Erstaunlich, wie wenig man letztlich nebenbei von den Runden mitbekommt, während man mit den technischen Details der Eingabe und - übertragung von 16 Partien beschäftigt ist. Ein wenig bleibt trotzdem haften:
1. “Die Großen kochen auch nur mit Wasser.” Haben wir ja schon immer gewußt, aber diesmal wieder exemplarisch gesehen, z.B.
2. Levon Aronian. An diesem Wochenende war es völlig unvorstellbar, dass er mal 4. der Weltrangliste war (und noch 6. ist). Iwantschuk überspielt ihn trotz Müdigkeit, Reise- und Turnierstress scheinbar mühelos. Ganz schräg die 2. Partie mit Weiß gegen Landsmann Waganjan. Eine positionelle Druckstellung wird mit 21. Lxc6 weggeworfen, ab der Zeitnotphase sieht dann Schwarz mit riesigen Läuferpaar (der Mehrbauer ist nicht so wichtig) wie der haushohe Sieger aus. In der technischen Phase dann Seltsames - der gerade darin normalerweise souveräne Waganjan läßt nach dem 40. lauter Züge wie 46….Lf2! 47. Lc7 f4! aus und macht schließlich Remis in immer noch besserer Stellung.
3. Kopfschütteln sieht man bei starken Spielern eher selten, aber in der Partie Stern - van Wely war der niederländische Spitzen-GM im 38. Zug mit seiner Stellung offenbar nicht zufrieden. Rene sah zwar die Körpersprache, aber nicht das zweizügige “lange” Manöver 38. La4-d1! mit 39. Lh5 und Gewinn.
4. Heute hui, morgen pfui (und umgekehrt): Völliger Umschlag der Fähigkeiten von einem Tag auf den anderen scheint kein seltenes Phänomen. Bei Thomas Luthers attraktivem, aber risikoreichen Stil ist es vielleicht nicht so überraschend. Alexander Graf ist auch für erstaunliche Fehler gut; das Bauernopfer im 22. gegen Socko ging vielleicht noch, aber dass nach 24….Lf6?? 25. Sd6+ (technisch) praktisch gewinnt, haben vermutlich alle Umstehenden sofort gesehen. Am Sonntag hatte er noch souverän gewonnen. Noch ein Beispiel ist Oleg Kornejew, der am Samstag mühelos gewann, aber am Sonntag so grottig spielte, dass er am Ende selbst mit Minusfigur und kaputter Stellung Züge machte. Einen Jugendlichen hätte ich dafür vermutlich zusammengeschissen.
Andersherum bei Kalinitschew, der am Samstag trostlos gegen Bindrich verlor, und dafür eben Kornejew so trocken ausmanövrierte, wie er es normalerweise mit 2000ern macht. Ein Remisgebot von einer 2638 in einer nicht unbedingt klar besseren Stellung als 2499 abzulehnen, ist nicht ohne.
5. ZÜ. Unglaublich viele Zeitüberschreitungen in nicht unbedingt verlorener Stellung (mindestens 2 pro Tag). Bei den Großen hätte man eine professionellere Einteilung erwartet. Für Tegel brachte es den ersten vollen Punkt - GM Mladen Muse, der am Vortag noch selbst ZÜ gegen Socko gemacht hatte, profitierte fairerweise von Degraeves Blättchenfall (in allerdings schon schwieriger Stellung für Schwarz).
6. Eli-Dödel heißen im Fachjargon die Besucher, die nur marginale Ahnung vom Schach haben und hauptsächlich aufgrund medialen Wirbels um die Ex-Juniorinnen-Weltmeisterin gekommen sind. Glücklicherweise waren es nicht so viele (abgesehen von den typischen DWZ<1600-Funktionären), die dann verwundert herumfragten, warum denn die "Weltmeisterin" so weit in der Ecke spielen würde, ob das Brett 8 das Spitzenbrett sei usw.
Als Satireseite sind wir natürlich von der unlauteren Konkurrenz der Realsatire immer hart bedrängt, aber dennoch sei die Darbietung "Schach im Unterschichtfernsehen” (aka Lüders vs. Pähtz im RBB) wegen des großen Humorgehalts hier unbedingt empfohlen.
Bemerkenswert, dass es Frank H. doch wieder schaffte, ihrem Auftritt etwas medial Positives abzugewinnen:
Elisabeth Pähtz konnte trotz eines Remis gegen GM Leonid Kritz die 3½:4½-Niederlage der Berliner (gegen Porz, O.T.) nicht verhindern.
Waren also die Anderen schuld. Freilich geht die viel wichtigere Niederlage gegen die etwas schwächer aufgestellten Remagener zum großen Teil auf ihre Kappe - immerhin eine Weißniederlage gegen einen tiefer gerankten (semi-)alten Mann. Angesichts eines begrabenen Lc8 hatte man eigentlich sogar weißen Vorteil nach der Eröffnung erwartet, bis dann a4 entkorkt wurde, was die Betrachter ziemlich ratlos ließ… Absteigen durch E.P.?
7. Absteiger. Hinten tatsächlich die drei Berliner Mannschaften und Eppingen. Hamburg mit einem wichtigem 4,5:3,5 gegen Eppingen, Mülheim mit ebenso wichtigen 2 Punkten gegen Schachfreunde.. Bann hat schon einen MP gegen etwas stärkere Wattenscheider geholt, Kreuzberg in Fast-Bestbesetzung (beide Armenier vorne, hinten ohne Volke) gegen Remagen enttäuscht. Es wird auf die direkten Kämpfe ankommen, aber Kreuzberg steht schon unter einigem Druck - es ist nicht ausgeschlossen, dass diese vier auch am Ende hinten stehen könnten.
8. Organisation. Der Aufwand für ein Heimwochenende sollte nicht unterschätzt werden. Zu Problemen der Semi-Live-Übertragung s.o. Quadratmeter hatten wir genug, allerdings nur einen abgetrennten Nebenraum, der für sehr viel herhalten musste: Verpflegungsstand, Gepäckbereich für Gastmannschaften, Technik, Toilettendurchgang (und am Sonntag spielte in einem Bereich auch noch die Oberliga). Zum Analysebereich gab es dann schon keinen Platz mehr, zum Glück konnte der störungsfrei ans andere Ende der Bambushalle verlegt werden. Die nachträgliche Partienpräsentation fiel dagegen ins Wasser - Beamer+Laptop waren zwar da, es hätte aber nur im ohnehin übernutzten Nebenraum passieren können (schwierig: Besucherlenkung!), und vor allem fand sich kein GM, der seine Partie auf die Schnelle kommentiert hätte. Merke: Sich so etwas vorher fest zusagen lassen und planen (was leider auch blöd ist, wenn der Betreffende dann seine Verlustpartie kommentieren muss oder schnell remisiert hat).