Archive for the 'Schachturniere und andere Katastrophen' Category

Grand Prix Summary (II): Jakowenkos Verzagen, Gaschimows Versagen, Grischtschuks Chance, Aronjans Handicap

Tuesday, May 25th, 2010

Astrachan wurde noch einmal  richtig spannend: Das Pack hinter Aronjan war einfach zu dicht beieinander. Radschabow nutzte eine gute Ausgangsposition und machte die Sache gegen Wangs Russisch mit einem Remis sicher, wobei er mit Weiß schon f5! finden musste, um ein schlechteres Endspiel zu halten (bei einem Verlust hätte er - wenn ich richtig gerechnet habe - zwar immer noch die bessere Viertwertung vor Grischtschuk gehabt, aber Wang wäre vorbeigezogen).

Aber wer würde Dritter werden? Nicht ganz der Kampf um die goldene Ananas, denn Aronjan will bekanttlich nicht in Aserbaidschan spielen. Wenn die schmutzige Schachpolitik es als opportun betrachtet, kann dies ausreichender Anlass sein, um ihn herauszudrängen - das hängt natürlich auch vom potentiellen Nachrücker ab. Insofern kam dem Kampf um Platz 3 besondere Bedeutung zu.

Wer vor Astrachan darauf gewettet hätte, dass der nicht teilnehmende Grischtschuk  seinen dritten Platz in der Gesamtwertung behaupten kann, hätte vermutlich hohe Quoten bekommen - und eine Menge Geld gewonnen. Ziemlich dicht waren ihm sechs Spieler auf den Fersen, teilweise mit guten Ausgangspositionen (=kleinen Streichwerten). Iwantschuk fiel allerdings früh aus, aber selbst vor der letzten Runde hatten es noch Jakowenko, Wang und Gaschimow in der Hand.

Wangs Schwarzremis gegen Radschabow voaussetzend (nicht so überraschend), hätte ich eigentlich auf Jakowenko getippt, der Weiß gegen den Letzten hatte. Anfangs des Mittelspiels war die Überschrift “Jakowenko, wie gesagt (II)” schon im Kopf formuliert, aber es kam anders:

Jakowenko - Akopian (Astrachan 2010) (13)

1.Sf3 d5 2.d4 Sf6 3.c4 c6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.Se5 Sbd7 7.Sxc4 Dc7 8.g3 e5 9.dxe5 Sxe5 10.Lf4 Sfd7 11.Lg2 g5 12.Se3 gxf4 13.Sxf5 0-0-0 14.Dc2 Sc5 15.0-0 fxg3 16.hxg3 a5 17.Tfd1 h5 18.Txd8+ Dxd8 19.Td1 Df6








20.Se4 Sxe4 21.Dxe4 Lb4 22.Lh3 Kb8 23.Dd4 Kc7 Wohl Neuerung - 23…Te8 oder 23….De6 sind die Alternativen. Man hat aber das Gefühl, dass Jakowenko hier einiges vorbereitet hat.24.De3! Nimmt Anlauf… 24….Sg6 25.Da7! Unangenehm! Schwarz muss jetzt laufend eine Menge Drohungen einkalkulieren. 25….Se5 26.Sd4 Sg4? In komplizierter Stellung naheliegend, aber wohl ein Verlustzug.








Wird J. der zweite russische Kandidat? 27.Lxg4? Nein! Ein ganz schwacher Zug - völlig unklar, was für Chancen sich Weiß danach ausrechnet. Selbst wenn es kompliziert ist, muss er sich auf 27.f3! einlassen. Z.B. 27…De5 (27….Se5 29. f4! nebst Lg2 +-) 28.fxg4 hxg4 29.Lg2 Lc5 (29…Dxg3? 30.Sb5+) 30.Dxa5+ Kb8 31.Dd2+- 27…hxg4 28.e3 Dh6 29.Kf1 Df6(?) 1/2 Schwarz macht ihm hier den Gefallen der Zugwiederholung - er hätte auch problemlos ohne Risiko auf Sieg weiterspielen können, etwa 29….Dh5.

Und so war der dritte Platz dahin. Bei Jakowenko - typischer Vertreter der russischen Schachschule - wäre ich mir einigermaßen sicher gewesen, dass der Kreml sich für ihn starkmacht und mit dem Bestehen auf aserbaidschanischer Austragung Aronjans Rauswurf provoziert.

Daneben war da ja aber noch die aserbaidschanische Karte. Radschabow durch, aber Gaschimow kann nicht sicher sein, ob er oder Mamedyarow den Ausrichterplatz bekommt.  Besser sind drei Plätze allemal - und drei Kandidaten in einem Achterfeld eine beachtliche Phalanx, für den kaukasischen Zwergstaat natürlich auch ein Prestigeerfolg. Kein Zweifel, auch bei einem dritten Platz von Gaschimow hätte schon die alte Feindschaft dazu verpflichtet, alle möglichen schmutzigen Tricks gegen Aronjan zu versuchen. Aber es kam deutlich anders - Gashimow stellte seine Gewinnversuche derart Kaffeehausmäßig an, dass selbst Leko beim Einsammeln des Punktes keine große Mühe hatte und das Remis diesmal ausschlug - was bei diesem Turnier schon etwas heißen will. Wieder einmal ein Lehrstück, wie man nicht auf Sieg spielen sollte.

Tja, und so ist es nun Grischtschuk geblieben. Der zockende Weltenbummler ist  nicht unbedingt jemand, für den die russische Hausmacht einen weiteren Skandal  riskieren würde. Andererseits mag man sich sagen, Russe ist eben Russe - auch der Frankreich-fremdelnde Kramnik ist ja in den Schoß vom Mütterchen zurückgekehrt, als es darum ging, sich eine weitere unfaire Chance auf den WM-Titel zu erschleichen und die alte Lobby nicht mehr half. Mindestens kann immer noch der Wunsch vorherrschen, an Aronjan ein Exempel zu statuieren - er hat die FIDE zwar diplomatisch, aber  deutlich genug kritisiert. Den Ausrichtern in Baku würde es natürlich passen. Aber die armenische Föderation - immerhin die mehrfachen Olympiasieger - zu vergrätzen und den eigenen Ruf noch weiter zu beschädigen, wird man vor der Wahl nicht ohne Not riskieren, und auch die armenisch-russischen Beziehungen sind viel zu gut, als dass in Moskau hier mutwillig Schaden angerichtet wird (natürlich nur, solange der eigene Vorteil nicht klar ersichtlich ist).

Trotzdem bleibt es offen. Als ziemlich sicher darf nur gelten, dass der gesamte Zyklus nach 2012 wackelt und eher nicht nach dem jetzigen Format ablaufen wird - aber vor den Wahlen wird sowieso nichts entschieden.  Immerhin, der Grand Prix hat sechs Ausrichter gefunden (was nicht ohne weiteres zu erwarten war) und ein paar Leute außerhalb der absoluten Spitze haben ein wenig Geld zurücklegen können - in dieser Form wohl zum letzten Mal. Noch einmal der Endstand im Gesamtcup (bei der FIDE ist es natürlich noch nicht aktuell):
1. Lewon Aronjan    500

2. Teimour Radschabow  419⅓

3. Alexander Grischtschuk  363⅓

4. Dmitri Jakowenko 359⅓

5. Wang Yue 353⅓

6. Vugar Gaschimow  335⅓

7. Péter Lékó  320

8. Jewgeni Alexejew  311

9. Shakhriyar Mamedyarow  301

10. Pawel Eljanow 285

11. Boris Gelfand  280

12. Wassili Iwantschuk  265

13. Étienne Bacrot 240

14. Gata Kamsky 235

15. Sergei Karjakin  230

16. Pjotr Swidler 230

17.  Rustam Kasimdschanow   200

18. Wladimir Akopjan 195

19. Iwan Tscheparinow  130

20. Ruslan Ponomarjow  116

21. Ernesto Inarkiew (55)
Bye:  Magnus Carlsen (153⅓),  Michael Adams (85),  David Navara (50),  Muhammad al-Mudiyahki (15), Yannick Pelletier (-)

Angesichts der Länge der Turniere dürften diese Reihung übrigens aussagekräftiger als die mit den bekannten Fehlern behaftete Elo-Liste sein - was auf jeden Fall auffällt, ist das relativ schwache Abschneiden von sonst höher eingeschätzten Spielern wie Karjakin, Swidler oder Tscheparinow.

Grand Prix Summary (I): Einmal Kassieren für die 2. Reihe

Monday, May 24th, 2010

Der erste und wohl einzige FIDE Grand Prix ist Geschichte. Im großen und Ganzen ist er entlang des erwarteten Rahmens verlaufen:

1.  Wie vor 2,5 Jahren von mir vorhergesagt, gab es gewaltige Probleme, Ausrichterstädte zu finden, besonders in Ländern, in denen man noch ansatzweise über die Verwendung von Geldern Rechenschaft ablegen muss. Demensprechend sprangen Montreux und Karlovry Vary ab, auch Doha, Krasnojarsk (und, wie sich implizit herausstellte, auch die Ersatzkandidaten Istanbul und Teheran).

Die Ausrichtung durch autoritäre Regimes ist ja leider Rückgrat des Grand-Prix-Zirkels

hieß es hier vor zwei Jahren, und erst danach kam es durch die bekannte “Schande von Dresden”, nämlich die weitere ad-hoc-Änderung des WM-Reglements (auch diese hier vorhergesagt), zur Abwertung des Zyklus’ - folgerichtig zum Ausscheiden von Carlsen & Co. und dem Absinken des Grand Prix’ zur Tour de Caucasus (Baku, Sotschi, Elista, Naltschik, Dschermuk, Astrachan).

2. Aber: Vom Schach her waren die Turniere spannend (wenn auch in der 2. Hälfte etwas lädiert und z.T. durch taktische Erwägungen in der Schlussphase geprägt). Die erweiterte Weltspitze hat ihr Können unter Beweis gestellt, teilweise nicht ganz mit der verdienten Aufmerksamkeit. Es gab einen verdienten Sieger und einen spannenden Kampf um die Plätze. Es fehlten die Live-usachauer und der menschliche Kontakt. Ansatzweise wurde die Verlagerung des Schach-Schwerpunktes Richtung Asien sichtbar, aber die fehlenden China-Indien-Grand Prix’ (auf die man sicher gehofft hatte) ist einer der größten Fehlschläge. Das Konzept aus den 80er Jahren funktioniert nicht mehr, der Grand Prix ist ein Zuschussgeschäft.
3. Der nächste WM-Zyklus hängt in der Luft und an den FIDE-Wahlen. Für den aufwändigen Grand Prix wird kaum Platz sein.

Die ganz enge letzte Runde

Monday, May 24th, 2010

Heute geht der Grand Prix zu Ende, und zwar eventuell für immer. Nachdem die Gesamt-1 für Aronjan steht, war es vorher völlig unklar, wer dahinter kommt. Leider hat es unser Wunschkandidat Chucky (der mit dem Vorteil des kleinsten Streichwerts anreiste) früh versemmelt. Dass Eljanow gewinnt, ist lustigerweise das Unwichtigste des Astrachaner Turniers, da er im Gesamtcup keine Rolle spielt. Zum Glück hat auch Leko trotz Traumsituation für ihn (Alexejew überschreitet in totremiser Stellung die Zeit, und Leko hätte mit +1 bis +2 richtig WC-Punkte abräumen können) die Sache mit miserabel ambitionslosem Schach vergeigt (selten hat ein Talent im Laufe seiner Karriere so enttäuscht, und das bei vorzüglichen materiellen Bedingungen - dass er hier trotz oder gerade wegen riesiger Förderung mit großteils deutschen öffentlichen Geldern - durch Sparkasse etc. - derart früh stagnierte und abbaute, wird natürlich niemand zum Anlass für Lehren nehmen).

Im engen Feld läuft inzwischen vieles auf Radschabow zu, was den zweiten Gesamt-GP-Platz (und damit den Kandidatenstatus) anbetrifft. Damit zwei Aseris (ein weiterer wegen Ausrichter Baku). Aber wer wird Dritter im Gesamtweltcup? Unwichtig? Na, warten wir’s ab - bei den Kandidaten Jakowenko, Gaschimow, Grischtschuk (neben Wang) könnte das noch einmal wichtig werden, nämlich im Falle der Annahme, dass ganz unvermutet ein Platz frei wird. Wir sind gespannt.

Movessian, Lindenger, Bende

Tuesday, May 18th, 2010

und was auch sonst noch zwischendurch bei den Ramada-Übertragern zu lesen war, spielten zwar nicht im Pokalfinale, dennoch hat diesmal die Übertragung geklappt, und die Fehler sind wir von den professionellen Veranstaltern (Schachbund-Jargon  für Leute, die die Sache ohne Engagement, aber mit Blick auf einen möglichst großen Gewinn betreiben) nachsehen. Immerhin, die Veranstaltung hat sich nach den Ramada-Desastern der letzten Jahre offenbar nicht weiter verschlechtert, und es gibt wieder zaghafte Anzeichen einer Erholung. Zumindest ist der Pokal der letzte Mannschaftstitel in Deutschland, um mindestens im Prinzip die Mannschaften ohne Zwangsmitgliedschaften und horrende Extragebühren kämpfen können. Die Ausländerquote ist noch nicht ruinös, der Reiseaufwand durch Regionalisierung vertretbar, die formalen Bedingungen freilich (Null Toleranz, Dopingordnung) stetig verschlechtert.

Eine negative Entwicklung auch hier die Eskalation der Materialschlacht im Finale: Oos hatte zumindest noch formal drei  Deutsche im Team (durchaus eine Tradition), Porz komplett als Fremdenlegion.  So schön es war, die Hilgert-Truppe wieder in Aktion auf dieser Ebene zu sehen, so erinnern wir uns doch dunkel, dass es damals beim Rückzug hieß, man wolle sich künftig stärker um die Entwicklung deutscher Talente kümmern. Der Aufstellung war das nicht anzumerken.

Von der Papierform her leicht favorisiert, war Tkachiew in einer Morgenpartie am wichtigen 1. Brett sicher eine zweifelhafte Entscheidung. Immerhin verschlief er nicht, war aber chancenlos - das früh absehbare 0:1 im Pokal dennoch ein großes Handicap.  Die 2,5 Punkte hatten die Porzer freilich auf den restlichen drei Brettern stehen - aber Rublewskij verpasste in einer sehr instruktiven Partie den krönenden Abschluss gegen Naiditsch:








Bis hierher eine überzeugende Partie, in der ein Vorteil im Schotten systematisch ausgebaut wurde. Mehrbauer, weiter vorgerückte Bauern, Läufer gegen Springer. Das effektive Zusammenwirken der aktiven schwarzen Figuren mit dem h-Bauern sollte aber nicht unterschätzt werden.  39.bxc4!! Auf den ersten Blick ein Patzerzug - aber vielleicht der einzige Gewinnweg! Der Läufer behält vom Idealfeld f1 aus den h-Bauern im Blick, Nach etwa 39.Lxc4 h5! ist kein direkter Gewinnweg zu sehen, etwa:  40.Tf7 g5! 41.Tf5 Kg7! 42.Txg5+ Kf6 43.Tg3 h4 44.Tf3 Ke5 Analysediagramm








Computer neigen hier bei längerer Berechnung immer stärker gen Ausgleich - der h-Bauer kostet zuviel, die weißen Bauern werden gestoppt. Weiter in der Partie: 39…Se6! Am zähesten. 40.a5 Ta2 41.a6 h5








Die kritische Stellung.   42.Lh3? Naheliegend, aber vergibt Sieg und Pokal. f1 ist das beste Feld für den Leu!   Das ebenfalls plausible 42.Ld3 reicht auch knapp nicht: 42…g5 43.Lf5 Sf4 (allerdings gibt es hier die gute praktische Chance 42. Ld3 Sf4? 43.Lb1!! Ta1 44.Kf2 Txb1 45.Tb7 +-. Der Gewinnzug liegt aber in der Räumung für den Lf1 mit anschließendem Springerfang: 42.c5!! Sxc5 43.Tc7 Sxa6 44.Tc6  Analysediagramm








Und Schwarz ist verloren. Dass er sich in der Partiefolge retten kann, grenzt an ein weiteres Wunder:  42…Sf4 43.Lc8 h4 44.Tc7 h3 45.Lxh3 Txa6








Immer noch erstaunlich, dass es mit Mehrbauern und langschrittigem L nicht reicht, aber man kann es zumindest kommen sehen. 46.Lf1?! Hier war zumindest noch T+L gegen T möglich: 46.Lc8(!) Ta2 47.c5 Sg2+ 48.Kf1 Se3+ 49.Kg1 Sd5 50.Td7 Sxc3 51.Lb7 Tc2 nebst Sb5, und irgendwann kommt La6 Txc6 Lxb5 - man darf dann üben. 46…Ta1+ 47.Kf2 Tc1 48.Tf7 g5 49.Tf5 Txc3 50.Txg5 Txc4 1/2-1/2

Da auch  T+S gegen T von van den Doel gegen  Dautow nur Remis war, 2:2 und Wertung für Baden-Oos.

Der eigentliche “deutsche” Pokal wurde dann freilich im kleinen Finale zwischen den beiden stärksten Amateurvereinen ausgespielt - hier behielten diesmal knapp die SF Berlin mit 2,5:1,5 die Oberhand gegen den HSK. Im Vorjahr gab es das “deutsche Finale” übrigens schon im Halbfinale (damals schlug Solingen - diesmal im Blitz gegen Dortmund draußen - den HSK) - SF Berlin war seinerzeit gegen Greifswald ausgeschieden (die wiederum vom HSK geschlagen wurden und in diesem Jahr nicht dabei waren). Immerhin bleibt es wohl dabei - von gelegentlichen Ausreißern wie Aue, Handschuhsheim oder jetzt Porz abgesehen, spiegelt der Pokal weiterhin - wie man an den immer wiederkehrenden Namen sieht -  trotz nur Vierermannschaften die Leistungsstärke der Vereine besser wieder als die Legionärstruppen der Bundesliga.

Rank Zero Endgame Academy: Die Doppelbauernmajorität (II)

Friday, February 26th, 2010

(1202) Topalow,W - Gelfand,B [C42]

Linares ESP (10), 24.02.2010
Nach einer evtl. leichtfertigen Vereinfachung im 16. Zug steht Schwarz hier trotz reduzierten Materials im Angriff.








Den besten schwarzen Russen der Welt spielt ein (ehemaliger) Weißrusse. Daher sehr überraschend, dass Gelfand hier so schnell in eine gefährdete Stellung kommt - obwohl die Stellung nach sehr logischen Zügen eigentlich irgendwann mal in der Vorbereitung aufgetaucht sein müsste. Wenn Schwarz nichts Besseres als das folgende Qualitätsopfer hat, dürfte das Abspiel für Schwarz nicht mehr infrage kommen.  21…De2 22.Dxe2 Txe2 23.Le3








Die Qualität ist weg, und 23…Te8 24. Th3 würde nichts bessern. Daher ist die sofortige Aufgabe der Qualität logisch. 23…Txe3 24.fxe3 Te8 25.Th3 Te6 26.c4 Le7 27.Tf3 Te5 28.Tgf1 Txh5 29.Txf7 Te5 30.T7f3 Lf6 31.c3 Te4








Die Schlüsselstellung aus theoretischer Sicht. Alles spricht dafür, dass die weiße Stellung gewonnen ist - aber warum gibt Toppy die Qualität zurück und geht in ein remises Turmendspiel über? Alternativ könnte es natürlich sein, dass alles zu Hause vorbereitet war und Gelfand hier eine Festung hat. Dann wäre Schach allerdings sehr, sehr schräg. Was passiert etwa nach 32. Td1 Te6 (32….Le5 33. c5 d5 34 Tg1) 33. Kc2 - sollte Weiß wirklich nicht vorwärtskommen? 32.Txf6 gxf6 33.Txf6 Txe3 34.Txd6 Kf7 35.Kc2 Te2+ 36.Kb3 Ke7 37.Td4 c5 38.Td3 b6 39.Ka3 Tc2 40.Td5








Wahrscheinlich hat sich Toppy einfach den jüngsten Triumph der Doppelbauernmajorität zum Vorbild genommen. Objektiv ist es freilich unentschieden, durch die Absperrung des sK hat Weiß aber praktische Chancen. Ich würde hier eher mit 40….a6 den Einmarsch verbauen, die Forcierung ist aber auch nicht kritisch.  40…a5 41.Td3 Th2 42.b3 Tc2 43.Ka4 Anders kommt Weiß nicht weiter. 43….Txa2+ 44.Kb5 Tb2 45.Kxb6 a4 46.Kxc5 Txb3 47.Kc6 a3 48.c5








Wir nähern uns der kritischen Position. Kenntnisse über mögliche 5- und Sechssteiner helfen nicht viel, oder nur soviel, dass sich Schwarz darauf nicht einlassen darf. Könnte er den König nach b8 bekommen, sähe es anders aus, aber so bleibt a2 das Hauptpfand. Die Hauptdrohung von Weiß ist die Aufstellung T a-Linie, Kc7, Bc6, c5 (oder eine Reihe weiter vor). Hier muss Schwarz rechtzeitig durch einen dann aktivierten K gegensteuern. 48…Ke8?! Mindestens überraschend. Tendenziell gehört er eher nach vorne, ran an die c-Bauern. Nicht auszuschließen, dass Schwarz hier dachte, mit Abwarten Remis halten zu können, aber das funktioniert nicht. Konzeptionell  48…a2 49.Td7+ Ke6 50.Ta7 Tb2 51.Ta4 51.Kc7 Kd5 52.c6 Kc4 51…Ke5 52.Kc7 Kd5 53.c6 Kc5 und remis - Analysediagramm:








49.Th3 a2?








Stellt die Partie wirklich ein, der Vormarsch auf Reihe 2 verlockt freilich stark. 49…Ke7! brächte den König rechtzeitig wieder nach vorne:  50.Th7+ Ke6 51.c4 (51.Ta7 Txc3=) 51…Ke5 52.Td7 Tc3 Analysediagramm








Und Weiß kommt nicht weiter. 50.Th8+ Ke7 51.Ta8 Tb2 52.Kc7 Tc2 53.c6 Tb2 54.c4 Tc2 55.Ta6 Tb2 56.c5 Ke6








Jetzt stehen die weißen Bauern weit genug vorn.  57.Ta5! Nur so, aber letztlich auch naheliegend (wenngleich die Seitstelllung hässlich scheint). Ausreichend gesichert laufen die Bauern einfach durch. 57….Tc2 58.Kb7 Tb2+ 59.Kc8 Ke7 60.c7 Ke8 61.Txa2 Txa2 62.Kb7 1-0

Zu viel gewollt

Sunday, January 24th, 2010

Nach zuletzt ziemlich geringer Siegquote hatte ich mir eigentlich vorgenommen, in diesem Jahr wieder etwas mehr zu punkten. Nun ist eine Schwarzpartie gegen den ziemlich souveränen Rosi im staubtrockenen Minoritätsangriff da nicht unbedingt die optimale Gelegenheit - allerdings ließ der Mannschaftstand dank diverser Eröffnungsmisshandlungen bei uns relativ schnell kaum eine andere Wahl. Über lange Zeit konnte ich mit dem Ergebnis auch durchaus zufrieden sein - aber schließlich vergewaltigte ich die Stellung doch. Subjektive Gewinnwünsche sollten halt auch in Tateinheit mit Mannschaftszwängen kein ausreichender Grund sein, die Objektivität ganz aufzugeben…

Rosenthal, D (Oberschöneweide) - Teschke, O (Greifswald)








Eine typische Stellung im Minoritätsangriff. Weiß dürfte leicht besser stehen. 18.Db4?! Verpufft. 18…Le7 19.Db3 Le6!? 19….Lf6 ist wohl fraglos der logische Zug, aber dann hätte erstens Weiß besseres als Db4 und zweitens war das Problem, dass wir hier schon sichtbar im Mannschaftskampf zurücklagen und ein Remis fast sicher 4,5 Gegnerpunkte bedeutet hätte. Daher dieser Zug, der ein langfristiges Bauernopfer einschließt. Computer mögen das zunächst überhaupt nicht (hinter ihrem Horizont) und bevorzugen alternativ 19…Sxb5?! 20.Lxb5 Ta3 21.Db2 cxb5 22.Dxb5 Ta5 23.Db3, was aber in einer perspektivlosen Stellung (wenn auch mit Remischancen) mündet.  20.bxc6 bxc6 21.Se5 De8 22.Se2 Etwas konzeptioneller 22.Db6, was aber zu einer ähnlichen Struktur führt.  22…Lf6! Nur so. Schwarz bleibt in der Remisbreite und hat zumindest die Option, nach vorne zu spielen. 23.Sxc6! Es spricht für das weiße Stellungsgefühl, dass er den Bauern nach nur kurzer Überlegung mitnimmt. Die Varianten sind recht lang. 23….Sc4 24.Lxc4 dxc4 25.Db6








Weiß hat eine kerngesunde Bauernstruktur und blockt im Zentrum die schwarzen Läufer aus. Andererseits setehen Dame und Springer wackelig, und evtl. kann das Läuferpaar den c-Bauern effektiv unterstützen.  25…Tc8 Leider scheitert 25…Ld5 an 26.Sb4 Le6 Leider erzwungen, Königsangriffsträume funktionieren nicht. 27.Sf4 Tb8 28.Sbd5! 26.Se5 Lxe5 Leider muss man das Läuferpaar geben und wenigstens die weiße Bauernstruktur zerstören. Der konzeptionelle Seitenwechsel mit Ld8 (und Vormarsch c-Bauer) scheitert schlicht an Da6, und c4 fällt (wobei es in den taktischen Abfolgen mit Lg5-xe3 noch ganz gute Remischancen gibt). 27.dxe5 Lf5 28.f4 Ld3 29.Tf2








Soweit alles einigermaßen wie im 19. Zug geplant. 29…Tc6? Natürlich auch die knappe Zeit, aber noch schlimmer ist, dass Schwarz im entscheidenden Moment nicht konsequent weiterspielt. Hier wird nunmehr nur noch eine Auffangstellung im Schwerfigurenendspiel angestrebt, die ersichtlich wenig Optionen bietet. Statt dessen musste mit 29…f6! 30.exf6 Tc6 31.Dd4 Tfxf6  konsequent auf die Schwäche e3/e4 gespielt werden:








Schwarz hätte volle Kompensation, auch wenn es vermutlich einfach bald nur in einer Zugwiederholung endet.  30.Dd4 Lxe2 31.Txe2 De6 32.Tc3 Ta8 33.h3 h5 34.Tec2 Tac8 35.Tb2 De7 36.De4








In den letzten Zeitnotzügen - wieder einmal danke an den Schachbund für die geklauten 10 Minuten - ruiniert Schwarz die Stellung. Leider auch, weil inzwischen klar war, dass an den restlichen Brettern nur ein 3:4 zu Stande kommt. So kehrt noch einmal das Anfangsmotiv (Remis vermeiden!) wieder, freilich unter drastisch verschlechterten Bedingungen. Wenn Schwarz hier ruhig De6, Tc5 etc spielt, sollte die Stellung mit einiger Genauigkeit gut haltbar sein. 36…Dh4 37.Tf2 Dg3 38.f5








38…Ta6? Jetzt ist es auch taktisch um. Dass 38…Tc5! 39.e6 Txf5 geht, sehen nur Computer in ein paar Sekunden. 38…gxf5 39.Dxf5 Dg6 wäre menschlicher, aber eben auch ein langer, schwerer Kampf ums Remis.  39.Tc1 Tca8?! 39…Ta5 wäre noch eine Mini-Chance.  40.e6 fxe6 41.f6








Die Zeit ist geschafft, und f6 entscheidet. Schwarz ist hilflos. Entscheidendes taktisches Moment der letzten Züge war die Abfahrtszeit des Berliner Zuges, den sowohl mein Gegner als auch ich bekommen wollten. 41…T8a7 42.Tf3 Dg5 Noch ein taktisches Remisgebot - immerhin stand jetzt das 4:3 auf dem Papier, und es blieben noch 35 Minuten bis zur Zugabfahrt bei knapp 2 Kilometern Bahnhofsentfernung. 43.Dxc4 Natürlich abgelehnt. 43….Kf7 Wenn Schwarz als sehr unfair in die Geschichte eingehen will, kann er hier die von Bardeleben-Taktik anwenden und sich einfach auf den Weg zu Bahnhof machen, während Weiß notgedrungen auf das Ablaufen der Zeit wartet und den Zug verpasst. Wäre immerhin eine Gelegenheit, sich einen besonders schlechten Namen zu machen (tatsächlich habe ich schon einmal erlebt, wie jemand im Niederlagenfrust seinen Gegner derart “bestrafte”). Nicht zur Nachahmung zu empfehlen - lieber kommt eine ganz nette forcierte Variante aufs Brett: 44.Dc8 Ta1 45.Txa1 Txa1+ 46.Kh2 De5+ 47.Tf4 Ta7 48.Dh8 g5 49.Dg7+ Ke8 50.Dxa7 gxf4 51.De7 matt
Was bei immerhin noch 22 Minuten bis zur Abfahrt eine faire Chance im nachschachlichen Dreikampf (Packen, Verabschieden, ab zum Bahnhof) lies.

Mannschaftpunkt

Saturday, January 16th, 2010

Ein kleines Wunder am Bodden hat bisher unsere Oberligamannschaft geschafft. Nach Papierform zwar im oberen Mittelfeld der Liga, waren wir am Brett durch den Ausfall von bisher je 3-4 Stammspielern wohl in den ersten 4 Runden das nach Präsenz eloschwächste Team. Überwintert wurde trotzdem mit 5:3 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz, da Ausnahme des schwächelnden Verfassers an 1 die Mannschaft über sich hinauswuchs.

Einwenig Glück war natürlich auch dabei. Da stand gegen Tegel II lange eine klare Niederlage auf den Brettern, die in der letzten laufenden Partie an 6 beim Stand von 3:4 kurz vor der Besiegelung war:

Schulz, Stefanie (Tegel) - Stubbe, Wilko (Greifswald)








Hier rechnete ich zum letzten Mal genauer mit. Nach 55.Da2+ Kh7 56.Db3 sah ich nur, dass Schwarz sich auf Da7/Tb8 eingraben muss, was langfristig natürlich aussichtslos ist. Der weiße Textzug ist sogar mindestens so gut, lässt allerdings etwas mehr offen.
55.Kh2(!) h4? Mit einem taktischen Remisgebot. Psychologisch unangenehm (wie auch die Nähe des Bh4 zum wK) - bei Annahme wäre freilich die Sache ebenso vorbeit wie bei halbwegs korrektem weißem Spiel. Etwas zäher wäre 55…Kh7, was den K aus der gefährlichen Diagonalen und der 8. Reihe nimmt.

Als Weiß in längeres Überlegen fiel, entschloss mich zum Gehen. Immerhin weiß man nach langer Mannschaftserfahrung, dass die unwahrscheinlichste Möglichkeit hier darin bestand, dass Weiß korrekt ablehnt und präzise die letzten Hürden zum Gewinn schafft. Blieben noch: Annahme des Gebots wegen knapper werdender Zeit oder Ablehnung nach zu viel Zeitverbrauch und eine Patzerschlacht mit offenem Ausgang. [Das sah schon mal schlechter aus - die Weißspielerin ist zwar taktisch stärker beschlagen, als man das normalerweise von einer Deutschen Meisterin der Schachjugend (2004) erwarten kann, aber da sie (sinnvoller- und lobenswerterweise!) sich nicht vom Tingelbetrieb der berufsjugendlichen Kader und Dauerstudenten im U25-Bereich vereinnahmen lies und sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentriert hat, fehlt es etwas an der Spielpraxis.] Meinen schwachen Nerven wollte ich das Absehbare dennoch nicht live zumuten und setzte mich mit gemischten Ahnungen beiseite.
56.Da2+ Nach der Ablehnung steht Weiß objektiv auf Gewinn, und die realen Chancen sind vermutlich 50:50. Kg7








57.Tb3? Hier vollstreckt schon 57.a7! Dxe3 58.b8D! mit Deckung von g3. Dagegen ist nichts zu sehen, die Erfahrung lehrt aber, dass so etwas im Amateurbereich in knapper Zeit höchst selten vollstreckt wird.  57…Dd6+








58.Kh3?! Hier erfordert ein Gewinnversuch schon beachtliche Kopfstände: 58.g3!, z.B. 58….e3 59.Db2+ Kh6? (59…Kf7 60.Txe3 Txe3 61.b8D hxg3+ 62.Kh3 g2+ 63.Kxg2 Te2+ 64.Dxe2 Dxb8+/=) 60.Txe3!! Txe3 61.Dh8+ Kg5 62.Dxh4# Natürlich nur was für Computer. 58…e3 Hat zumindest schon mal das Remis geschafft.








59.Db2+?? Der kleine Unterschied! Nach 59.Da1+ Kh6 60.b8D Txb8 61.Txe3 hängt keine Dame auf der b-Linie, und schwarz müsste mit 61…Ta8 den Gewinn weiter versuchen (61…g5 62.De5 Dxe5 63.Txe5 Tb3+ 64.Kh2 Ta3 65.Txf5 Txa6 ist ein recht leicht remises Turmendspiel), aber…








59…Kh6 60.b8D Txb8 ist einfach vorbei: 0-1

Am Ende überwog dennoch bei allen Beteiligten das Mitleid für die Weiße die Freude über den doch sehr unverhofften Punktgewinn. Schach bleibt halt ein Glücksspiel.

Out of book

Monday, December 14th, 2009

Allmählich stellt man sich ein wenig besser auf die verkürzte Bedenkzeit ein, obwohl in der gestrigen Oberligarunde wieder der worst case, nämlich eine frühzeitig unbekannte Stellung, aufs Brett kam. Immerhin ging es uns beiden so. Mit Skandinavisch von meinem Gegner war nun wirklich nicht zu rechnen - ihm  (der gegen 1. e4 ohnehin schon mit e5, Sizilianisch, Französisch, Pirc und Modern stark variiert) hattne in der Vorbereitung meine Varianten gegen seine “Standards” nicht gefallen, und er war kurzfristig übergeschwenkt. Ich wählte eine solide Nebenvariante mit dem Ergebnis, dass wir nach einer untypischen Antwort beide im 6. Zug out of book waren.

Insgesamt entstanden recht untypische, aber sehr interessante Stellungsbilder (wenngleich sie wohl nicht viele Nachahmer finden werden).  Zumindest ein gutes Beispiel, dass das Herumfischern, Verzeihung -würfeln in der Anfangsstellung unnötig ist, wenn es nur darum geht, mal was nettes Anderes aufs Brett zu bringen. Schach ist komplex genug.

Teschke,O - Rolle,E [B01]








8.h3?! TN Zielt auf das Läuferpaar und erfordert eine Menge Berechnung zur Rechtfertigung. Obwohl Weiß damit eine bessere Stellung erreicht, wird sich der Zug aber wohl nicht durchsetzen. Stärker ist wohl 8.Lf4, was aber nach  e5 zu einem ziemlichen Kuddelmuddel führt. (8…Dd7 9.d5 wäre hingegen einfach gut für Weiß).9.dxe5 Sxe5 10.Lxb7 Tb8 11.Lxe5 Dxd1+! 12.Txd1 Txb7








Weiß hat den Mehrbauern, Schwarz etwas Kompensation durch b-Linie und Läuferpaar. Insgesamt sollte dieses Abspiel dafür sorgen, dass die Variante für Schwarz nicht attraktiv ist, auch wenn es in der Datenbank nach 8. Lf4 “nur” +2, =1, -1 steht. 8…Lxe2 Ganz wild wird es nach 8…Lf5 9.g4 Lg6 10.g5 Sh5 11.d5 Sb4 12.Se4








was aber auch gut für Weiß aussieht. 9.Sxe2 0-0-0 10.c3 e5








Weiß hat einige Tempi für das Läuferpaar geopfert und nun das skandinavisch-typische d4-Problem. Ist aber berechnet: 11.Da4(!) Interessant, aber weniger gut ist 11.Db3 exd4! (Ich hatte Db3 schon wegen 11…Sa5 ausgeschlossen, aber dann ist 12.Da4 gut - nicht aber der Damenfang 12.Dxf7?? Td7) ) 12.Sxd4 Te8+ 13.Kf1 Sa5 14.Da4 Dc5 15.Lf3 Dc4+ 16.Dxc4 Sxc4 17.Kg2








Nach der Königswanderung auch leichter weißer Vorteil, aber weniger als in der Partie.  11…Sd5 12.0-0 exd4 Sorgt wenigstens für den weißen Isolani. Nach 12…Le7 13.dxe5 nebst 14.Sf4 beginnt das Läuferpaar zu schießen.  13.Sxd4 Sb6 14.Db3 Sxd4 15.cxd4 De6!








Der einzige Zug, der die Stellung spielbar hält (die Annahme mit Dxd4? lässt Weiß jubeln). Das Endspiel nach 16.Dxe6+ fxe6 verspricht Weiß nichts Besonderes, Dennoch war es m.E. gerechtfertigt, hier das Remis abzulehnen.  16.d5! Verstellt temporär die lange Diagonale - der Bauer soll aber tendenziell ohnehin geopfert werden. Die Annahme sieht nicht gut aus - nach 16….Sxd5 17. Lg5 f6 18. Tad1! bekommt Schwarz massive Probleme. 16…De2 17.Le3 Dc4








Die kritische Stellung. 18.Lxb6? Danach muss Weiß sogar ein schlechteres Endspiel mit ungleichfarbigen L verwalten, das sich schwieriger spielt, als man denken sollte - d5 blockiert Weiß doch sehr und bietet Schwarz hervorragende Felder. Deutlich besser ist das Endspiel nach 18.Dxc4 Sxc4 19.Ld4, aber noch aussichtsreicher wäre das krumme 18.Dd1! mit weiterem Angriff, z.B. Sxd5 19.Tc1 Db5 20.Dd4 usw. Weiß konnte schließlich d5 opfern und die Türme tauschen mit technischem Remis. 1/2-1/2

Sweet Defeat (II) - Die Null an Eins

Saturday, November 21st, 2009

Mit zwei Nullen am ersten Brett ging es für mich in die laufende Saison (kein ganz überraschendes Ergebnis), zum Glück dank einer starken Hintermannschaft weitgehend folgenlos (mit den 3:1 Punkten war gegen die nominell stärkeren  Rüdersdorfer & Tegel vorher kaum zu rechnen). Für einen ausgesprochenen Mannschaftsspieler ist ein solcher Fehlstart (immerhin einmalig in den letzten zehn Jahren) trotzdem analysebedürftig, und neben konkreten Zeitnotfehlern schälen sich recht klar Umstellungsschwierigkeiten auf die verkürzte Bedenkzeit heraus. Insbesondere die zweite Partie mag ein Anhaltspunkt dafür sein, in welche Richtung das Schach durch die Reformen gedrängt wird.

Teschke, O - Breier, A; OLNO 2009/10








Hier war zuletzt auf 10. h3 (eine ziemlich normale Stellung) fast ohne Nachdenken (< 1min)  Sb6? gefolgt - ein ziemlich harter Zug, der letztlich den Sieg in der Partie bedeuten sollte. Rein logisch kann man nachvollziehen, dass man zunächst den Lc4 zu einer Entscheidung zwingen will, bevor man selbst den Lg4 rückt. Dennoch geht man mit dem Zug ein höchst konkretes Verlustrisiko ein, das im Guten nicht in ein paar Sekunden abzuschätzen ist.

Weiß hat hier die Möglichkeit, dem Gegner zu glauben und den Lc4 zurückzuziehen - vielleicht die praktisch sinnvollste Lösung. Dann könnte man (nach meiner sehr privaten Schachauffassung) allerdings auch gleich mit dem Spielen aufhören.

Oder aber man nimmt sich eben die Zeit - von der man zu diesem Zeitpunkt aber nun mal fast eine halbe Stunde weniger hat (da nützt auch das Inkrement nicht). Spätestens mit weniger als 40 min auf der Uhr sah ich mich dann zu einer Entscheidung gezwungen, wenn man den Rest nicht herunterblitzen will - dabei hätte die Stellung wohl auch mehr als eine Stunde Überlegung gut vertragen.

Der gewählte Zug ist subjektiv durch den Wunsch beeinflusst, eine längere forcierte Zugfolge zu wählen (unbewusst tickt das Inkrement mit!), um nicht eine “normale” Stellung mit großer Zeitvorgabe spielen zu müssen. Die entstehende Position sieht gut aus, ist aber nur ausgeglichen. Objektiv ist es die falsche Wahl:

11.hxg4? Sxc4 12.g5 Sxe3 Erzwungen. 13.fxe3 (Tricks wie 13. Db1? müssen berechnet werden, bringen aber nichts) Sd5 (Weniger gut ist 13…Sg4 14.Dd3 g6 15.De4) 14.Dd3 g6 








15.De4?! Zu sehr in Analogie zu der 14….Sg4-Variante gespielt, die einen Gutteil der Vorausberechnung ausmachte. Der Schwenk auf die h-Linie ist optisch verlockend, aber 15.Se4! mit mindestens leichtem Vorteil ist deutlich besser.  15…Sxc3 16.Dh4 h5 17.bxc3 Dd7!








Den letzten Zug hatte ich unterschätzt - Schwarz muss gar nicht weiter auf g5 drücken, Se5 ist nicht tödlich. Der Angriff läuft ins Leere   18.De4?  Danach gerät Weiß schnell in Nachteil und stellt es in Zeitnot ein. Richtig wäre 18.0-0 mit ungefährem Ausgleich.

Was aber wäre richtig gewesen? Besser als der nur optisch aktive h-Linienangriff ist das ebenfalls berechnete
11.Lxf7+! Txf7 12.hxg4 Sxg4








13.Se5! Ebenfalls meine Hauptpräferenz - schließlich ist nach 13….Sxe5 14. dxe5 das mögliche Endspiel klar besser für Weiß. Aber 13….Sxe3 14.fxe3 konnte ich nicht abschließend bewerten,  (natürlich nicht  14.Dh5?). Hauptvariante wohl  14…Lh4+ 15.Kd2 Tf2+ 16.Kd3








Wenn es auf dem Brett steht, sieht man wohl eher, dass hier nur der schwarze König Probleme hat - es droht Db3+. Am besten noch 16…c5 17.Db3+ c4+ 18.Sxc4 Sxc4 19.Dxc4+ Kh8 20.Db5








Ob ich es bei Normalbedenkzeit gesehen hätte? Wohl eher nicht, da bin ich doch zu schwach. Die Minuten für die Entscheidung hätte ich aber doch gerne gehabt. In Zukunft werden wohl jedenfalls häufiger die Partien so entschieden werden.
Bleibt als subjektives Gefühl: Man fährt als Amateur zwar dieselben Entfernungen und opfert den Sonntag, darf aber weniger Schach spielen (von in Zukunft vielleicht mehr kampflosen Partien durch sinnnlose Null-Toleranzregeln ganz abgesehen). Warum sollte man daran interessiert sein?

Keep it short & simple (V)

Thursday, August 13th, 2009

Widerstrebend liefern wir (wg. Anfrage)  noch die Partie Stern-Agopov nach, obwohl wir die Stellungen nicht recht verstehen. Die Partie ist weit davon entfernt, einem roten Faden zu folgen - es gibt einige Brüche, die auch der sportlichen Situation zuzuschreiben sind: Weiß brauchte unbedingt einen Sieg für die GM-Norm. Unter diesem Aspekt ist es freilich interessant zu sehen, wie es denn so aussieht, wenn man notgedrungen abseits des gewohnten Terrainsund mit der Brechstange spielen muss.
Stern,R - Agopov,M
GM-Turnier Berlin (8.6), 09.07.2009


1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Sf3 b6 5.Db3 c5 6.a3 cxd4 7.axb4 dxc3 8.Dxc3 0-0








Die Stellung riecht nach einem “+=” - Weiß hat nicht nur das Läuferpaar, sondern auch die halboffene a-Linie. Aber so einfach ist das alles nicht - man darf die dynamischen Optionen von Schwarz nicht unterschätzen. 9.b3?! Will das Läuferpaar behalten.  Normal würde man hier wohl oft zu 9.Lg5 mit kleinem, stabilen Vorteil tendieren, aber das reicht nicht. 9…Se4 10.Dc2 f5 11.e3?! Jetzt kommt Schwarz. 11.b5 schränkt den Springer wirkungsvoll ein. 11…Sc6 12.Ta4? Hier geht der weiße Ehrgeiz durch. Objektiv steht er danach gefährdet - besser. Das geplante Vorgehen ist aggressiv, aber unzureichend. 12…a5 13.La3 Df6!








Damit ist der weiße Plan faktisch gescheitert. Da er sich nach 14.Le2 Da1+ 15.Ld1 Sc3 nicht rühren kann, ist Schadensbegrenzung angesagt. Hübsch, dass wenige schwarze Figuren zum Auskontern reichen.  14.Sd4 Notgedrungen. 14…Sxd4 15.exd4








Weiß verliert mindestens einen Bauern, zudem zielt die Massierung am Damenflügel ins Leere. 15…Dxd4 Die Büchse will sogar 15…Lb7, was in der Tat evtl. noch größere praktische Probleme stellt (wie rochiert Weiß?). Jetzt schaltet Weiß um und stabilisiert die Stellung mit Minusbauer (schlimm genug!).  16.Lb2 Dd6 17.f3 Sf6 18.Le2 Dc7 19.0-0 d6 20.Dd2 Ld7 21.b5 Tad8 22.Ld4 e5 23.Lf2 Le6








Schwarz hat den Bauern und die Initiative. d5 bricht gleich durch - am Besten wäre hier wohl 24. b4. Der Textzug ist wirkungslos, der Turm wird eher auf f1 zum Schutz benötigt. 24.Td1?! d5 25.cxd5 Lxd5 Evtl. noch stärker 25…Txd5. 26.De3 Lf7 27.Tc1








27…De7 Bei beginnend knapper Zeit wäre hier auch 27…f4! eine furchtbare Alternative. Der Computerzug ist am Brett natürlich aber auch schwer zu finden.  28.Dxb6 Sd5








Schwarz gibt das Material zurück, erlangt aber Durchbruch, Freibauern und Königsangriff. Viel möchte man nicht auf die weißen Aussichten geben… 29.Dxa5?! Geht aufs Ganze. Nun ja, im Normsinne ist ein Remis wie eine Niederlage…trotzdem sieht 29.Dc5 besser aus. 29…Dg5 30.Te1 Sf4








Was tun?  31.Lg3?! 31.Txf4 Dxf4 32.b6 Dd2 überlebt man evtl. nicht, ist aber wohl die bessere Chance, zumal man unversehends gewinnen könnte. 31…Sxe2+ 32.Txe2








Der weiße König ist nackt, bei starkem Angriff mit ungleichen L. 32…Td1+? Vergibt wohl den Sieg. Zuerst 32…e4 behält die Zeit, mit dem Turm vorerst nicht bedienen zu müssen. 33.b6 exf3 34.gxf3 Td1+ und bei Weiß sollten die Lichter langsam ausgehen. Im Unterschied zur Partie hängt auch noch f3. 33.Te1 erreicht nötige Entlastung. 33….De3+ 34.Lf2 Dxb3 35.b6 e4 36.fxe4 Txe1+ 37.Lxe1 fxe4








Und plötzlich hat Weiß sogar wieder ein besseres Endspiel, da Schwarz den Abtausch mitmachen musste.  38.Txe4?! Nicht ehrgeizig genug. 38.Db4 ist nicht viel, sollte aber aus praktischen Gründen versucht werden. 38…Ld5 39.Te2 Dd3 Jetzt holzt sich einfach alles herunter. 40.Dd2 Lc4 41.Dxd3 Lxd3 42.Tf2 Txf2 43.Kxf2 Le4 1/2-1/2