Jahrbuch-Redaktion gegen Bieberbach und “Deutsche Mathematik”

Beim jüngsten Thema “Ethik in der Wissenschaft” hätte das mathlog neben der “Deutschen Physik” auch die parallel laufende Strömung einer “Deutschen Mathematik” als Beispiel gesellschaftlich-ideologischer Einflußnahme auf die Wissenschaft nennen können. Allerdings stellten sich nicht einmal alle deutschen Mathematiker hinter die z.B. von Bieberbach als Protagonisten vertretene Ideologie, an die Stelle angeblich “jüdischer Abstraktion” eine “gesunde Anschauung” zu setzen (natürlich etwas vergröbert dargestellt). Ironischerweise war der Vordenker der abstrakt-axiomatischen Heransgehensweise der damals immer noch bedeutendste deutsche Mathematiker, der
alte David Hilbert (er starb dann 1943 in Göttingen).

Die beiden damals existierenden Referateorgane, das Jahrbuch über die Fortschritte der Mathematik (Akademie & de Gruyter) und das Zentralblatt des Julius-Springer-Verlags, waren damals auf der Gegenseite und versuchten so lange wie möglich, die nazistischen Anweisungen zu unterlaufen. Beim Zentralblatt - ohnehin einer sehr international ausgerichteten Gründung des Nazi-Gegners Otto Neugebauer - verstand sich dies von selbst, aber erstaunlicherweise gelang es auch der Jahrbuch-Redaktion, sich sehr lange dem Einfluss Bieberbachs zu entziehen - obwohl dieser über die Akademie direkter Vorgesetzter der Redaktion war.

Bemerkenswert ist z.B. dass Bieberbach sich noch 1938 über die Beschäftigung jüdischer Referenten beschwert (was eigentlich entsprechende Gesetze von 1933 unterlief). Für die ins Exil geflohenen oder versteckten jüdischen Mathematiker waren die Referate-Tantiemen in jenen Jahren eine Möglichkeit, sich über Wasser zu halten; beim jahrbuch hielt der Schriftleiter Grunsky seinen Kopf dafür hin, gegen allen Druck von oben diese Verbindungen so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dies gelang bis 1939, als durch den Druck auf die Verlage die kalte Gleichschaltung erfolgte - Grunsky kündigte daraufhin. Selbst nach dem Krieg musste er lange als Lehrer arbeiten: Durch seine Jahre im Jahrbuch selbst hinsichtlich der Forschung und des Publizieren stark eingeschränkt gehindert und von den immer noch an den Unis vertretenen Altnazis kritisch angesehen, blieb ihm lange eine Berufung in Deutschland verwehrt, obwohl er durchaus Beachtliches auf dem Gebiet der Funktionentheorie geleistet hatte (über Grunsky -Operatoren und - Koeffizienten gibt es heute noch viele Arbeiten).
Nachfolgend ein Brief von 1938, der auch deutlich macht, wie lange ziviler Ungehorsam auch im dritten Reich möglich war.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.