Blick übern Ghettozaun (I): Schachbundesliga 08/09 - Abstieg? Kein Thema!
Spät sind wir dran mit der Bundesligavorschau - immerhin geht es in nur einer Woche los. Würden wir wie in den früheren Jahren die Abstiegskandidaten gesondert betrachten, könnte es knapp werden. Schließlich ist im Prinzip jeder Verein abstiegsgefährdet: Nachdem innerhalb weniger Monate Bindlach, Godesberg, Erfurt und Tegernsee (ab 2009) auf eine Beteiligung an der privatisierten Liga verzichtet haben, ist klar, dass es im Prinzip jeden treffen kann.
Aber eben deshalb lohnt die Spekulation praktisch nicht mehr. War es vor zwei Jahren noch mit einiger Überlegung möglich, den mit großen Ansprüchen und finanziellen Mitteln gestarteten Bindlachern einen baldigen Knall vorauszusagen (immerhin hielten sie 18 Monate aus), ist es spätestens seit dem Porzer (letztes Jahr) und Tegernseer Verzicht beliebig. Mannschaften können seither nicht nur wegen mangelnder Qualität der Sponsoren zurückziehen (wie im Falle des Börsengurus “Mister Dausend” Förtsch), sondern auch wegen zu hoher Qualität der Geldgeber - weil ihnen das Affentheater der Liga schlicht zu blöd ist. Kein Wunder, wer möchte schon jahrzehntelange Basisarbeit leisten, Talente pflegen und aufbauen, wenn man sich dann doch nur in einem merkwürdigen Ghetto wiederfindet, das von stundenweise eingeflogenen Osteuropäern dominiert wird? Zumal man seit der e.V.-Gründung auch noch einen ziemlich hohen Eintritt bezahlen muss, um sich zusammen mit den Gastarbeitern einschließen zu lassen.
Die These also: Da es neben Tegernsee voraussichtlich weitere Rückzüge geben wird und auch Aufstiegskandidaten schon dankend abwinken, wird es keinen sportlichen Absteiger geben. Die Schelz-Brandenburgischen Bemühungen, wenigstens die letzten beiden “zwangsabzusteigen”, sind ja gescheitert, würden aber beim derzeitigen Stand ohnehin nur zu einer Verkleinerung der Liga auf kaltem Wege führen. (Ach ja, das war ja sowieso schon immer Bremer Programm, aber dann sollte man das wenigstens nicht mit dem angeblichen Interesse der Zweitliga-Zweitplazierten begründen).
Gefährdet ist mittelfristig Oos, wegen zu hoher Qualität. Zunehmende Terminkonflikte mit allen Folgen könnten zusätzlich demotivierend wirken, aber vor allem könnte Grenke die Lust verlieren, wenn der e.V. nicht bald einmal wesentliche Verbesserungen vorweisen kann. Auf den Schachbund kann man sich ja nicht mehr herausreden. Die Amateurvereine Dresden und München könnten sich ebenfalls als zu gesund für die Liga erweisen und am Ende des Jahres (wie in diesem Sommer Erfurt) der Meinung sein, dass ein längerer Aufenthalt in der Sonderliga ihrem Verein nicht guttun würde.
Tatsächlich hat die Schachbundesliga inzwischen eine beeindruckend lange Liste an Vereinen, die durch die Teilnahme ausgeblutet sind. Neben den bekannten Beispielen, wo es schon gekracht hat, sei noch Live-Beispiel die Entwicklung beim SC Kreuzberg zu nennen. Vor einigen Jahren der mitgliederstärkste deutsche Schachverein, mit einigen Standortvorteilen: Hauptstadt, gutes Einzugsgebiet, dem Verein verbundener Mäzen, eher überdurchschnittliche Berichterstattung und Medienpräsenz durch hohe Schachjournalistendichte.
Gegen den Auslaugeffekt durch die Schachbundesliga half das aber alles nichts. Inzwischen liest sich der Saisonausblick so. Reinhard Müller ist damit (samt einem Teil des Gefolges) beim dritten Berliner Verein innerhalb weniger Jahre (nach Lasker und Zehlendorf) angelandet. Würde man rein statistisch urteilen, steht damit dann doch schon ein weiterer Absteiger fest.
Raj hätte da mal jedenfalls ein ergiebiges Thema, um mit qualitätsjournalistischer Tiefe Entwicklungslinien in einem großen deutschen Verein zu analysieren (ob Norbert Sprotte die aktuelle Lage kommentieren würde?). Wäre doch mal was anderes, als immer nur dem stets gleichen Jet-Set der Top Ten zu folgen - den Kampf gegen das Netz um die Analyse von Superturnier-Partien gewinnt man sowieso kaum, zumal die üblichen GMs für alle Portale und Zeitschriften schreiben. So schwer es ist, eine deutschsprachige Qualitätszeitschrift auf dem kleinen Heimmarkt zu verteidigen - ohne Bezug zum lokalen Vereinswesen wird es gar nicht gehen. Der Bundesligazoo hat sich davon leider auch verabschiedet.