Die Stunde der Komödianten (III)
Angewandt auf unsere virtuelle Haitianische Mannschaft ergibt sich also aus der Analyse: Die wichtigste Person im Inselschachverband ist der FIDE-Kongressdelegierte. (Meist ist es der Verbandspräsident, aber manchmal ist der ja auch nur ein vorgeschobenes Würstchen der echten Strippenzieher im Hintergrund). Es ist natürlich sicherzustellen, dass er zu seiner “Abstimmgebühr” kommt; und weil man bei solchen keinem trauen kann (und so ein Trip nach D ja auch immer mal schön ist), wird er sich die Anwesenheit in Dresden nicht nehmen lassen.
Der Rest ist Verhandlungssache, denn die Schachspieler sind ja für die größten Teil der FIDE-Länder eher unwichtig. Als Schachentwicklungsland kann unser Inselstaat mit großzügiger Unterstützung rechnen - immerhin, die Unterkunft für zehn Leute plus Flügen ist schon eine ordentliche fünfstellige Summe. Ok, die Flüge brauchen wir eigentlich nicht, aber da kann man immer was drehen. Die Leute sollen froh sein, dass wir die Umwelt schonen, aus Deutschland anreisen und CO2 sparen. Diesen Inselstaaten, die immer wegen der steigenden Meeresspiegel jammern und trotzdem meinen, zur Schacholympiade fliegen zu müssen, ist ja nun wirklich nicht zu helfen - sollen sie ruhig ersaufen. Immerhin haben die Seychellen Einsicht gezeigt und holen als aktiven Beitrag zum Klimaschutz Schweizer ins Team. Noch vorbildlicher die Malediven, die sind gar nicht gekommen.
Ok, die Unterkunft brauchen wir selbst, aber keine Ersatzspieler - über zwei Spesenbudgets kann Le President also frei verfügen. Und wir wollen ja auch das Turnier nicht völlig geschenkt haben - einen kleinen Unkostenbeitrag ist es uns schon wert, immerhin würden wir sonst für ein mittelprächtiges Open ja auch ein wenig zahlen. Hier genießen wir außerdem noch den Olympiateilnehmerstatus mit allen Vergünstigungen und sparen die horrenden Eintrittsgebühren. Ein paar Tausender ist das für 8 Leute im Schachurlaub durchaus wert - die bekommt Le President also in die Hand gedrückt, und wir sind angemeldet. (Er hat ja auch noch ein wenig Arbeit, unseren Nationalitätenwechsel unter Dach und Fach zu kriegen, aber das ist vergleichsweise einfach - es gibt ja in der FIDE nichts, was man nicht mit Geld regeln könnte, und für solche Kleinigkeiten, wenn man sie rechtzeitig in Angriff nimmt, sieht die interne Gebührenliste nicht allzuviel vor).
Ein wenig mussten wir noch aufpassen, wen wir mit auf die Reise nehmen: Drei Greifswalder Oberligaspieler hätten etwa das Problem ergeben, dass wir dann gleichzeitig zusammen im Mannschaftswettbewerb hätten spielen können (Haiti ist schließlich noch nicht EU). Aber auch das bekommt man halbwegs aufgeteilt, nehmen wir noch ein paar andere ins Boot.
Und schon kann es losgehen ins große Vergnügen, und letztlich gewinnen gegenüber dem Normalmodus alle: Wir haben ein günstiges Turnier bei Superbedingungen (dank der Stadtgarantie wird diesmal auch nicht am Essen gespart), man tut was für die Umwelt, die Kasse von Le President stimmt, und unsere neue Schachheimat hat erstmals die Chance auf einen einstelligen Tabellenplatz. Ach ja, und wir müssen keine Beiträge mehr an den Schachbund zahlen, mit denen schwachsinnige Aktivitäten finanziert werden - statt dessen werden wir erstmals effektiv vom deutschen Steuer- und Beitragszahler unterstützt! Allerdings mussten wir dazu vorher außer Landes gehen.
November 18th, 2008 at 9:57 pm
“dass wir dann nichtgleichzeitig zusammen im Mannschaftswettbewerb des DSB hätten spielen können”
Die fetten Passagen hätten mir drei Minuten krampfhaften Nachdenkens über den Sinn des Satzes erspart
Länger als drei Minuten habe ich dann aber nach dem einschlägigen Abschnitt zur beschriebenen (Nicht-EU-)Ausländerbegrenzung gesucht. In der beim DSB veröffentlichen Version habe ich ihn nicht gefunden. Wenn ich nichts übersehen habe, dann könntet ihr bei DSB-Mannschaftswettbewerben mit acht bzw. vier Haitianern antreten.
Ich habe im übrigen letztes Jahr vor der Xiangqi-WM in Macao wenigstens kurz darüber nachgedacht, wie ich mich vor Ort am besten für das macanesische Olympiateam ins Gespräch bringen könnte
Hätte bei erfolgreicher Umsetzung immerhin knapp für’s erste Brett gereicht…
November 18th, 2008 at 10:24 pm
In der Turnierordnung des Landesschachverbandes MV gibt es den Artikel 1.3: “Für jede Mannschaft … dürfen bis zu drei ausländische Spieler gemeldet werden. Von diesen dürfen maximal zwei Spieler je Mannschaft gleichzeitig eingesetzt werden.”
Für den DSB gilt diese Regelung nicht, da dürfen beliebig viele Ausländer (egal ob EU oder nicht) gleichzeitig eingesetzt.
Und selbst für die MV-internen Veranstaltungen hätte sicherlich der zweite Absatz des besagten Artikels gegriffen: “Ein ausländischer Spieler ist deutschen Spielern gleichgestellt, wenn eine der folgenden Bedingungen erfüllt wird: …
3. Spieler mit dauerhaftem Hauptwohnsitz Deutschland (mindestens zwei Jahre)
4. Spieler mit Hauptwohnsitz und Arbeitsstelle in Deutschland …”
Aber zumindest ahne ich jetzt, warum Greifswald nicht zum Mannschaftspokal angetreten ist (die sind anscheinend davon ausgegangen, dass sie keine vier Spieler aus Haiti einsetzen dürfen
November 19th, 2008 at 9:50 am
Das muss ich korrigieren. Selbstverständlich ist Greifswald zum Mannschaftspokal angetreten - nur leider nicht die Erste. Wie die Historie zeigt, reicht bei Greifswald (zumindest im Jahr 2005) auch die Zweite, um den Pott zu holen.
November 19th, 2008 at 11:22 am
In der 1. und 2. Liga gibt es keine Klausel, aber die TO der Oberliga ist wieder eine andere Geschichte. Träger ist hier nicht der zentrale DSB, sondern das entsprechende Zweckbündnis der Landesverbände, was mancherlei Konstruktionen mit sich bringt. (Jemand hat mir mal erzählt, dass bisher alle Detailklagen gegen TO-Punkte etc. dieser überregionalen, aber nicht zentralen Ligen vor Gerichten erfolgreich waren; ich habe es aber nicht nachgeprüft
).
Die Landespokalgeschichte hat mich auch ziemlich geärgert, aber das möchte ich nicht unbedingt hier austragen. Ich muss jetzt als ML in der DPMM erst mal beweisen, es besser zu machen.