Silbernes Zeitalter

Bei einem Kampf der 1. Runde in der NRW-Klasse gab es Schwierigkeiten beim Einstellen der vom Gastgeber benutzten Uhren vom Typ SchachTimer „Silver“. Die verwendeten Uhren stammen aus der Zeit vor der FIDE-Zertifizierung des SchachTimers und lassen im Modus 10 keine Programmierung einer dritten Spielphase zu. Der Kampf wurde für die Gastgeber mit 0:8 gewertet.

So berichtet vom Schachschiedsrichter NRW, wo auch vorbildlich die Information vorliegt, dass Modelle des Silberzeiters vor 2007 ungeeignet sind (unklar, ob dies durch Versionsnummer für einen arglosen Käufer erkennbar ist). Wäre mal lustig - wenn auch schwierig im Nachhinein - zu überprüfen, wie lange dies Zeug trotzdem noch vom Schachbund vertrieben und empfohlen wurde.

Auch die meisten derzeitigen Modelle auf dem Markt lassen noch genügend Raum für Neubeschaffungsoptionen - so etwa die Möglichkeit, den Zugbonus in Abhängigkeit von der Spielphase frei zu programmieren. (Mal davon abgesehen, dass ja vielleicht die Organisationen in Absprache mit den Herstellern auch auf die Idee kommen könnten, nun in jedem geraden und Primzahlzug, oder nach einem Zufallsgenerator den Bonus zu vergeben).

Naja, wir wissen ja, dass das Goldene Zeitalter des Schachs vorbei ist - aber wir können uns trösten, wenigstens im Silbernen zu leben, genauer, im Goldenen der Uhrenhersteller.

22 Responses to “Silbernes Zeitalter”

  1. WernerBerger Says:

    Ich denke nicht, dass es sinnvoll erscheinen kann, innerhalb einer Partie unterschiedliche Boni zu gewähren. Es bereitet auch Schwierigkeiten, einen Bonus nicht ab Zug 1, sondern ab einem anderen Zeitpunkt/ einer anderen Zügezahl zu gewähren, da sonst im Extremfall ein Spieler auf eigene Zeit die Notation vervollständigen muss, obwohl ihm dafür nur 30 Sekunden zur Verfügung stehen.

    Zum Ausgangsfall:
    Mir ist unbegreiflich, dass der Schiedsrichter nicht auf die Idee verfallen ist, die dritte Spielphase nicht schon bei Partiebeginn, sondern erst während der zweiten Spielphase manuell bzw. unter Zuhilfenahme einer Ersatzuhr einzustellen.

  2. Nordlicht_70 Says:

    Mmmhh, so sinnfrei erscheint mir das nicht. Es wäre doch auch möglich, die Bedenkzeit folgendermaßen zu regeln: 2h für 40 Züge, 1h für weitere 20 Züge, 15min +30 sec / Zug bis zum Ende der Partie.
    Vorteil: 1. Man hat die Bedenkzeit nicht verkürzt
    2. Man hat seine “Action” während der Zeitnotphase (ok, ist nicht allen willkommen ;-) )
    3. 10.2 entfällt wegen Mitschreibpflicht bis zum Ende
    Die 15 min (schon 3 min) reichen locker, um die Partie vom Formular des Gegners abzukritzeln - schreiben beide nicht mit, wird die Uhr sowieso angehalten.
    Diese Bedenkzeit kann aber wohl (derzeit) weder die Silver noch die DGT’s. Psst, nix verraten, sonst müssen wir uns nächste Saison wieder neue Uhren kaufen….

    Zum Ausgangsfall: Abgesehen vom Für und Wider Inkrement - hätte man diese Bedenkzeit mit Vorlauf von sagen wir 3 Jahren eingeführt, hätte man einige “Kollateralschäden” vermeiden können, weil man ganz sicher auf die Probleme gestoßen wäre, ohne Kosten und sportliches Chaos (Punktverlust) zu verursachen. Was hier angerichtet wurde, wird wohl langsam klar, wenn man sieht, dass die neue Bedenkzeit neben der DGT2000 auch für einige Modelle der Silver - beide Modelle als FIDE-zertifiziert verkauft! - das Aus bedeuten.

  3. WernerBerger Says:

    Nein, es geht nicht.
    Wenn es Zeitzuschlag ab dem 61. Zug von Weiss geben soll, wird wiederum den Spielern vor dem Blättchenfall signalisiert, dass die erforderliche Zügezahl geschafft ist.
    Und wenn es Zeitzuschlag ab dem 1. Zug nach dem Blättchenfall geben soll, bekommt u. U. (systemwidrig) als erster Schwarz den Zeitzuschlag.

  4. Pulitzer Says:

    Es ist schon erstaunlich, wie kompliziert so eine Bedenkzeitregelung sein kann…

    Die derzeitige Bedenkzeit 1h 30 min + 30 min (+30s/Zug), also mit Inkrement ab dem 1. Zug, soll es m.E. auch ermöglichen, dass die Spieler die Partie immer mitschreiben können. Bei einem Mannchaftskampf geht das ja vielleicht noch, aber bei einem großen Turnier mit X Zeitnotschlachten ist so was natürlich für die Schiedsrichter recht anstrengend.

    Zum oben genannten Fall: ich finde es auch ein Unding, dass hier nicht eine salomonische Regelung getroffen und die zweite Spielphase manuell eingestellt wurde. Möglicherweise wären die Partien auch gar nicht über den 60. Zug hinaus gegangen? Soll auch schon vorgekommen sein.

  5. Elvis Says:

    Die (nachvollziehbare) Argumentation im Kölner Fall:
    Der gastgebende Verein ist für funktionsfähiges Spielmaterial verantwortlich.
    Die neue Bedenkzeit war seit mehr als 3 Monaten bekannt; in der Zeit hätte durchaus jemand im Verein auf die Idee kommen können, zu probieren, wie die Uhren sich auf diesen Modus einstellen lassen. Zumal bei der Silver, die eben nicht intuitiv zu bedienen ist.
    Schuld ist demnach nicht (oder nicht nur) die falsche Materialbeschaffung, sondern die Schlafmützigkeit des Vereins.

  6. MiBu Says:

    Zufälligerweise ist der SR in dem 0:8 gewerteten WK Vereinskollege von mir. Er hat mit erzählt, dass die Uhren tatsächlich früh genug beschafft, aber dann nur in den Schrank gestellt worden sind, um sie kurz vor dem match wieder rauszuholen. Mit der Bedienung hatte sich niemand beschäftigt. Alle Versuche, den korrekten Modus einzustellen (woran er als SR selber mitprobiert hat - wenn auch ebenfalls erfolglos) scheiterten, so dass regeltechnisch gar keine Alternative zu der 0:8-Wertung blieb.

  7. nobox Says:

    Rise of the Silver Timer - sind diese programmierbaren Schachuhren eigentlich von Artikel 12 Punkt 3b der FIDE-Regeln ausgenommen ?

  8. nobox Says:

    Oh ich, seh gerade, es gibt da verschiedenste Numerierungen. Ich bezog mich auf http://www.berlinerschachverband.de/wiki/FIDE_Schachregeln

  9. bonaventura Says:

    Nordlicht_70 schrieb:

    Diese Bedenkzeit kann aber wohl (derzeit) weder die Silver noch die DGT’s.

    Bei der DGT 2010 ist das z. B. Programm 13, bei der DGT XL Programm 18, die “Silver” kann problemlos entsprechend programmiert werden.

    Ist schon ein echtes Fachgespräch hier, nicht wahr?

  10. Stefan Says:

    Es gibt keinen vernünftigen Grund für die Verkürzung der Bedenkzeit. Bis einschließlich Oberliga gibt es auch keine Zuschauer oder Sponsoren, denen ein so langes Zugucken nicht zugemutet werden könnte. Es gibt nur die Spieler.

    Schach ist nunmal ein Denkspiel, warum soll man dafür nicht ausreichend Zeit bekommen? Der Verfall der Endspieltechnik wird ja allenthalben beklagt, zurzeit gerade beim Weltpokal. Warum gibt man den Spielern dann nicht die Bedenkzeit, um ein Endspiel mal durchzurechnen?

    Meinetwegen kann man auch 2h/40+1h/20+30min spielen, dann können die analogen Uhren einfach weiterbenutzt werden.

  11. WernerBerger Says:

    bonaventura hat offensichtlich nicht begriffen, von welcher Bedenkzeitregelung gerade die Rede ist.

  12. OT Says:

    Aber bitte - unfreundliche Spitzen möchte ich hier doch für mich reserviert wissen wollen. Die Kommentare sollten dem gewohnt freundlichen Geist sanfter Aufklärung (insbesondere der der Irrtümer des Blogbetreibers) verbunden bleiben.

  13. bonaventura Says:

    Von dieser:

    2h für 40 Züge, 1h für weitere 20 Züge, 15min +30 sec / Zug

    Die ist bei den DGT-Uhren vorprogrammiert, wie ich geschrieben habe.

  14. WernerBerger Says:

    Nein!
    Vorprogrammiert sind ausschließlich Bedenkzeiten mit Zeitzuschlag pro Zug AB DEM 1. ZUG.
    Nordlicht_70 schlug eine Bedenkzeit mit Zeitzuschlag pro Zug ERST NACH DER 2. ZEITKONTROLLE vor. Wer sich seinen Beitrag noch einmal und ganz in Ruhe und im Zusammenhang mit dem unmittelbar vorhergehenden Beitrag durchliest, wird das begreifen (weil nämlich andernfalls die Wendung “15 min reichen locker” usw. keinen Sinn ergibt, da bei Zeitzuschlag AB ZUG 1 durchgehende Notationspflicht besteht).

  15. WernerBerger Says:

    Ja, es ist wirklich ein “echtes Fachgespräch”, dem nicht jeder zu folgen vermag.

  16. bonaventura Says:

    Das simmt einfach nicht. Nimm die DGT-Uhr in die Hand und probier es aus. Genau die von Nordlicht_70 vorgeschlagene Zeitkontrolle — so, wie auch Du sie verstehst — ist vorprogrammiert. Ich habe die Uhren hier und mich durch Augenschein davon überzeugt.

    Und wenn man keine Ahnung hat, …

  17. Krennwurzn Says:

    Also im Handbuch für die DGT 2000 steht:

    6. “FIDE” Tournament-Bedenkzeit (15, 16 und 17)
    In dieser Einstellung wird mit zwei Perioden angefangen, bevor die
    zusätzliche Zeit für jeden Zug läuft.

    siehe: http://www.dgtprojects.com/site/index.php/Manuals/View-category.html

  18. Reyk Says:

    Die Uhren können es, auch wenn ich nicht verstehe, warum man sich darüber nicht auch anders verständigen kann als die beiden kommentierenden Schiris. Problem aus Sicht der zentralen Ligen könnte die Normentauglichkeit der genannten Bedenkzeit sein (vielleicht wegen des genannten Züge-Vorsag-Effekts durch die Uhr). Inwieweit die Normen Oberliga und abwärts tatsächlich relevant sind, steht auf einem anderen Blatt.
    http://www.fide.com/fide/handbook?id=58&view=article

    1.14 The tournament must be played by using one of the following rates of play:
    90 minutes with 30 seconds cumulative increment for each move starting from first move
    (This time control is valid only until 30.6.2010.)
    90 minutes for 40 moves + 30 minutes with 30 seconds cumulative increment for each move starting from the first move
    100 minutes for 40 moves followed by 50 minutes for 20 moves, then 15 minutes for the remaining moves with 30 seconds cumulative increment for each move starting from first move
    40 moves in 2 hours followed by 30 minutes for the rest of the game
    40 moves in 2 hours followed by 60 minutes for the rest of the game
    40 moves in 2 hours followed by 20 moves in 1 hour followed by 30 minutes for the rest of the game

  19. bonaventura Says:

    Reyk schrieb:

    auch wenn ich nicht verstehe, warum man sich darüber nicht auch anders verständigen kann als die beiden kommentierenden Schiris

    Das liegt bei mir an einer Idiosynkrasie.

  20. derdave Says:

    So “eindeutig” wie der Fall hier liegt und der gastgebende Verein entsprechend bestraft wurde, frage ich mich, wie das Vorgehen und ein eventuelle Strafe wäre, wenn es kein gastgebenden Verein gibt?
    Beispiel: Bei Doppelrunden in der Begegnung, wo der Reisepartner spielt. Der hat mit den Spielbedingungen offenbar nichts tun, also zum Beispiel mit falsch eingestellten oder gar nicht funktionierenden Uhren. Für einen zu kalten Raum kann er auch nichts.
    “Neuansetzung und die Kosten den gastgebenden Verein aufbrummen” hört sich ja als Strafe nett an, jedoch auch da wird neben der Frage, was alles Kosten sind (und was nicht) auch die Frage der Verfügbarkeit beider Mannschaften stehen.

  21. OT Says:

    Der Vollständigkeit halber sei hier noch der Ausgang des Verfahrens nachgetragen (von http://www.lasker-koeln.de/index.php?top=Neuigkeiten):

    Liebe Schachfreunde und Schachblogger,
    da der Fall der seltsamen Silver Timer mittlerweile hohe Wellen schlägt, möchte ich – zur Beruhigung und Richtigstellung – kurz die belegbaren Fakten zu diesem Fall darlegen.

    Zur neuen Saison 2009/2010 gilt in der NRW-Klasse als neue Bedenkzeit der so genannte lange Fischer-Modus: 100 min + 30 sec. Inkrement für die ersten 40 Züge, sodann 50 min + 30 sec. Inkrement für die nächsten 20 Züge, und dann 15 min + 30 sec. Inkrement für den Rest.

    Nach allgemeiner Informationslage ist dieser Modus bei keiner Schachuhr voreingestellt und muss bei allen per Hand programmiert werden. Die Turnierleitung teilte in einer Mail vom 20.8.2009 mit, dass “nur die von der FIDE zertifizierten Uhren derzeit regelgerecht diese Bedenkzeiten wiedergeben können. Dies sind die Modelle DGT XL, DGT 2010 und SILVER. Alle anderen Modelle sind nicht zulässig.”

    In der Ausschreibung heißt es: “es müssen ausreichend Spiel und Schreibmaterial, sowie intakte Schachuhren vom Typ DGT XL DGT 2010 oder Schachtimer Silver gestellt werden”

    Somit wurden beim Silver Timer keine einzelnen Modelle unterschieden. In einer Mail vom 8.9.2009 teilte der SB NRW mit, dass für das EINSTELLEN und ÜBERPRÜFEN der Uhren der (an den Uhren ausgebildete) Schiedsrichter verantwortlich sei. In einer Mail vom 18.9.2009 teilte der SB NRW mit, dass die Digitaluhren dann korrekt eingestellt seien, wenn gemäß der Anleitung auf der entsprechenden Homepage vorgegangen werde. Telefonate am Spieltag erweckten den Eindruck, dass die Ausbildung der Schiedsrichter an den Uhren darin bestand, über die Anleitung auf der Homepage in Kenntnis gesetzt worden zu sein.
    In einem Mailverkehr vor dem Kampf teilte ich dem Schiedsrichter den Uhrentyp mit. Am Spieltag selbst gelang es uns nicht, das Gerät zu stellen; dem Schiedsrichter gelang dies auch nicht. Zu diesem Zeitpunkt war niemandem (und da schließe ich alle Funktionäre des SB NRW mit ein) bekannt, dass es Modelle vom Silver Timer gibt, die den verlangten Bedenkzeit-Modus überhaupt nicht darstellen können.

    Der Schiedsrichter wertete den Kampf 0:8 wegen nicht kompletten Spielmaterials. Alternativen, wie die dritte Bedenkzeitphase mit den vorhandenen Uhren bei Bedarf einzustellen, wurden nicht erwogen.
    Wir legten Protest ein, dessen Bearbeitung gut zwei Monate dauerte. Zwischenzeitlich wurde der Verein vom Schiedsgericht gefragt, ob die bereit gestellten Uhren von der FIDE zertifiziert seien und welche Seriennummern sie hätten. Das Schiedsgericht schien also nicht über die verschickten Mails (s. o. Mail vom 20.8.2009) Kenntnis zu haben, auch wenn Mitglieder des Schiedsgerichts im Cc gestanden haben.

    Es wird kolportiert, dass der SB NRW unseren Protest inoffiziell mit dem Deutschen Schachbund erörtert hat, ehe er eine Entscheidung traf.
    Der Protest wurde abgewiesen, also trägt der SB NRW keinerlei Mitschuld an dem Uhrenchaos.

    Wir hoffen, dass die Protestgebühr vom SB NRW dazu verwendet wird, weiterhin fehlerfrei zu agieren.

    Patrizio Di Franco

  22. Stefan Says:

    Schön, wenn die Leute bei alledem den Humor nicht verlieren!

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