Die gelegentlichen Leser werden es schon bemerkt haben - eine zeitnahe, insbesondere parallele, WM-Kommentierung wird es diesmal hier nicht geben. Der einfache Grund ist ein voller Terminplan, insbesondere zu viele Sitzungen während der Übertragungen. Überdies sehe ich auch keinen Bedarf, da inzwischen sehr viele Seiten so etwas anbieten.
Zudem bin ich mindestens ein wenig sauer auf die bulgarischen Organisatoren. Nicht so sehr, dass es wegen der höheren Vulkan-Gewalt nur eine eintägige Kulanzverschiebung statt der beantragten 3 Tage gab, sondern eher über die stillose Art, wie sie den Antrag zunächst abfertigten. Es passt gut zu den Beleidigungen des Weltmeisters im Vorfeld (dass er sich nicht um Sponsoren kümmere etc). Bulgarien hat sich mit der Austragung bisher nicht als Platz fairen Wettbewerbs im Schach empfohlen. Daher möchte ich dieser WM nicht mehr als die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen (auch das Zustandekommen der Topalowschen Sonderrechte - falls sich noch jemand erinnert - war ja nicht sehr überzeugend).
Schachlich hatten die Partien einen großen Unterhaltungswert. Die erste hat eindeutig demonstriert, was Charakteristik und Crux des modernen Profischachs ist: Endlos lange auswendig gelernte Abspiele. Topalow hat seine Vorbereitung aus dem Gedächtnis heruntergezogen, Anand wohl die Züge verwechselt. Es ist übrigens genau das Problem bei Grünfeld, dass sich hier Schwarz viel mehr merken muss als Weiß, und selbst Anands Speicher war hier wohl am Überlaufen. Genau deshalb bleibt das Statement, dass die Eröffnung auf diesem Niveau sehr riskant ist und mindestens praktische Nachteile riskiert.
In der zweiten konnte Anand dann seine Stärken bringen: Obwohl er objektiv keinen Vorteil aus der Eröffnung holte, war die aktive Stellung (für den Minusbauern) und insbesondere das Fehlen schwarzen Gegenspiels die Idealstellung. Topalow brachte sich vorbildlich um: kein Sitzfleisch (dank Schach ja eines der schönen deutschen Worte, die es ins Englische geschafft haben). Ein Zug wie 25….Se3?? ist schon sehr schräg.