dxe5 Sxe5 10.Lf4 Sfd7 11.Lg2 g5 12.Se3 gxf4 13.Sxf5 0-0-0 14.Dc2 Sc5 15.0-0 fxg3 16.hxg3 a5 17.Tfd1 h5 18.Txd8+ Dxd8 19.Td1 Df6
20.Se4 Sxe4 21.Dxe4 Lb4 22.Lh3 Kb8 23.Dd4 Kc7 Wohl Neuerung - 23…Te8 oder 23….De6 sind die Alternativen. Man hat aber das Gefühl, dass Jakowenko hier einiges vorbereitet hat.24.De3! Nimmt Anlauf… 24….Sg6 25.Da7! Unangenehm! Schwarz muss jetzt laufend eine Menge Drohungen einkalkulieren. 25….Se5 26.Sd4 Sg4? In komplizierter Stellung naheliegend, aber wohl ein Verlustzug.
Wird J. der zweite russische Kandidat? 27.Lxg4? Nein! Ein ganz schwacher Zug - völlig unklar, was für Chancen sich Weiß danach ausrechnet. Selbst wenn es kompliziert ist, muss er sich auf 27.f3! einlassen. Z.B. 27…De5 (27….Se5 29. f4! nebst Lg2 +-) 28.fxg4 hxg4 29.Lg2 Lc5 (29…Dxg3? 30.Sb5+) 30.Dxa5+ Kb8 31.Dd2+- 27…hxg4 28.e3 Dh6 29.Kf1 Df6(?) 1/2 Schwarz macht ihm hier den Gefallen der Zugwiederholung - er hätte auch problemlos ohne Risiko auf Sieg weiterspielen können, etwa 29….Dh5.
Und so war der dritte Platz dahin. Bei Jakowenko - typischer Vertreter der russischen Schachschule - wäre ich mir einigermaßen sicher gewesen, dass der Kreml sich für ihn starkmacht und mit dem Bestehen auf aserbaidschanischer Austragung Aronjans Rauswurf provoziert.
Daneben war da ja aber noch die aserbaidschanische Karte. Radschabow durch, aber Gaschimow kann nicht sicher sein, ob er oder Mamedyarow den Ausrichterplatz bekommt. Besser sind drei Plätze allemal - und drei Kandidaten in einem Achterfeld eine beachtliche Phalanx, für den kaukasischen Zwergstaat natürlich auch ein Prestigeerfolg. Kein Zweifel, auch bei einem dritten Platz von Gaschimow hätte schon die alte Feindschaft dazu verpflichtet, alle möglichen schmutzigen Tricks gegen Aronjan zu versuchen. Aber es kam deutlich anders - Gashimow stellte seine Gewinnversuche derart Kaffeehausmäßig an, dass selbst Leko beim Einsammeln des Punktes keine große Mühe hatte und das Remis diesmal ausschlug - was bei diesem Turnier schon etwas heißen will. Wieder einmal ein Lehrstück, wie man nicht auf Sieg spielen sollte.
Tja, und so ist es nun Grischtschuk geblieben. Der zockende Weltenbummler ist nicht unbedingt jemand, für den die russische Hausmacht einen weiteren Skandal riskieren würde. Andererseits mag man sich sagen, Russe ist eben Russe - auch der Frankreich-fremdelnde Kramnik ist ja in den Schoß vom Mütterchen zurückgekehrt, als es darum ging, sich eine weitere unfaire Chance auf den WM-Titel zu erschleichen und die alte Lobby nicht mehr half. Mindestens kann immer noch der Wunsch vorherrschen, an Aronjan ein Exempel zu statuieren - er hat die FIDE zwar diplomatisch, aber deutlich genug kritisiert. Den Ausrichtern in Baku würde es natürlich passen. Aber die armenische Föderation - immerhin die mehrfachen Olympiasieger - zu vergrätzen und den eigenen Ruf noch weiter zu beschädigen, wird man vor der Wahl nicht ohne Not riskieren, und auch die armenisch-russischen Beziehungen sind viel zu gut, als dass in Moskau hier mutwillig Schaden angerichtet wird (natürlich nur, solange der eigene Vorteil nicht klar ersichtlich ist).
Trotzdem bleibt es offen. Als ziemlich sicher darf nur gelten, dass der gesamte Zyklus nach 2012 wackelt und eher nicht nach dem jetzigen Format ablaufen wird - aber vor den Wahlen wird sowieso nichts entschieden. Immerhin, der Grand Prix hat sechs Ausrichter gefunden (was nicht ohne weiteres zu erwarten war) und ein paar Leute außerhalb der absoluten Spitze haben ein wenig Geld zurücklegen können - in dieser Form wohl zum letzten Mal. Noch einmal der Endstand im Gesamtcup (bei der FIDE ist es natürlich noch nicht aktuell):
1. Lewon Aronjan 500
2. Teimour Radschabow 419⅓
3. Alexander Grischtschuk 363⅓
4. Dmitri Jakowenko 359⅓
5. Wang Yue 353⅓
6. Vugar Gaschimow 335⅓
7. Péter Lékó 320
8. Jewgeni Alexejew 311
9. Shakhriyar Mamedyarow 301
10. Pawel Eljanow 285
11. Boris Gelfand 280
12. Wassili Iwantschuk 265
13. Étienne Bacrot 240
14. Gata Kamsky 235
15. Sergei Karjakin 230
16. Pjotr Swidler 230
17. Rustam Kasimdschanow 200
18. Wladimir Akopjan 195
19. Iwan Tscheparinow 130
20. Ruslan Ponomarjow 116
21. Ernesto Inarkiew (55)
Bye: Magnus Carlsen (153⅓), Michael Adams (85), David Navara (50), Muhammad al-Mudiyahki (15), Yannick Pelletier (-)
Angesichts der Länge der Turniere dürften diese Reihung übrigens aussagekräftiger als die mit den bekannten Fehlern behaftete Elo-Liste sein - was auf jeden Fall auffällt, ist das relativ schwache Abschneiden von sonst höher eingeschätzten Spielern wie Karjakin, Swidler oder Tscheparinow.
























