Wir hatten schon vor einiger Zeit versprochen, die diversen Aussagen Beteiligter im Zusammenhang mit den Themenkreisen SchachShop/Wirtschaftsdienst GmbH uns noch etwas näher anzuschauen.
Es gab da im April/Mai, angestoßen von schauerschach.de (damals noch, und inzwischen wieder, unter kisch), mal eine große Diskussion (noch gibt es z.B. - trotz des quasi-DC!!!-Endes - einen schwachen Widerschein im dortigen Forum).
Mit einiger Verzögerung kam im Vorfeld des DSB-Kongresses eine Reaktion der Landesverbände, auf dem Kongreß selbst dann eine gewisse Erörterung im Arbeitskreis der Landesverbände - die prallgefüllte Tagesordnung des Kongresses sorgte später von selbst dafür, dass das Thema nicht detailliert diskutiert wurde.
Dafür gab es dann immerhin viele Monate später etwas überraschend eine Offensive mit einem Interview mit André van de Velde - dem Geschäftsführer der Wirtschaftsdienst GmbH, dito der gemeinsam mit Dr. Jordan betriebenen Schachshop-Beteiligung, der gleichzeitig auch Chef des Hamburger Schachverbandes ist (weitere, etwas abgelegenere Aktivitäten sind hier kein Thema, man sollte ja nicht alles blind glauben, was im Netz oder der c’t 6/2006 steht - man darf von den Hamburger Schachspielern, die ihn gewählt haben, erwarten, dass sie darüber im Bilde sind; wenn sie ihm trotzdem das Vertrauen schenken, spricht dies doch erstmal für ihn).
Leider vermisst man durchgehend im Interview eine für den Leser doch nicht unwichtige Information - nämlich in welchem Vertragsverhältnis die Interviewpartner zueinander stehen. Es gibt begründeten Anlass zur Vermutung, dass die Hamburger Firma, deren Reporter hier die Fragen stellen, Hauptvertragspartner der Wirtschaftsdienst GmbH ist. Unter dieser Voraussetzung klingen einige Fragen zumindest kurios, da man erwarten darf, dass hier die Antwort sehr detaillierter als ausgeführt schon bekannt ist. Hätte man doch ruhig mal klarstellen können.
Immerhin, es gibt eine Menge (vielleicht nicht in letzter Konsequenz kritische) Fragen und einige Antworten, die sich zwar im Rahmen der Statements in der AG der DSB-Landesverbände bewegen, aber doch etwas präziser sind. Leider müssen wir aber gerade in diesem Zusammenhang eine Aussage stark in Frage stellen. Ein konkretes Kernargument gegen den Vorwurf mangelnder Transparenz lautet nämlich:
Dem Arbeitskreis der Mitgliedsorganisationen gegenüber haben die Gesellschafter der DSB Wirtschaftsdienst GmbH im Rahmen des letzten Bundeskongresses vollumfänglich Rechenschaft abgelegt.
Mit Verlaub, das Wort vollumfänglich schließt die Vorlage von Bilanzen ein. Diese sind aber unseren Informationen zu Folge gerade nicht dem Arbeitskreis vorgelegt worden, sondern er war darauf angewiesen, im guten Glauben die Statements hinzunehmen, die wir auch im Interview finden. Sollten sie sich als unzutreffend erweisen, drohen keinerlei Konsequenzen. Aber immerhin dürfen wir annehmen, dass dem Mitglied des AKLV van de Velde die Aktivitäten des Wirtschaftsdienst GmbH-Geschäftsführers van de Velde vollumfänglich bekannt sind (es sei denn, er handhabt die bekannt vorbildliche Ämtertrennung im Schachbund bis hin zur Persönlichkeitsspaltung). Hier müssen die Schachspieler selbst entscheiden, ob sie eine solche Kontrolle als ausreichend erachten.
Ausgesprochener Zweck der GmbH ist
Vermarktung des Deutschen Schachbundes, also vorrangig der Suche nach Sponsoren und dem Abschluss von Werbeverträgen. In Absprache mit dem Verband kümmert sich die Gesellschaft auch um die Qualitätssicherung von Schachprodukten, wie beispielsweise Lehrbücher, Bretter, Figuren, Uhren oder Softwareprodukte. Hier verleiht die Gesellschaft nach einer qualitativen Produktprüfung durch eine DSB-Kommission ein Gütesiegel.
Angeblich notwendig ist die Konstruktion
aus steuerlichen Gründen [..]. Der Deutsche Schachbund ist ein gemeinnütziger Verein. Als solcher darf er nur in einem relativ beschränkten Maße wirtschaftlich aktiv werden, ohne seine Gemeinnützigkeit zu gefährden. [..] Dieses Modell ist steuerlich unbedenklich und wird im Übrigen auch von fast allen anderen Spitzenverbänden so praktiziert.
Dies erscheint mir nicht schlüssig. Ganz klar könnte der zweite Teil des Zwecks, also “Schachprodukte etc.”, ebensogut (eigentlich: steuerlich besser) als Zweckbetrieb des DSB organisiert werden (allerdings hätte dies zur Folge, dass Bilanzen und Verträge einer Kontrolle durch die Mitglieder unterliegen würde). Ob man freilich unter diesem Dach auch gleichzeitig als “Qualitätsprüfer und Siegelvergeber” und via Schachshop als Vertreiber gewisser quasi von sich selbst zertifizierten Produkte auftreten könnte, ist zweifelhaft.
Allerdings sollte m.E. ein Verband, der auf sein Ansehen hält, dergleichen ohnehin nicht tun, egal in welcher Rechtsform. Dass es von Konkurrenten eine Reihe von Beschwerden über die Vergabepraxis der DSB-Siegel gibt, verwundert sicher nicht. Jedenfalls erschließt sich vielleicht die immer wieder behauptete “vollumfängliche Schachnützlichkeit” der GmbH nicht jedem.
Bleibt der erste Teil, die Vermarktung etc. Dazu liest man erstaunt:
Der letzte große Werbevertrag mit einem Großsponsor datiert aus dem letzten Jahrtausend. Seitdem ist ein deutlicher Trend zu verzeichnen, dass Schach zwar in der Werbung positiv besetzt ist, der Schachbund aber in den Marketingabteilungen der potenziellen Sponsoren keine Rolle spielt. In den vergangenen Jahren haben wir sowohl aus Bordmitteln heraus wie auch in Zusammenarbeit mit mehreren namhaften Agenturen Versuche unternommen, den Schachbund als attraktiven Partner für Wirtschaftsunternehmen darzustellen. Alle Versuche misslangen. Geradezu typisch sind hier die Bemühungen der MA Media Werbeagentur heraus zu stellen, die in einer Art pro-bono-Projekt zu einem sensationell günstigen Preis den Versuch unternommen hat, den Schachbund extern zu vermarkten. Die Agentur hatte sich zuvor mit ganz anderen Kalibern befasst, so unter anderem mit dem Formel-1-Team von McLaren oder der Sat.1-Bundesligashow „ran“. Am Schachbund ist sie leider gescheitert.
Man könnte also jetzt einfach feststellen, dass es das behauptete Geschäftsfeld gar nicht gibt - abgesehen von dem bekannten “Monopolsponsor” (der sich freilich dafür weitgehende Rechte im Schachbund erkauft). Nun, man kann sicher darüber streiten, ob es nicht besser ginge - es gab vom Öffentlichkeitsreferenten des DSB ja schon eine entsprechende Reaktion, auch in Bezug auf andere Stellen des Interviews - aber wir können hier festhalten, dass praktisch der Geschäftsführer die Wirtschaftsdienst GmbH seine Firma “mangels Masse” als überflüssig erklärt.
Na, da findet er unsere volle Zustimmung! Wir können nur immer wiederholen - macht das Ding dicht.
Ach ja, da war noch etwas. Etwas Geld ist ja über die Vertriebsaktivitäten und den CB-Vertrag da - wofür wird es eigentlich ausgegeben? Bona fide gehen wir mal von den behaupteten Zahlen aus - danach ist die Sache für die Gesellschafter total unattraktiv, die Rückflüsse an den Schachbund sind minimal (da eben die offiziellen Gewinne winzig sind). Bleiben also die “vollumfänglich schachnützlichen Betriebskosten”:
So schließt die Gesellschaft unter anderem Vermarktungsverträge mit den deutschen Spitzenspielern ab und trägt so einen Beitrag zur Finanzierung der deutschen Nationalmannschaft bei.
Hier muss man sich noch einmal kurz konzentrieren - nein, es geht nicht um normale Kosten (Trainer, Reisen, Aufwandsentschädigungen), die im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft entstehen. Diese können natürlich ohne Gefährdung der Gemeinnützigkeit aus dem normalen Verbandshaushalt bezahlt werden.
Bleiben also Profigehälter/boni, die via die GmbH fließen. So erklärt sich auch der Hinweis auf “andere Spitzenverbände”, denn tatsächlich gibt die Marktlage etwa im Fussball keine anderen Konstruktionen für Prämien etc. her. Nur, wir sind eben in einem total anderen Marktumfeld als im Fussball.
Es ist hier eine Grundsatzdiskussion sinnvoll, inwieweit man sich “Verbandsprofis” leisten will. Dies führt über simple formale Transparenzfragen hinaus - hier können zweifellos eine Reihe von gut begründbaren Argumenten für alle Seiten angeführt werden. Dankenswerterweise liegt diese Debatte sowieso in der Luft - einfach aufgrund eines Anspruchsdenkens von Schachprofis in einem rapide geänderten Umfeld. Nicht umsonst hat dieses Thema die letzten Ausgaben von SCHACH geprägt.
Immerhin liefert dies einigen Anlass zum historischen Verständnis der GmbH. Sagen wir mal freundlich: Im Umfeld des bundesdeutschen Schachs der 80er Jahre mag es sogar einige Gründe für sie gegeben haben. Nur, diese Zeiten sind vorbei.
Der Schlussteil der Interviews hat lustigerweise eigentlich fast gar nichts mehr mit dem Thema zu tun, sondern beinhaltet formal Privatmeinungen über die Schachbund-Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich ist das nicht ganz zu trennen:
Die Webseite fällt nur teilweise in die Zuständigkeit der DSB Wirtschaftsdienst GmbH, nämlich wegen der wirtschaftlichen Vermarktung. In inhaltlichen Fragen ist der Öffentlichkeitsreferent des DSB zuständig.
Die Logo-Auswirkungen besagter Vermarktung aus der Vergangenheit sind sattsam bekannt, inwieweit auch das permanente product placement Vertragsbestandteil ist, weiß ich nicht. Viele Leute haben sich an dieser empfundenen Schieflage der Seite gestört, aber nun wissen sie wenigstens, dass sie damit Naiditsch & Co. ihr Profidasein mitermöglichen.
Interessanterweise ist aber offenbar auch die Ansicht möglich, dass auf schachbund.de nicht zuviel Schleichwerbung, sondern noch zuviel Schachinformationen vorhanden sind:
Ich sehe zum Beispiel überhaupt keinen Sinn darin, dass auf www.schachbund.de so eine Art kleiner Nachrichtenserver betrieben wird. Das können professionelle Unternehmen sehr viel besser und verlässlicher gestalten.
Huch, das sagt gar nicht der Interviewer des Unternehmens (zu deren Newsseite ja gewissermaßen schachbund.de in Konkurrenz steht und bei denen man verstehen könnte, dass ihnen zuviel Information beim Schachbund nicht passen), sondern doch der Interviewte. Kann man aber auch leicht durcheinanderbringen…
Auch hierzu, und den weiteren Einlassungen zur Öffentlichkeitsarbeit, gibt es Antworten des Referenten auf schachlinks.com.
Speziell die letzte Frage zum Punkt “Pressearbeit” (die ebenso inhaltsleer gestellt wie beantwortet wird) liest sich freilich im Nachhinein nachdenklich - wenn man nämlich um die inzwischen erfolgte Installation von Dagobert K. (und Kündigung von Christian Greiser) weiß. Mit dem unerzwungenen, ausdrücklichen Hinweis, dass dies natürlich nur Sache des Präsidiums ist, hat man der guten Dinge hier vielleicht vorauseilend doch etwas zuviel getan.