Alfred Lichtenstein 120

Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt.
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Und wer den klaren Schach-Bezug in der 4. Zeile der zweiten Strophe nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen ;-) .

3 Responses to “Alfred Lichtenstein 120”

  1. Mynona Zwo Says:

    Ein Bezug zwischen Schach und expressionistischem Reihenstil ist alles andere als abwegig (auch Jakob van Hoddis war Schachliebhaber). Verwiesen sei auf Alfred Lichtensteins Gedicht “Sonntag” von 1914, dessen erste Strophe lautet:

    Ein Kaufmann geht mit Frau und Kind spazieren.
    Schulbuben fahren um die Wette Rad.
    Frau Sonne trocknet einen Leichenkutscher.
    Ein Spieler setzt den anderen schachmatt.

  2. Stefan Says:

    JvH Schachliebhaber? Das wusste ich nicht. Wie ist da die Quellenlage?

    Der Expressionismus ist ohne die Kaffeehauskultur ja nicht denkbar. Und da ist das Schachspielen ja nicht so weit entfernt, wenn die Weltrevolution genug besprochen war.

  3. Mynona Zwo Says:

    Quelle JvH:
    Stratenwerth, Irene (Hg.), all meine pfade rangen mit der nacht. jakob van hoddis. hans davidsohn (1887-1942). Ffm; Basel 2001, S. 205.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.