Zu gierig (I)
Da es ja gerade um übertriebene Gier ging, passt ein Dauerbrennerthema hier eigentlich mal wieder ganz gut hinein:
Zusätzlich müssen alle Teilnehmer einen Verzehrgutschein für das ausrichtende Hotel in Höhe von 15 € erwerben. Für diesen Betrag erhalten sie Verzehrbons des Hotels die sie während des Turniers für Speisen und Getränke am Imbissstand, in der Bar oder im Restaurant des jeweiligen Hotels einlösen können. Nach Ablauf des Turniers verlieren diese Bons etc. Ihren Wert / Gültigkeit. Sie können nicht gegen Bargeld getauscht oder auf Hotelleistungen angerechnet werden.
Die diesjährige Ausschreibung zum Ramada wies obige originelle Neuerung auf. Offenbar war dies selbst den geduldigen Schafen Teilnehmern, die sich bei diesen Veranstaltungen über den Tisch ziehen lassen dort ihren Beitrag zum Schachhotelwirtschaftsstandort Deutschland leisten, allmählich zu viel - trotz des üblichen Werbetrommelns der engagierten Öffentlichkeitsarbeit des Schachbunds bekam man das Turnier nicht mehr voll. Am Ende waren es 255 Teilnehmer in Halle, wonach sich natürlich der folgende Beitrag aus dem Vorfeld (in gewohnt subversivem Humor) besonders genüßlich liest:
Nächste Woche geht nix mehr
Der RAMADA 6hoch3-Cup schlägt mal wieder zu. 280 Anmeldungen sind als Obergrenze in Halle als erstes Turnier der Serie vorgesehen. Eine Woche vor Turnierstart sind 253 Anmeldungen in der Liste. Das bedeutet nach Adam Riese: Wir nehmen noch exakt 27 Voranmeldungen an! Wenn Sie bei der erfolgreichsten Turnierserie aller Zeiten dabei sein möchten, bleibt also nicht allzu lange mehr Zeit, bis hier wieder steht: Nix geht mehr. Ein heißer Tipp ist berechtigt: Zögern Sie keine Sekunde mehr und melden Sie sich jetzt an! Es kann gut sein, dass schon heute abend die Listen der Voranmeldungen voll sind. Und wer die regelmäßigen Vorschlussmeldungen des RAMADA-Cups kennt, der weiß - wir scherzen damit nicht;-)
(Quelle: schachbund.de, 19.10.2007)
Wie es um die Arithmetik des DSB bestellt ist, sieht man auch daran, dass man es ja geschafft hat, im letzten Jahr bei selbiger Veranstaltung Verlust zu machen. Dazu muss man allerdings fairer Weise sagen, dass unser Verband mit dem eigentlich großen Geschäft nichts zu tun hatte, sondern nur einen Bruchteil der bewegten Gelder zur Verfügung hat, um Gebühren auf sportlicher Seite, Pokale etc. zu decken (und da hat man sich halt etwas verkalkuliert).
Die eigentlichen Gewinne - und dies dürfte einiges sein, wobei der genaue Betrag natürlich von der Differenz zur normalen Auslastung der Hotels an so attraktiven Urlaubs- und Geschäftsorten wie Halle/Saale etc. abhängt - fließen abseits des Schachbundes, und man darf davon ausgehen, dass niemand beim DSB weiß, was genau anfällt und ob die deutlich erhöhten Einnahmen nur als dickes Plus in der Hotelkasse oder noch anderweitig auftauchen (genauer, als Schachfunktionär wird es niemand offiziell wissen, ob als Privatperson oder in anderer Funktion, was ja bekanntlich immer streng und sauber vom Amt getrennt wird, entzieht sich meiner Kenntnis).
Jedenfalls war offenbar irgend jemand mit der Bilanz des letzten Jahres nicht zufrieden und kam auf die brilliante Idee des Verzehrgutscheins, offenbar weil es zu viele Spieler gab, die anderweitig unterkamen und somit nicht wie geplant in die Ramada-Kasse einzahlten. Die Teilnehmer stimmten daraufhin mit den Füßen ab - genauer, mit den (Nicht)anmeldungen.
Nun kann man das Ganze ja prinzipiell oder pragmatisch sehen. Manch allzu moralischen Menschen sind ja gewisse Grauzonen per se widerwärtig. Ein Pragmatiker mag sich sagen - gut, soll sich doch jemand ein paar Peanuts abzweigen (und letztlich sind es ja nur so schätzungsweise vierstellige bis maximal niedrige fünfstellige Beträge, richtig reich wird man damit höchstens sehr mühselig), immerhin gibt es dadurch eine schachlich nicht uninteressante Turnierserie (das ist Ramada durchaus, immerhin hat man die Garantie, durchweg gegen halbwegs gleichstarke Spieler gelost zu werden und nicht wie in Normalopen das Jojo zwischen Fallobst und Bulldozer zu machen), die sonst im Kalender fehlen würde.
Aber genau das ist der Punkt: Selbst vom pragmatischen Standpunkt aus sollten die Turniere zumindest attraktiv genug sein, damit die Leute nicht wegbleiben. Und wenn hier - wieder einmal - bei jemandem die Gier so groß geworden ist, dass an der Gans herumgeschnippelt wird, die doch bisher ganz gut gelegt hat, dann sollte sich auch mal jemand von der Schachbund-Seite bemüßigt fühlen, hier eine Warnung auszusprechen (falls da noch jemand überlebt hat, der unabhängig und Autorität genug ist, dies zu tun). Sonst muss man sich nicht wundern, dass der Spielraum bis zur Schmerzgrenze (sprich: bis zum Crash der Serie) ausgereizt wird.
November 16th, 2007 at 4:40 pm
Es sei an dieser Stelle als Gegenmeinung auch eine andere mögliche Erklärung von K.-J. Lais für die niedrige Teilnehmerzahl in Halle genannt: Das Marketing sei spät angelaufen, z.B. sei die Broschüre zur Turnierserie sei erst zukurz fertig geworden.
December 18th, 2007 at 8:54 am
Das zweite Turnier der Serie in Kassel zeigt zumindest, dass andere Fehlentscheidungen noch wesentlich stärker auf die Bilanz durchschlagen:
Die desaströse Teilnehmerzahl von nur 177 kann bestimmt nicht allein mit dem Verzehrgutschein erklärt werden, sondern der Schachbund wird ganz recht haben, wenn dafür er die Ansetzung des Turniers an einem Wochenende mit Spieltag des hessischen Landesverbandes mitverantwortlich macht.
Wer allerdings die Verantwortung für diesen Geistesblitz trägt, bleibt schleierhaft - man darf aber davon ausgehen, dass sie freiwillig niemand übernehmen wird
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Das nächste Turnier der Serie in Hamburg ist schon ausgebucht - allerdings zum überwiegenden Teil mit Spielern aus HH und Umland, die sicher zu Hause wohnen werden. Immerhin belegt dies, dass das Ramada-Format ein durchaus attraktives Turnier bietet - besonders, wenn die Spieler nicht genötigt sind, über ihre Hotelrechnungen noch anderes mitzutragen.